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Interview mit Harald Schmidt: "Was macht eigentlich Hosni Mubarak?"

Entertainer Harald Schmidt.
Entertainer Harald Schmidt.
Foto: imago stock&people

Nach seiner Rückkehr zu Sat.1 hat sich Harald Schmidt seine Late-Night-Show dort nun „auf Lebenszeit“ verordnet. Im FR-Interview spricht der Entertainer über Skandale, Rückkehrer und Traumpaare von 2011.

Er ist der Mann, der einst Politik und Hochkultur ins „Unterschichtenfernsehen“ brachte, wie Harald Schmidt seinen Arbeitgeber Sat.1 fast liebevoll nannte, und der so zum Liebling der deutschen Feuilletons wurde. 2004 kehrte er zur ARD zurück, wo er Anfang der 90er vom Politkabarettisten zum TV-Star geworden war. Seit diesem Herbst läuft Schmidts Late-Night-Show wieder auf Sat.1 – nun „auf Lebenszeit“, wie er selbst sagt. Er klingt nicht mal ironisch bei derlei Sätzen – wüsste man nicht, dass ihm der Sarkasmus längst in Fleisch und Blut übergangen ist. Das schafft kritische Distanz zum Ernst der Welt, sagt Schmidt in seinen wenigen ernsthaften Momenten, und entsprechend fröhlich erklärt er sich zu einem Galopp durch die Themen des Jahres 2011 bereit.

Herr Schmidt, die Saison der Jahresrückblicke neigt sich wieder einmal dem Ende zu. Welchen Erkenntnisgewinn ziehen Sie aus diesen Rückschauen?

Vor allem den, dass man auf diese Weise kostengünstig Sendezeit und Blätter voll kriegt.

Sie meinen, die Zuschauer und Leser haben gar kein Bedürfnis nach einer einordnenden Bilanz?

Doch, man sagt ja gern mal: Ach guck, das war auch in diesem Jahr, hatte ich schon vergessen – oder gedacht, das sei viel länger her.

Sie selbst haben so einen Rückblick noch nie moderiert. Warum eigentlich nicht?

Das wäre mir zu langweilig. In den Sendern beginnt ja schon ab April das Buchen der Entrechteten und Geschändeten, um die dann alle im Dezember bei sich sitzen zu haben. Damit die Zuschauer denken können: „Ach guck mal, DIESE Bilder!“ und „Ach je, der ist auch schon tot.“ oder „Huch, der lebt noch?“ Das ist nicht mein Genre.

Versuchen wir einen kommentierenden Rückblick: Immerhin war 2011 ein Jahr der Großereignisse – so viele so schnell, dass man kaum mitbekam, wie alles ausging.

Dafür sind Großthemen ja auch nicht angelegt. Ich sehe das eher wie ein Surfer: Man versucht, gleich am Jahresanfang die erste schöne Welle zu erwischen, und dann muss man einfach die Welle absurfen und dann die nächste erwischen.

Aber 2011 waren es sehr hohe Wellen: Gleich zu Beginn erreichte der „arabische Frühling“ Ägypten ...

Ja, inzwischen aber schon fast ein Fall für „Was macht eigentlich ... Hosni Mubarak?“ Ich glaube, er ist inzwischen in der Reha in Sharm el Sheikh, wo immer alle zum Tauchen hinfahren. Aber zuletzt gesehen habe ich ihn, als er im Krankenbett in den Gerichtssaal geschoben wurde.

Jahresrückblick Harald Schmidt

Bildergalerie ( 10 Bilder )

Anfang März kam dann Guttenbergs Rücktritt ...

Ein Schock. Für mich bleibt er trotzdem der Doktor der Herzen.

… und Ende März dann schon die Atomkatastrophe von Fukushima.

Ja, da hat das Interesse fast 14 Tage gehalten. Bis wir Deutschen aus der Atomenergie ausgestiegen sind, dann hatten alle wieder den Kanal voll von dem Thema.

Sind da wieder die Medien schuld?

Nein, wir leben ja davon. Ich bin sehr dafür, dass wir permanent Aufgeregtheit produzieren – so wie die großen Internetseiten: jede Viertelstunde dieselbe Nachricht mit einem anderen Bild woanders auf der Seite platzieren. Das ist unsere geliebte Selbstreferenzialität, wie wir das am Stammtisch nennen.

Was waren Ihre liebsten Stammtisch-Themen 2011? Sicher doch die Euro-Krise, die das ganze Jahr dominierte ...

Nein. Das wird eingedampft auf: „Die anderen machen pleite, und wir dürfen’s zahlen, ich nehm noch’n Pils.“

Aber stellt das Ausmaß dieser Krise nicht alle anderen Skandale des Jahres in den Schatten?

Da ist was dran. Ich erinnere mich zwar noch dunkel an einen Dioxin-Skandal im Januar, habe aber inzwischen schon nicht mehr parat, wo das Dioxin überhaupt drin war. Giftskandale haben es eben ganz, ganz schwer, noch wahrgenommen zu werden. Denn nicht nur wir haben uns dran gewöhnt, sondern auch unser Körper.

Neu war 2011 aber die Ehec-Epidemie. Die muss einen bekennenden Hypochonder wie Sie doch bis in die Knochen verunsichert haben.

Hatte ich schon komplett vergessen. Ehec ist für mich so wie 2009 Schweinegrippe oder 2003 Sars – wenn nach der Panik die nüchternen Zahlen herauskommen, dass jedes Jahr viel mehr Menschen an Grippe sterben. Das Besondere an Ehec war nur, dass es ganz neue Verdächtige gab: Denken Sie an die arme spanische Salatgurke, die völlig unschuldig war. Ein Skandal im Skandal. Spanien wollte sogar Schadensersatz! Mittlerweile müssen sie aber wie Griechenland und Italien ganz hohe Zinsen zahlen, deshalb sind sie jetzt zurückhaltender.

Sie drücken sich ein bisschen um einen Kommentar zur Schuldenkrise. Ist das Thema zu sperrig für einen Satiriker?

Nein, es ist ein dankbares Thema, weil ich zu jedem Lösungsansatz eine andere fundierte Expertenmeinung finde. Die sind alle sehr schlüssig, und je nachdem, wie man morgens drauf ist, kann man sich für die eine oder andere Theorie entscheiden. Nach Merkels jüngster Regierungserklärung mit ihrem klaren Nein zu Eurobonds habe ich mich sofort gefragt: Wann können wir die Eurobonds endlich kaufen? Die interessanteste Neuigkeit ist, dass das Ausland von uns Führung wünscht – aber auf die liebe Art. Eine erfreuliche Entwicklung der Geschichte: Nette Führung durch Deutschland. Führung mit menschlichem Antlitz. Dafür ist Angie genau die Richtige.

Nur die Liberalen verzweifeln. War die FDP der Untergang des Jahres?

Die Frage ist: Wer braucht sie und wenn ja, wofür? Ich persönlich mag die neue Führung der FDP, weil sie immer so nett grüßt auf dem Flughafen. Rainer Brüderle gehört für mich auf jeden Fall zu den Auferstandenen des Jahres. Und das in Rekordzeit: 11 Uhr politisch tot, 14 Uhr Fraktionschef. Ein Musterbeispiel für den Lehrsatz: Bloß nie die Nerven verlieren.

War das Westerwelles Fehler als Parteichef?

Mir leuchtet die These ein, dass er sich fürs falsche Ministerium entschieden hat. Vielleicht wäre er als Innenminister glücklicher gefahren. Und er hätte wissen müssen, dass man unseren alliierten Freunden uneingeschränkte, ich betone das: uneingeschränkte Solidarität zu gewähren hat. Vor allem, was Libyen betrifft.

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Datum:  26 | 12 | 2011
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