Zwei Männer dürften das Rennen um den Oscar als Bester Hauptdarsteller in diesem Jahr unter sich ausmachen: George Clooney auf der einen und Jean Dujardin auf der anderen Seite. Wie passend, dass man Letzteren ohnehin schon als „Frankreichs Antwort auf Clooney“ bezeichnet. Berühmt wurde der Franzose mit den James-Bond-Parodien „OSS 177“. Für deren Regisseur Michel Hazanavicius stand Dujardin nun für den schwarz-weißen Stummfilm „The Artist“ vor der Kamera, in dem er als Matinee-Idol George Valentine begeistert und so viel Charme versprüht wie sonst bestenfalls – genau – George Clooney.
Monsieur Dujardin, „The Artist“ ist ein Stummfilm über Hollywood und mit englischen Texttafeln, aber Sie sind genau wie der Regisseur Franzose. Was sprachen Sie bei den Dreharbeiten?
Jean Dujardin wurde im Juni 1972 im französischen Rueil-Malmaison geboren. Zunächst arbeitete er als Schlosser und trat nach seinem Militärdienst auf kleinen Kabarettbühnen auf.
Seit 2002 erhielt er erste Filmrollen, seinen Durchbruch im französischen Kino hatte er mit der Filmkomödie „Cool Waves – Brice de Nice“. 2006 spielte er die Hauptrolle in Hazanavicius’ Agentenparodie „OSS 117 – Der Spion, der sich liebte“.
Für seine Rolle als scheiternder Stummfilmdarsteller erhielt er den Darstellerpreis von Cannes, den Golden Globe Award sowie Nominierungen für den Europäischen Filmpreis und als bester Hauptdarsteller bei den Oscars.
Sie meinen in den Szenen, wo man unsere Lippenbewegungen sieht, aber nichts hört? Das war unterschiedlich, je nachdem welche Schauspieler vor der Kamera standen. Manchmal sprachen wir Französisch, manchmal Englisch, manchmal auch nur unverständliches Gebrabbel. Es war das Spannende an dieser Arbeit, dass es darauf letztlich nicht ankam. Alles was wir dem Publikum vermitteln wollten, musste sich über Körpersprache und Gesichtsausdrücke transportieren. Deswegen konnte man zur Not auch einfach mal gar nichts sagen.
Die Körpersprache ist ja eine sehr spezielle, die man sicherlich erst mal lernen muss, oder?
Durchaus. Ich habe Dutzende Stummfilme geguckt: von Murnau oder King Vidor und natürlich auch von Charlie Chaplin. Besonders wichtig für meine Vorbereitung waren Douglas Fairbanks und Gene Kelly. Deren Arbeiten kenne ich auswendig!
Versuchten Sie, sie zu imitieren?
Imitieren ist das falsche Wort. Ich habe mir bei jedem etwas abgeguckt. Den Schnurrbart habe ich von Clark Gable, die Bewegungen von Vittorio Gassman, das Lächeln von Gene Kelly. Was dann herauskam, war allerdings meine eigene Kreation. Bei allen Besonderheiten war „The Artist“ für mich eine Rolle wie jede andere und meine Schauspielerei unterschied sich kaum von dem, was ich sonst mache.
Ein Kinderspiel also?
Das nun auch wieder nicht. Viel schwieriger als das Spielen war das Stepptanzen – eine harte Nuss. Nicht nur, es überhaupt erst zu lernen. Aber ich durfte 30 Drehtage lang die Lust daran nicht verlieren und musste immer die Energie haben, die Sache leichtfüßig aussehen zu lassen.
Erstaunlicher ist, wie Sie und Ihre Filmpartnerin ohne Worte zeigen, wie sich zwei Menschen verlieben.
Das lässt sich mit der inneren Stimme lösen. Man braucht keine Worte, um etwas zu sagen! Jeder Schauspieler gönnt sich hin und wieder den Luxus, etwas von seinem Text wegzulassen. Er kann das Gleiche auch körperlich ausdrücken. Das kennen Sie: Statt mich zu bitten, Ihnen das Glas dort zu geben, könnten Sie mich auch problemlos nur mit Blicken dazu bringen.
Sie haben den Film in Hollywood gedreht. Wie war es, erstmals außerhalb Frankreichs zu arbeiten?
Ich fand das großartig, weil es zu unserer Geschichte passte. Es regte meine Fantasie an, an dem Ort zu sein, wo „The Artist“ spielt, und auch damals diese wunderbaren Filme entstanden sind. Außerdem hat der Look unseres Films enorm profitiert von den amerikanisch anmutenden Gesichtern der Statisten, den alten prunkvollen Kinosälen und den Villen aus den 20ern und 30ern.
Für viele Schauspieler ist Hollywood ein ewiger Traum, das gelobte Land. Für Sie auch?
Nein, dazu bin ich zu französisch. Es war nie mein Traum, dort zu landen. Wobei ich mir unerreichbare Träume ohnehin verbiete. Ich bin ein rationaler Typ. Dass ich überhaupt in Frankreich die Chance habe, Filme zu drehen, ist mehr als ich mir je hätte vorstellen können. Alles, was darüber hinausgeht, erscheint mir vermessen. Warum sollte man mehr wollen, wenn man glücklich ist?
Seit Sie im vergangenen Mai in Cannes den Darstellerpreis gewannen, wurde es dennoch immer mehr. Mittlerweile sind Sie einer der Oscar-Favoriten....
Ich staune noch immer. Cannes traf mich völlig unerwartet. Mir war nicht klar, was das dort für ein Trubel ist. An einen Preis hatte ich erst recht nicht gedacht. Die Oscar-Verleihung und alles, was in deren Vorfeld stattfindet, gehe ich genauso naiv an. Schritt für Schritt, Tag für Tag – und freue mich, wie gut es das Glück mit unserem Film meint.
Ist diese Aufmerksamkeit denn immer ein Vergnügen?
Ich kann nicht leugnen, dass ich ein wenig müde bin von all den roten Teppichen, Gala-Zeremonien und Interviews. Aber es macht mir auch viel Spaß. Ich werde diese Erfahrung nur einmal im Leben machen, also genieße ich jeden Moment.
Ihre Landsfrau Marion Cotillard hat im Vorfeld ihres Oscar-Gewinns binnen weniger Wochen Englisch gelernt, um besser die Werbetrommel rühren zu können.
Dass ich dabei so viel Talent an den Tag lege wie sie, wage ich zu bezweifeln. Aber auch bei mir stand das die letzten Wochen auf der Tagesordnung. Nicht unbedingt, um meine Chancen zu verbessern. Sondern weil ich ohnehin mein Englisch aufbessern wollte. Es hilft einem ja doch sehr.
Regisseur Michael Hazanavicius hat „The Artist“ explizit für Sie geschrieben. Setzt Sie das unter Druck?
Im Gegenteil! Das ist vielmehr eine tolle Bestätigung und eine komfortable Arbeitssituation – nicht zuletzt weil wir gut befreundet sind. So eine Rolle ist ein großartiges Geschenk.
Das Interview führte Patrick Heidmann.
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