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Interview mit Peter Kraus: Als der Rock'n Roll milchig wurde

Peter Kraus, deutscher Rock'n Roll-Star, startet mit 72 noch einmal eine Tournee. Mit im Gepäck hat der Sänger sein neues Buch mit heimeligen Jugenderinnerungen. Im Interview erzählt "der deutsche Elvis", wie er vom wilden Verführer zum braven Unterhalter wurde.

Den Morgen beginnt Peter Kraus auf dem Trampolin – und dann beginnt er mit seinem Sport. Er will jung bleiben.  Foto: Mike kraus/südwest verlag

Gleich wird er in den Liegestütz fallen und die Sessel-Lehnen für die „weniger anstrengende Form der Oberarmübungen“ missbrauchen. Solche Gedanken überfallen mich im Gespräch mit Peter Kraus, das vielleicht eine dreiviertel Stunde dauert und in dem der 72-Jährige sich in 276 Sitzpositionen stürzt, ohne zwischendurch auszuruhen.

Der Rock’n Roll-Star, der als 14-Jähriger mit dem Film „Das fliegende Klassenzimmer“ bekannt und zwei Jahre später als „der deutsche Elvis“ gefeiert wurde, der seitdem sein Gewicht konstant hält, scheint so viel körperlichen Müßiggang schlecht zu verkraften. Aber er muss.

25 Medien-Tage hat er sich aufgehalst, bevor er endlich auf die nächste Tournee-Bühne darf. Während des Interview-Marathons hält er seinen Energie-Haushalt offensichtlich durch rasche Bewegungen in Balance. Mitunter springt er kurz auf, um sich zögerlich wieder an den Sessel zu erinnern, manchmal fällt er in nettes Bayerisch. Und immer bleibt er bester Dinge, gilt überhaupt als Inkarnation von Disziplin und Fröhlichkeit.

Vor der Tournee hat er ein Buch über das Jungbleiben geschrieben, eine heimelig-nette Mischung aus Fitness-Tipps und Jugenderinnerungen.

Herr Kraus, der Südwestverlag gibt Bücher über Fitness, Wellness, Sport, Wandern und gesunde Ernährung heraus – und über Peter Kraus, die menschliche Verkörperung seines Programms: „Für immer jung“. Hat der Verlag Sie als Autor ausgewählt?

Ja. Die fanden, ich sei doch unheimlich gut beieinander, so fit. Schreib doch mal, sagten sie, wieso du so jung bleibst. Das ist wirklich die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Ich hab dann geschrieben, der Verleger hat die Hälfte rausgestrichen, dazu kamen die Fitness-Tips.

Man liest von Golf, Kanu, Rennrad, Tauchen, Ski im Wasser und im Schnee, dazu immerzu Trampolin und Gymnastik – Vergnügen ohne Pause, wann arbeiten Sie eigentlich?

Na jetzt, 25 Promotion-Tage, alles, um am Ende zwei Stunden auf der Bühne stehen zu dürfen.

"Ich will gesund sterben"

2043 wollen Sie ja kürzer treten. Warum denn?

2043! Das soll ich gesagt haben? Ach, ich kann doch nicht alles korrigieren, womit ich zitiert werde. Da wär ich 104, nee, nee, so alt will ich nicht werden. Ich will gesund sterben. Wenn’s früh ist, okay, Hauptsache nicht krank.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Sie heute wieder diese großen Bühnen füllen, mit 60 Konzerten pro Tournee? Wer kommt denn da? Ihre Fans sind ja kaum so vorteilhaft gealtert wie Sie.

Ach, da kommen nicht nur Hardcore-Fans aus der alten Zeit, sondern drei, vier Generationen. Also die jungen Leute, die einfach an Rock'n Roll interessiert sind, die ich bei den letzten Tourneen gewonnen habe. Die Musik lebt, und ich bin ein Original. Und dieses Mal wird es eine große Revue, wie sie Peter Alexander früher hatte. So etwas gibt es nicht mehr im Fernsehen, aber das Interesse ist noch da. Da kommen die Leute.

In den 50ern waren Sie ein Star. Mädchen bekamen Weinkrämpfe vor der Bühne, es war richtig was los. Hatten Mütter Angst um ihre Töchter? Galten Sie als Teenager-Verderber wie Elvis in Amerika?

Mit Sicherheit. Eltern wollten nicht, dass Ihnen das Zepter aus der Hand genommen wird. Die Kinder sollten Geige lernen wie Opa, nicht Gitarre. Es war schon eine Revolte, und wir haben die Kids animiert, ihre eigene Meinung zu haben und ihre eigene Musik. Aber anders als heute hatten die Jugendlichen kein Geld, da mussten dann doch die Eltern ran, Konzertkarten kaufen. Das, sagen die Amerikaner, hat die Musik milky gemacht. Bei mir war es ohnehin immer diese Gratwanderung zwischen Rocker und sympathischem Schwiegersohn. Aber auch nur wenige Amerikaner sind Rock'n Roller geblieben, die Abgewanderten, wie Elvis, wie ich, die haben dann schöne Familienfilme gemacht. Es waren die Filme, die die Wende brachten, nicht die Musik. In „Die Frühreifen“ war ich noch ein schlimmer Bursche, die Musikfilme, die ich danach mit Conny Froboess gemacht habe, waren schon für die ganze Familie.

Sie haben die Sache kippen lassen.

Na gut, den Schlagerfilm habe ich nicht mehr mitgemacht, das war Schrott, illustrierte Hits. Aber dass ich in den Musikfilmen singen, tanzen, spielen konnte, war schon toll, trotz dieser banalen Storys. Alles konnte ich mir nicht aussuchen, so groß war meine Karriere dann auch wieder nicht.

Also bitte: 40 Bravo-Titel! Keine Konkurrenz! Wie konnten Sie zulassen, dass das einfach aufhört? Warum haben Sie sich in den 60ern von den Beatles widerstandslos vom Thron stoßen lassen? Sie hatten alles – Erfolg, Ruhm, Geld, Sie hätten gegenhalten, eine Band gründen können.

Nein. Das wollte ich nicht, und da spreche ich auch für die anderen Rock'n Roller damals, für Johnny Hallyday, Cliff Richard, Adriano Celentano. Ich fand ja die Beatles anfangs furchtbar. Ich dachte, diesen Schrecken, dieses „Yeah, Yeah, Yeah“, das überstehst du leicht. Und wir haben damals keine ständigen Neuerfindungen vorgenommen wie später Madonna. Das wollten wir nicht, keine Stachelfrisuren, keine Tattoos, keine Verbiegungen.

Man staunt ja, was für zuckrige Texte damals als rebellisch galten: Sugar-Sugar-Baby, oh-oh, Sugar-Sugar-Baby, / mmmhhh, sei doch lieb zu mir, / Sugar-Sugar-Baby, oh-oh, Sugar-Sugar-Baby, / mmmhhh, dann bleib ich bei dir.

Die Kirche in Zürich hat diesen Text als jugendverderbend angeprangert. Im Vers kommt auch vor: Ich kenn Susi und Madeleine, kenn die Mary und die Jane, auch Diana ... Vielweiberei!, hieß es da. Titel wie „Schwarze Rose, Rosemarie“ waren erfolgreich, weil in der grauen Nachkriegszeit schon Worte wie Cowboy und Prärie reichten, Assoziationen und Bilder zu erzeugen von Sehnsucht nach fernen Ländern, damals unerreichbar.

Sie waren ein Mädchenheld und haben Musik zum Ausrasten gemacht, wie konnte aus Ihnen die Inkarnation der Bravheit werden, ein Mensch ohne Laster, Affären, ohne die kleinsten Macken?

Als ich meine Ausraster hatte, interessierte das noch niemanden. Heute würde es mich auf den Titel von Bild bringen, damals nicht. Die Bravo war zufrieden mit der Frage: Ist da was zwischen Conny Francis und Peter Kraus? Und ich habe mich nie angebiedert bei der Presse, wollte kein Futter werden. Vielleicht bin ich ein langweiliger Mensch geworden, sicher – aber mit langer Karriere.

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Datum:  4 | 2 | 2012
Seiten:  1 2
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