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16. November 2012

Hamed Abdel-Samad: Vom Antisemiten zum Islamkritiker

 Von Cigdem Akyol
Am Sonntag kehrt Hamed Abdel-Samad zurück ins Fernsehen. Foto: dapd

Hamed Abdel-Samad begibt sich mit Henryk M. Broder wieder auf Deutschlandsafari. Der einst bekennende Antisemit kam nach Deutschland und befreite sich von seinen Vorurteilen. Vom Islam hat er sich dennoch nicht abgewendet.

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Als Hamed Abdel-Samad den Mob sah, der im September in den arabischen Ländern gegen den Mohammed Film wütete, sah er auch ein wenig sich selbst. Er erinnerte sich an seine Jugend, als auch er den Westen hasste. Dieser, so empfand er damals, habe den Orient jahrhundertelang als Toilette benutzt, „ohne einmal die Spülung betätigt zu haben“.

1995 lief der Ägypter vor seinem alten Leben davon und kam nach Deutschland. Als der damals 23-Jährige aufbrach, war er fromm, bildungshungrig und ein überzeugter Antisemit. Inzwischen ist er nicht nur zu einem engagierten Kritiker des Islam geworden und zu einem der profiliertesten Kenner des Nahen Ostens, er hat auch ein großes Tabu gebrochen. Der Politologe hat über Missbrauch und Gewalt gesprochen, und er hat hässliche Wahrheiten über muslimische Gesellschaften niedergeschrieben, die den Islam als Feigenblatt für ihre menschenverachtenden Systeme nutzen.

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 nahe Gizeh geboren. Er war der Sohn eines sunnitischen Imams und wurde als Vierjähriger von einem 15-Jährigen vergewaltigt. „Vor Angst gelähmt rezitierte ich damals aus dem Koran“, sagt er. Mit elf sei er noch einmal – diesmal von fünf Jugendlichen – missbraucht worden.

Ausbruch und Zusammenbruch

In Deutschland angekommen, heiratete der damals 23-Jährige bald eine 18 Jahre ältere „rebellische linke Lehrerin“. Nicht aus Liebe, „ich hatte die Aufenthaltsgenehmigung vor Augen“. Er begann mit einem Politikstudium in Augsburg und lernte etwas kennen, das ihm bisher fremd gewesen war: die Freiheit, deren Wirkung er unterschätzte. „Manchmal habe ich junge Muslime vor Alkoholkonsum und Unzucht gewarnt und beides selbst noch am gleichen Tag praktiziert“, erinnert er sich. Die Deutschen waren für ihn, je nach Stimmung, Rassisten oder Friedenstauben.

Seinen Ausbruch, den folgenden Zusammenbruch und sein insgesamt turbulentes Leben, bilanzierte er 2009 in dem Buch „Mein Abschied vom Himmel“, eine mutige Biografie, die dem 40-Jährigen neue Wege eröffneten. Henryk M. Broder, der wohl streitlustigste Publizist Deutschlands, wurde auf den Ägypter aufmerksam und konnte ihn 2010 für eine Satiresendung gewinnen. „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“ hieß das Format, in dem die beiden im Stil eines Roadmovies durch die Republik reisten. Unterwegs waren sie mit einem alten Volvo, den sie wegen des Porträts des Mohammed-Karikaturisten Westergaard, Kurt nannten. Sie stoppten in Einkaufspassagen, um Unterschriften für den Weltfrieden zu sammeln, mit NPD-Funktionären zu reden und Zoten auszutauschen, mit denen selbst Reeperbahn-Zuhälter noch ihren Sprachschatz erweitern könnten. Das Format war so erfolgreich, dass am 18. November die dritte Staffel in der ARD beginnt. Insgesamt vier Folgen werden sonntags gegen Mitternacht ausgestrahlt.

Der ruhige Islamwissenschaftler und der polternde Kritiker, der frühere Antisemit gemeinsam mit dem Juden, dessen Eltern beide KZ-Überlebende sind, in einer Sendung, wie konnte es zu solch einer Zusammenarbeit kommen?

In Deutschland begann Hamed Abdel-Samad ein anderes Ich zu suchen. Der Mann lebte zerrissen zwischen bedingungslosem Lebenswillen und Resignation, zwischen der Liebe zu seiner Heimat und schäumender Wut auf jene, die diese mit Verderben tränken. In Kairo war er Mitglied der Marxisten, später der Muslimbrüder, der damals noch in Ägypten verbotenen Vereinigung von Fundamentalisten.

Der Koran – „ein tolles Buch“

Warum er da mitmischte? „Parolen wie 'Der Islam braucht Männer, die niemanden außer Allah fürchten', vermittelten mir das Gefühl, erwachsen zu sein.“ In Augsburg schloss er sich religiösen muslimischen Studenten aus England an. „Ich brauchte eine Gemeinschaft, um Entwurzelung, Enttäuschung und Ratlosigkeit zu verdrängen.“ Aber das half ihm nicht weiter. Er litt an Magenblutungen, hatte Halluzinationen und musste in die Psychiatrie. Irgendwann habe er verstanden, dass er, wenn er sich nicht von seinen Vorurteilen befreit, die Zukunft vergessen könne.

Langsam veränderte sich seine Haltung. Er beendete sein Studium, lehrte und forschte am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität in München und schämte sich für den islamischen Judenhass. „Ich glaube, wir sind den Juden vollkommen gleichgültig, wenn wir nicht gerade ihre Busse in die Luft jagen. Sie sind uns wichtig, weil sie uns mit unserer ewigen Scham konfrontieren, nicht vom Fleck zu kommen.“ Heute lebt er als Autor in Berlin, es erschienen von ihm „Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose“ (2010) und „Krieg oder Frieden: Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens“ (2011).

Doch er will nicht nur politisch analysieren. Gekränkte Muslime fordert er auch dazu auf, Schmähungen wie den kürzlich für Furore sorgenden „The innocence of Muslims“ -Film auszuhalten. „Das Problem ist nicht die Provokation durch das Mohammed-Video, sondern die Befindlichkeit der Provozierten. Die ewige Suche nach einem Sündenbock hat weite Teile der islamischen Welt Jahrhunderte lang gelähmt “, sagt er und verlangt: „Muslime müssen lernen, dass mehr als sechs Milliarden Menschen keine Muslime sind. Und dass nicht jeder dieser sechs Milliarden den Propheten Mohammed achtet“.

Hat er sich heute vom Islam abgewendet? „Das muss ich nicht“, antwortet er entschieden. Bis heute kann er den Koran auswendig, findet, es ist „ein tolles Buch“. Aber er sieht die Inhalte differenzierter. Wie er seinen Glauben beschreiben würde? „Ich bin ein Muslim, der vom Glauben zum Wissen konvertiert ist.“

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