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Promi-News und Interviews mit den ganz Großen

21. März 2012

Interview mit der Pianistin Yuja Wang: "Ich bin ziemlich amerikanisch"

Trägt gerne kurze Kleider: die Pianistin Yuja Wang. Foto: dapd

Die Pianistin Yuja Wang über ihre gewagten Bühnenoutfits und ihre chinesischen Wurzeln

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Yuja Wang, 1987 in Peking geboren, hat zunächst dort Klavier gelernt. Mit zwölf reiste sie zum ersten Mal zu Sommerkursen nach Calgary, bevor sie mit 14 Jahren ganz dorthin zog. 2002 wechselte sie ans Curtis Institute in Philadelphia und studierte bei Gary Graffman, der auch schon Lang Lang unterrichtet hatte. Heute lebt sie in New York.
Einen Namen machte Wang sich zuerst, als sie für verhinderte Berühmtheiten am Klavier einsprang, darunter Martha Argerich und Lang Lang. Gerade hat sie ihr viertes Album für die Deutsche Grammophon aufgenommen: Fantasia, eine Sammlung von Miniaturen, die sie bisher bei Konzerten als Zugabe spielte.

Yuja Wang ist müde: Jetlag. Sie ruht vor ihrem Frankfurter Auftritt auf einer Bank, eine Kanne Grüntee neben sich. Die 25-Jährige steckt in einem sehr kleinen Schwarzen, die eine Schulter nackt, die andere glitzerbehangen. Nur die bequemen Stiefel passen nicht so recht dazu. Mit ihren für seriöse Konzertbühnen ziemlich gewagten Outfits erregt die Pianistin fast ebenso viel Aufsehen wie mit ihrem ausdrucksstarken High-Speed-Spiel. Ins spacig-schicke Ambiente des Cocoon-Clubs passt die in China Geborene auf jeden Fall hervorragend.

Frau Wang, ist das das Kleid, das Sie nachher im Konzert tragen werden?

Ja, das ist es. Sie wird allerdings die Stiefel durch klavierlackschwarze High Heels ersetzen, und nach der Pause tauscht sie das knappe Schwarze gegen ein noch knapperes Blaues.

Youtube-Videos Ihrer Auftritte ziehen teils unappetitliche Kommentare auf sich, die wenig mit der Musik zu tun haben. Geht Ihnen die Aufmerksamkeit für Ihre Kleidung auf den Geist?

Sie ist mir egal. Ich ziehe mich halt so an und trage auch kurze Kleider, wenn ich nicht auf der Bühne stehe. So bin ich, ich bin 25 Jahre alt. Klassische Musik braucht keine sexy Verpackung, sie spricht für sich selbst – aber das Publikum achtet sehr auf die Oberfläche. Die Kommentare sagen mehr über die Kommentatoren aus als über mich oder über Musik.

Ihr neues Album heißt Fantasia wie der legendäre Disney-Film. Sie spielen unter anderem den Zauberlehrling von Paul Dukas, der dessen bekannteste Szene untermalt.

Das war das Stück, das mein Interesse an klassischer Musik geweckt hat, als ich mit neun oder zehn Jahren den Film gesehen habe. Deshalb habe ich eine Klavierfassung geschrieben.

Disneys Zauberlehrling Micky Maus ist das Symbol für die amerikanische Kultur. Sie sind in China geboren, haben in Kanada und den USA studiert, wo Sie heute auch leben. Wie amerikanisch sind Sie?

Ziemlich amerikanisch.

Woran merkt man das?

An meinen Klamotten (lacht). Ich bin seit fast elf Jahren in den USA. Meine Eltern kamen damals nicht mit; für mich gibt es ein Leben ohne Eltern in den USA und ein Leben mit Eltern in China. Eine Art Doppelleben.

Ein Kulturclash?

Nein, nicht so sehr. Die erste Musik, die ich als Kind in China gehört habe, war europäische Klassik. Und ich liebte Disney, wie viele in China. Seltsamerweise verehren in den USA jetzt viele China und übersetzen 5000 Jahre alte Gedichte. Wenn ich diese Übersetzungen höre, denke ich, nein, das ist nicht das, was da steht. Ich bin sehr froh, dass ich chinesisch kann, es ist so eine poetische Sprache. Meine chinesische Kindheit ist ein wichtiges Fundament.

Inwiefern?

Ich wurde sehr diszipliniert zu Hause unterrichtet, in einer engen Beziehung zu meinem Lehrer, auch zu anderen Leuten, zu Freunden, das war mir sehr wichtig. Das gibt meinem Spiel mehr Persönlichkeit, mehr Charakter. China ist sehr gemeinschaftsorientiert – dagegen ist in den USA alles unabhängiger, jeder muss sich um sich selber kümmern.

Es gibt dieses Klischee über die chinesischen Musiker, die schon sehr jung gedrillt werden und deshalb handwerklich sehr gut sind, aber zu routiniert.

Jeder ist verschieden, deshalb ist es ein Klischee. Aber es gibt schon so einen Mainstream. Wir sind einfach sehr diszipliniert.

Aber es hat Ihnen nicht geschadet?

Das kommt aufs Talent an, glaube ich. Mein Lehrer hat immer gesagt, je größer das Talent, desto härter musst du arbeiten, um dein Potenzial zu entwickeln. Die Disziplin war nötig – und ich habe viel davon verloren, als ich in die USA ging. Jetzt denke ich, Spontanität ist doch auch okay. Wie gesagt: Ich bin amerikanisiert.

Sie mögen auch Popmusik.

Ja, sehr. Das fing wohl mit meinem Vater an, der Percussion in Pop- und Jazzbands spielt. Ich mag zum Beispiel Adele und Rihanna.

Was macht Rihanna mit Ihrem Rachmaninow? Beeinflusst die Popmusik Ihr Spiel?

Es ist Musik, die sofort die Aufmerksamkeit fesselt. Sie ist total da, mitten ins Gesicht. Aber ich höre das einfach nur zum Entspannen, wenn ich nicht über meinen Konzertkalender nachdenken will.

Journalisten nennen Sie den „weiblichen Lang Lang“. Sie kommen wie er aus China, Sie spielen beide Klavier, Sie hatten zeitweise denselben Lehrer. Und welche Gemeinsamkeiten gibt es sonst?

Lang Lang reist immer noch mit seinen Eltern, er ist fünf Jahre älter, er ist männlich – und er zieht sich anders an. Die Leute brauchen halt solche Kategorien. Ich bewundere sein Talent. Manche beschweren sich, er sei fast ein Rockstar. Aber es muss auch jemanden geben, der klassische Musik so verbreitet. Es kommt auf die Message an.

Was ist denn Ihre?

Meine Message? Ich habe eine Mailbox, hinterlassen Sie eine Message... Im Ernst: Ich hoffe, dass die Leute weiter schauen als bis zu mir. Die High Heels und kurzen Röcke sind Teil von mir und meiner Erscheinung in meinem jetzigen Alter – ich werde die nicht immer tragen. Aber die Musik wird immer bleiben. Ich will, dass das Publikum die Musik entdeckt und genießt.

Das Gespräch führte Volker Schmidt.

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