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Leute
Promi-News und Interviews mit den ganz Großen

16. September 2012

Interview mit Bobby Dekeyser: Ein bisschen Harakiri liegt in meiner Natur

"Ich bin freiheitsliebend, fast schon am Rand des Komplexes", sagt Bobby Dekeyser. Foto: Imago

Der Ex-Fußballer und heutige Erfolgs-Unternehmer Bobby Dekeyser über die neue Kultur im Fußball, die Notwendigkeit von Krisen und Zusammenbrüchen Krisen und Zusammenbrüche, und warum er sich in New York am liebsten auf dem Stehpaddel fortbewegt.

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Der Ex-Fußballer und heutige Erfolgs-Unternehmer Bobby Dekeyser über die neue Kultur im Fußball, die Notwendigkeit von Krisen und Zusammenbrüchen Krisen und Zusammenbrüche, und warum er sich in New York am liebsten auf dem Stehpaddel fortbewegt.

Als allererstes schießt Bobby Dekeyser mal einen giftgrünen Mini-Fußball durch den Raum. Ein Statement: So lässig geht es zu in der „Dekeyser & Friends Academy“, die Bildungsstipendien an junge Leute aus aller Welt vergibt. Der Raum, fast schon ein Saal, erlaubt die kleine Einlage: ein helles, offenes Speicher-Loft, darin verteilt Couchen und Sitzgruppen – alles Stücke aus Dedon-Kollektionen, logisch. Mit den Luxus-Gartenmöbeln („Wohnzimmer für draußen“) aus Kunststoff-Flechtwerk sind Dekeyser und seine Firma groß, berühmt und – ja, auch – reich geworden. Wir gehen in ein Lokal um die Ecke. Vor lauter Erzählen kommt Dekeyser kaum zum Essen. Sein Blick ist unverwandt – aus Augen, so blau, als wären sie am Computer nachbearbeitet. Eingangs stellt er eine Frage, die sonst immer von den Interviewern kommt: „Sie haben doch ein bisschen Zeit, oder?“ Dekeyser vermittelt das Gefühl, es gebe in diesem Moment nichts Wichtigeres als das.

Zur Person

Bobby Dekeyser, 1964 in Belgien geboren, brach mit 15 die Schule ab, um Profifußballer zu werden. Als Torwart war er unter anderem bei Bayern München unter Vertrag.

Nach einer schweren Verletzung beendete er 1991 seine Karriere und gründete die Firma „Dedon“. Diese ist auf Luxus-Gartenmöbel spezialisiert und hat weltweit mehrere tausend Mitarbeiter.

2006 verkaufte Dekeyser Dedon an einen Investor. Als er die Firma gefährdet sah, holte er sie sich drei Jahre später zurück.

Teile des Gewinns fließen in die Stiftung „Dekeyser & Friends“, die Bildungs- und Projekt-Stipendien an junge Kreative vergibt.

Dekeysers Frau Ann-Kathrin starb 2010 an einer Hirnblutung. Er hat drei erwachsene Kinder.

Seine Autobiografie „Unverkäuflich“ ist im Verlag Ankerherz erschienen. 207 S., 29,90 Euro.

Herr Dekeyser, Sie haben eine Firma für edle Gartenmöbel gegründet und zu einem international tätigen Unternehmen ausgebaut. An 150 Tagen im Jahr sitzen Sie im Flugzeug, sind selten länger als zwei, drei Tage an einem Ort. Wovor fliehen Sie?

Hätten Sie mich das vor 20 Jahren gefragt, hätte ich das Wort „Flucht“ akzeptiert. Ich bin immer ein Irrsinns-Tempo gegangen. Das hatte tatsächlich etwas Gehetztes: Das muss jetzt klappen! Du musst einfach Erfolg haben! Das war ein innerer Druck. Den spüre ich nicht mehr. Ich bin heute einfach gern unterwegs. Aber egal wo ich bin, dort nehme ich mir Zeit für die Menschen, die ich gern habe, für Dinge, die mir Spaß machen. Das ist am Ende ein erfüllteres Leben, als immer am selben Ort zu sein und im Hamsterrad zu laufen. Meine Ruhe finde ich in der Bewegung. Und weil ich viel Sport treibe, bin ich robust genug, die Belastungen auszuhalten.

Wie wollen Sie als Unternehmer Ihren Laden im Griff behalten, wenn Sie ständig woanders sind?

Ich bin freiheitsliebend, fast schon am Rande des Komplexes. Ich will immer frei sein. Ich habe nirgends ein Büro, bin jetzt das erste Mal seit zwei Monaten wieder hier in Hamburg, um hallo zu sagen und ein paar Sachen zu besprechen. Das setzt Vertrauen zu den Leuten voraus, die mit mir arbeiten. Im Ergebnis tut das ihnen gut, es tut aber auch mir gut.

Und was ist dann Ihr Job?

Ich bin eher der Grobmotoriker, arbeite gerne auch mal selbst im Lager. Ansonsten halte ich mich aus dem Operativen lieber raus, erst recht aus dem Controlling und den Finanzen. Das macht mein Schwager. Zahlen interessieren mich einfach nicht. Ich kann nichts dagegen tun. Haben mich schon in der Schule nicht interessiert, warum sollten sie es jetzt tun? Da versuche ich, mir treu zu bleiben. Ich möchte mutig bleiben, aber ich weiß auch: Ich darf keinen kapitalen Fehler machen. Der Preis dafür wäre einfach zu hoch. Umso mehr brauche ich die Distanz zu dem, was ich tue. Sonst würde mich die Last der Verantwortung erdrücken.

Wie halten Sie Distanz?

Zum Beispiel indem ich Meetings meide. Ich hasse Meetings. Für eine Besprechung gehe ich lieber mal paddeln.

Paddeln?

Ja, Stehpaddeln. Auf einem Surfbrett mit Stechpaddel. In Städten am Wasser ist das meine Hauptfortbewegungsart. Ich habe mir gerade in New York eine Wohnung gekauft, direkt am Hudson River. Da geht das sehr gut. Direkt vor der Wohnung ist ein Pick-up-Sportplatz mit Kunstrasen und Flutlicht. Da wird immer Fußball gespielt. Wann immer ich komme, kann ich mitmachen. Ein Traum!

Sie führen ein privilegiertes Leben! Der Erfolg Ihres Unternehmens beruht darauf, dass es genügend viele Leute mit genügend viel Geld gibt, um Luxus-Möbel für den Garten kaufen zu können. Wie steht es um Ihr Geschäftsmodell in Zeiten der Krise?

Ich merke schon, dass es in Europa schwieriger wird. Nicht weil das Geld ausginge, aber die Leute bekommen es mit der Angst zu tun. Und die Schere geht auseinander. Es gibt die unfassbar Reichen, die einen Riesenhaufen unserer Möbel kaufen, weil sie damit ihr zehntes Haus ausstaffieren wollen. Aber das sind wenige. Wichtiger für uns sind die, die schon für unsere Möbel sparen müssen, sie sich aber leisten wollen – als ein Stück Luxus. Was wir machen, ist Luxus. Ganz klar. Ich glaube aber, in der Krise werden Firmen mit Luxus-Produkten nur überleben, wenn sie eine Seele haben.

Was für eine Seele haben Firmen?

Wenn ein Unternehmen zu kopflastig rangeht, fragt es immer sofort nach Bedarf, nach Marktgängigkeit, nach praktischen Details. Bei einem Möbel zum Beispiel nach den Abmessungen. Für die Gastronomie muss das auch so sein. Ich habe unsere Produkte aber eigentlich immer nach dem Lustprinzip entwickelt. Beim „hängenden Nest“ stand am Anfang der Wunsch nach einem bequemen Sessel, den ich an eine schräg gewachsene Palme hängen kann. Die Umsetzung hat ein Jahr gedauert, aber die Idee war eine Sache von zwei Sekunden. Seltsamerweise haben diese frei, spielerisch gewonnenen Produkte immer am besten funktioniert.

Aber mit einem entsprechend hohen Risiko.

Ja, und mit der Größe der Firma ist auch das Risiko gestiegen. Früher – mit einer kleinen Kollektion – konnten wir einen Flop leichter auffangen. Aber trotzdem glaube ich: Das Bauchgefühl ist unerlässlich. Es geht ja um Lebensstil, Lebensart. Da kann man nicht rein rational rangehen.

In Ihrem Leben kam immer im richtigen Moment ein Mentor, ein Geldgeber, irgendein guter Geist. Hängt das Glück an solchen Zufällen?

Manchmal war es Harakiri. Das liegt ein bisschen in meiner Natur. Aber als ich aus dem Profi-Sport ausgestiegen bin, war mein Vorteil, dass ich vom Fußball noch Geld hatte. Die ersten Fehler konnte ich mir also selbst leisten. Aber als ich Hilfe brauchte, auch finanziell, habe ich gemerkt: Es funktioniert, wenn zwei Leute zusammenkommen, sich in die Augen schauen und wissen: Wir kriegen das zusammen hin. Ich glaube, dahinter steckt die Sehnsucht – so kitschig das klingt – nach etwas Gemeinsamem, das über Geld hinausreicht.

Doch nur in den seltensten Fällen tauchen die guten Feen mit den Gold-Dukaten auf.

Das glaube ich nicht. Es gibt jede Menge solcher Begebenheiten. Irgendetwas, das nicht erklärbar ist. Ein intuitives Wissen, dass etwas richtig ist. Passt das zusammen oder nicht? Da muss man das Gehirn ausschalten und seinem Bauch vertrauen, ganz vehement. Letztlich bin ich damit gut gefahren. Ich könnte auch ein Buch mit Enttäuschungen füllen, das schon. Aber in der Summe war das richtig.

Aber noch einmal: Als Finanzier haben Sie vor Jahren den Rolex-Erben gewinnen können. So was passiert nur denen, die eh auf der Sonnenseite sind. Was Sie „Intuition“ nennen - was nützt das einem Hartz-IV-Empfänger, der vergeblich 100 Bewerbungen geschrieben hat?

Ich verstehe die Skepsis. Aber ich habe schon so gefühlt und gehandelt, als ich selbst noch gar nichts hatte. Und ich hasse dieses aufgekratzte „Think positive“, dieses amerikanische „Alles super“-Getue. Damit spielt man nur Theater vor einer bunten Kulisse. Aber ich bin sicher, dass die Krise uns alle wieder zu elementaren Dingen zurückführen wird: sich gegenseitig helfen, zusammenhalten, Besitz teilen. Das ist allemal besser, als darauf zu warten, dass der Staat einem hilft.

Sie wären das perfekte Role model für die FDP, die Westerwelles und Röslers!

Um Gottes willen. Die brauchen mir nicht in die Quere zu kommen. Politisch halte ich mich raus, echt. In der Aufzeichnung für eine Talksendung habe ich mal zu den Politikern, die mit mir dort saßen, gesagt: „Wenn ich meine Firma so führen würde wie Sie das Land, könnte ich zumachen. Sie reden nicht einmal von Vision, Vertrauen, gemeinsamen Zielen, sondern fallen ständig nur übereinander her.“ Genau diese Passage haben die Fernsehleute hinterher rausgeschnitten.

Meinungsstreit, Verhandeln, Kompromiss – das gehört zu den Mühen der Demokratie. Haben Sie’s nicht so damit?

Das fällt mir schwer, ja. Ich setze sehr stark auf natürliche Autorität, die jemand verkörpert – als Person und mit seinen Überzeugungen.

Charisma ersetzt aber keine Strukturen. Sie lehnen zum Beispiel einen Betriebsrat ab und sagen, Ihre Mitarbeiter hätten es bei Ihnen eh besser als anderswo. Aber wie geht’s weiter, wenn Sie morgen aufhören?

Dann machen andere in meinem Geist weiter. Faire Behandlung, gute Bezahlung – das gehört einfach zur Kultur in der Firma.

Wie bei den Thyssens und Krupps im 19. Jahrhundert? Patriarchat statt Tarifpartnerschaft?

Diese Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Kultur wird verschwinden. Menschen kommen für Projekte zusammen und gehen wieder auseinander. So wird sich die Welt entwickeln. Ich kann versuchen, Sicherheiten zu geben. Aber ich kann sie nicht garantieren. Zudem steht mir der Sinn nicht nach einem Firmenimperium, das noch in dritter, vierter, fünfter Generation fortdauert.

Nicht mal als Vorsorge für Ihre Kinder?

Meine Kinder werden kein Firmenvermögen erben. Das geht in meine Stiftung. Dass sie sich von deren Geist anstecken lassen, das würde mir für meine Kinder wünschen. Ich selber habe übrigens uch nichts geerbt. Sich ins gemachte Nest zu setzen, das ist nicht gesund. Ich glaube, unsere Kinder haben das begriffen. Mein Sohn hat sich jetzt selbstständig gemacht – nicht als Sportler, wo ich ihn am Anfang gern gesehen hätte, sondern als Musiker, Rapper. Ziemlich cool, was er da macht.

Ohne Anschubfinanzierung von Papa?

Doch, er hat einen Kredit bekommen. Aber einen kleinen, mit kurzer Laufzeit. Er musste die Sache schnell ins Rollen bringen. Das hat auch funktioniert. Aber es ist ein Leben von der Hand in den Mund. Er kämpft nach wie vor jeden Monat, dass er die Miete zahlen kann.

Herr Dekeyser, Sie haben als Profi-Fußballer begonnen, waren Ersatztorwart bei den Bayern und standen danach bei 1860 München im Tor. Nach einer schweren Verletzung während eines Spiels haben Sie Ihre Karriere beendet. Interessieren Sie sich eigentlich noch für Fußball?

Wir sind Mitsponsoren der deutschen Nationalmannschaft. Ich habe Freunde aus dieser Zeit. Ich finde es toll, was Joachim Löw und sein Team da geschaffen haben. Eine ganz neue Kultur mit jungen Spielern, Gemeinschaftsgeist. Das ist wirklich völlig anders als zu meiner Zeit. Eine echte Kulturrevolution. Die alten Säcke wollten die Jungen nicht ranlassen, extrem hierarchisch, die Trainer als alte Haudegen, vor denen man als Spieler beinahe Angst hatte. Druck, Druck, Druck, Druck. Und nicht nur allein auf Sieg. Natürlich geht im Sport um Erfolg, aber früher galt: Egal wie schrecklich das Spiel war – Hauptsache 1:0. Und alle haben gejubelt. Dabei war dieses Gebolze einfach nur grausam!

„Arbeitssiege.“

Ja, der Erfolg heiligte die Mittel. Ich saß bei Bayern München meist auf der Bank. Wir Ersatzspieler haben öfters zueinander gesagt: Warum kommen eigentlich 70.000 Leute ins Stadion und schauen sich diesen Schmarrn an?

Ziemlich distanziert für einen Fußball-Profi, oder?

Fußball war nie mein Traum. Ich war als Jugendlicher halt sportlich, und es gab halt keine Alternativen. Eigentlich hatte ich auch gar kein Talent. Also musste ich alles über Leistung kompensieren. Leistung, Leistung, Leistung – bis zum Umfallen. Wahnsinn eigentlich. Das Gute daran war die Erfahrung, dass man mit Anstrengung und Willenskraft weit kommen kann. Aber es war auch gut, die Notbremse zu ziehen. Das passierte, als ich verletzt im Krankenhaus lag. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, schon nach meinem Jahr bei Bayern München aufzuhören: „Danke, das war’s!“ Zumal ich auch nie gern in dieser Fußballer-Clique drin war. Für die konntest du der letzte Idiot sein, Hauptsache, du hast gut gespielt. Menschliche Werte? Egal! Als ich nicht mehr spielen konnte, war ich sofort abgemeldet. Das hat mich mehr geschmerzt als meine Verletzung. Aber ein Gutes hatte die Fußballer-Karriere auf jeden Fall: Sie hat mir die Frauen gebracht.

Puh, was für ein Macho-Spruch!?

Nur die Erfahrung des Vollpubertierenden. Ich habe im Internat Leichtathletik gemacht, Turmspringen, jeden Blödsinn. Aber nur beim Fußball haben die Mädchen zugeschaut. Deshalb habe ich’s gemacht. Bis dahin war ich auch nicht in einem Verein, kannte gar nichts vom Fußball. Franz Beckenbauer? Wer sollte das das?

Hauptsache, Sie kannten die Groupies?

Als Fußballer hatte ich prompt meine erste Freundin, Claudia. Nach drei Wochen war ich sie wieder verloren, weil ich mit einem Kumpel nachts in die Töpferwerkstatt unserer Schule eingestiegen war, um zu schauen, was sie dort so machen. Dabei habe ich ausgerechnet Claudias Vase zerdeppert. Als sie das erfahren hat, hat sie die Beziehung beendet. Ich habe mich ganz schön blöd gefühlt. Aber beim Fußball bin ich geblieben.

Und später dann auch bei Ihrer Frau. Warum heiraten Profi-Fußballer eigentlich immer Models oder Schauspielerinnen?

Da ist natürlich die Glitzer-Welt, wo man sich begegnet: Clubs, Edel-Discos. Und beiden Welten gemeinsam ist auch der große Rahmen, die große Kulisse, der Adrenalinschub durch das Auftreten vor Publikum. Auffällig finde ich, wie früh viele Fußballprofis heiraten. Als ob sie den Sack mit Glück rechtzeitig zubinden, das private Glück an den beruflichen Erfolg koppeln wollten. Ich hätte meine Frau schon mit 17 heiraten können, aber da wollte sie mich ja noch nicht.

Jahre später sind Sie sich erneut begegnet. Da hatte Ihr Werben Erfolg. Wieder ein Beleg für Ihre Lebensphilosophie „Alles wird gut“?

Ich glaube tatsächlich daran, dass die Dinge letztlich gut ausgehen. Das mag ein Stück weit antrainiert sein. Aber es ist schon auch Teil meiner 47 Jahre Lebenserfahrung. Um das große Ganze mache ich mir nie Sorgen. Da habe ich ein tiefes Gefühl der Sicherheit in mir.

Diese Gewissheit konnte auch der Tod Ihrer Frau nicht erschüttern?

Zuerst schon, doch. Ich konnte mit diesem Verlust überhaupt nicht umgehen. Ich hatte immer gedacht: Du kannst alles erkämpfen, du kannst alles erreichen, und wenn du mal am Boden bist und nichts mehr geht, na, dann rappelst du dich halt wieder auf – irgendwie schaffst du das schon. Als meine Frau starb, habe ich zum ersten Mal gedacht: Wogegen sollst du kämpfen? Du kannst sie durch nichts zurückholen.

Und dann?

Ich habe mir gesagt: Du musst das aushalten. Einfach aushalten. Mit Freunden sprechen, die Kinder nehmen und einfach herumreisen. Irgendwie versuchen, diesen Tod zu verstehen und irgendwann den Schmerz in Dankbarkeit zu verwandeln. Das klingt so doof, aber so war es für mich.

Waren Sie nie in Gefahr, daran zu zerbrechen?

Zumindest verstehe ich, dass Menschen am Verlust ihrer Liebe zerbrechen – gerade an solch einer Liebe wie zwischen mir und meiner Frau. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin: Tief in mir ist eine Verzweiflung, die ich nicht überwunden habe, vielleicht nie vollends überwinden kann. Gerade als ich gestern wieder an Ann-Kathrins Grab war, habe ich das wieder gemerkt.

Wenn Sie in Hamburg sind, besuchen Sie das Grab Ihrer Frau?

Ich bin überall mit ihr, egal wo. Aber am Grab, wo wir ein riesengroßes Herz gepflanzt haben, ist so eine wunderbare Ruhe. Also, da ist nicht nur ein Ort des Schmerzes. Es ist auch schön dort.

Sie haben den Tod zu verstehen versucht. Was haben Sie denn verstanden?

Dass der Tod nicht der Tod ist. Ich habe mich vorher nie damit befasst, aber ich bin heute überzeugt: Die Seele stirbt nicht. Sie bleibt da. Wir bleiben einander verbunden. Und ich glaube nicht, dass ich mir das nur einbilde. Sie ist einfach da. Das lässt mich dann auch weiterleben. Nicht nur dem Verlust nachtrauern, sondern das Leben so gestalten, wie wir es zuvor gemeinsam getan hatten. Ich weiß ja, wie meine Frau denkt. Manchmal höre ich sie sagen, „nun mach doch mal halblang!“

Hat auch das für Sie mit Ihrem Lebensthema Freiheit zu tun? Loslassen, freilassen – und die Tote gibt Sie frei?

Ja, aber das ist schwer. Weil die Sehnsucht nach Festhalten einfach riesengroß ist.

Wie sind Sie dann über diese Sehnsucht hinausgekommen? Mit fremder Hilfe?

Nein, schon durch eigene Anstrengung. Erst mal bin ich einfach weggefahren. Bloß weg, weil ich den Schmerz sonst einfach nicht mehr ausgehalten hätte. Was mir schon geholfen hat, ist Literatur. Elisabeth Kübler-Ross‘ Bücher über Tod und Trauer zum Beispiel. Und dann Gespräche mit anderen Menschen über ihre Trauererfahrung. Ich war auch mal bei Fritz Roth, dem Bestattungsunternehmer aus Bergisch Gladbach, in seinem Trauerhaus.

Wie haben Sie sich seit dem Tod Ihrer Frau verändert?

Ich bin ein Stück weit hinaus über dieses Hangeln von einem Plan zum nächsten: „Wenn du dies erreicht hast, dann… Wenn die nächste Kampagne abgeschlossen ist, dann…“ – „Nein!“, sage ich heute. „Vergiss es! Vergiss einfach jeden Plan!“ Natürlich braucht es Ziele und große Wegmarken. Aber ich will mich nicht mehr so sehr im Morgen verlieren, sondern mir jeden Tag Momente des Glücks suchen. Nichts Großartiges, da reichen schon Kleinigkeiten – morgens paddeln gehen zum Beispiel.

Sie klingen fast wie ein Guru.

Kann sein. Für mich ist wichtig: Ich tue, was ich sage. Ich bin jedenfalls kein Drei-Zentner-Mann, der Diäten verkauft. Und ich will nie jemanden belehren. Nie!

Sie tragen zusätzlich zu Ihrem eigenen Ehering auch den Ihrer Frau. Was sagt Ihre neue Freundin, die US-Schauspielerin Gina Gershon, dazu?

Ich war verheiratet und werde immer verheiratet bleiben. Dafür sind diese Ringe das Symbol. Gina ist eine Frau, die damit umgehen kann.

Herr Dekeyser, ist der persönliche Schicksalsschlag der Grund dafür, dass Sie Krisen als etwas Positives bezeichnen?

Wir haben in unserer Gesellschaft viel Mist angesammelt. Die Wirtschafts- und Finanzkrise gibt der Jugend heute die Chance, zu sagen: „Wir lassen uns das nicht mehr aufbürden. Wir wollen anders leben.“ Ich bin überzeugt: Wir stehen vor einer soften Revolution. Das ist gut. Der Ballast muss weg. Es muss zu Zusammenbrüchen kommen.

Was muss denn zusammenbrechen?

Das Bankensystem zum Beispiel. Ein System, in dem sich keiner mehr auskennt, das keiner mehr beherrscht, in dem keiner mehr Verantwortung übernimmt. Warum wohl sitzt kein einziger Banker für das im Gefängnis, was er unzähligen Menschen eingebrockt hat? Ich finde, Banken sind eine Katastrophe. Wo immer ich in meiner Firma die Banken raushalten konnte, habe ich das getan. Ich habe heute keinen Cent Schulen bei einer Bank. Wie soll denn auch ein Wirtschaftssystem funktionieren, wenn die Banken schon einander misstrauen und kein Geld mehr geben, erst recht nicht dem Mittelstand, auf den es ankommt.

Denken Sie selbst über eine neue Form der Kreditwirtschaft nach?

In meiner Stiftung haben wir das ja schon verwirklicht. Wir finanzieren gute Ideen unserer Stipendiaten, investieren in das dafür notwendige Know-how – für ökologische, soziale, kulturelle Projekte. Selbstverständlich mit Business-Plan und allem Pipapo. Aber wir verlangen von Bewerbern keine materiellen Sicherheiten. Üblicherweise werden Erfolg und der Aussicht auf Erfolg an nackten Zahlen gemessen. Warum nicht an Motivation, kreativem Potenzial? Was unsere Stipendiaten zeigen, dass sich dieser Perspektivwechsel lohnt. Und wie lang wollen wir in unserer Gesellschaft vor lauter Angst und Panik noch weitermachen, ehe wir erkennen, dass wir umdenken müssen? Die alles beherrschende Angst vor Verlust überwinden wir nur im Kleinen: anderen vertrauen, sich zusammentun. Um das zu erkennen und damit anzufangen, braucht es Krisen. Persönliche und gesellschaftliche.

Sie haben leicht reden. Eine „reinigende“ Krise bedeutet für viele Menschen Sorgen, womöglich den Existenzverlust.

Ich weiß. Ich will auch nicht kalt oder zynisch klingen. Aber Fakt ist doch einfach, dass unsere Gesellschaft über ihre Verhältnisse gelebt hat. Wir werden gar nicht darum herum kommen, zu fragen: Geht es auch mit weniger? Natürlich habe ich selber viel mehr Geld als die meisten anderen, und ich kann mir viel mehr leisten. Aber ich setze mich immer wieder hin und schreibe Listen: Was ist mir wirklich wichtig? Worauf könnte ich verzichten?

Und – worauf?

Ich habe zum Beispiel festgestellt: Alles, was ich an Klamotten brauche, passt in zwei Koffer, einer davon voll mit Sportzeug. Das zu wissen, tut richtig gut. Und für sonstigen Besitz gilt: Alles, was ich nicht mit anderen teilen kann, verkaufe ich sofort. Das Leben bleibt auch so noch kompliziert genug.

Interview: Joachim Frank

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