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16. November 2012

Jesper Juul: „Die Debatte ist nicht ehrlich“

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul spricht im Interview über die Nachteile des Krippenausbaus und die Trennungsängste von Kleinkindern.

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Für jedes Kind einen Krippenplatz? Jesper Juul, der Familientherapeut, hält das nicht für wünschenswert und warnt vor Zwangsbetreuung. In seiner neuesten Streitschrift fragt er, wem unsere Kinder eigentlich gehören. Die Empörung über das Betreuungsgeld versteht er nicht.

Herr Juul, wem gehören unsere Kinder denn nun?

Die Kinder gehören sich selbst. Aber das scheint kaum jemanden zu interessieren.

Was ist mit den Eltern?

Natürlich gehören sie auch ein bisschen den Eltern. Sie entscheiden schließlich, wie sie mit ihren Kindern leben wollen.

Und der Staat?

Unsere historischen Erfahrungen mit Kindern, die in ideologisch konformen Tageseinrichtungen großgezogen wurden, ist nicht gerade vielversprechend – um nicht zu sagen beängstigend.

Deutschland und andere europäische Länder schaffen immer mehr Krippen für Kleinkinder, weil immer mehr Eltern berufstätig sein wollen oder müssen. Wollen Sie das gleichsetzen mit einer Zwangsbetreuung?

Mich stört nicht der Ausbau an sich, sondern das politische Ziel dahinter. Die Europäische Union und andere politische Organisationen wollen, dass so viele Kinder wie möglich in Tageseinrichtungen untergebracht werden. Das ist für mich eine Zwangsmaßnahme und hat mit demokratischen Gepflogenheiten nichts zu tun. Mich erinnert das sehr an die Zeit der frühen Industrialisierung, als die Fabrikbesitzer von einer direkten Verknüpfung von Mensch und Maschine geträumt haben und Kinder zu Investitionsobjekten wurden.

Das ist ein harter Vorwurf. Eltern werden doch nicht gezwungen, ihre Kinder betreuen zu lassen, sondern haben die Wahl. Was ist daran falsch?

Es ist vollkommen in Ordnung, wenn beide Eltern arbeiten müssen oder wollen und ihre kleinen Kinder in Institutionen betreuen lassen. Aber die Debatte, die wir führen, ist nicht ehrlich: Der Ausbau der Krippen und auch die Forderung nach flächendeckenden Ganztagsschulen geschieht, weil dahinter ökonomische Interessen stehen. Krippen und Kitas sollen Eltern die Möglichkeit geben zu arbeiten. Gleichzeitig sollen sie unsere Kinder in einer bestimmten Art und Weise formen, sie anpassen und auf die Zukunft vorbereiten. Hier geht der Staat aus meiner Sicht zu weit und die Behauptung ist falsch, das alles geschehe zum Wohle der Kinder. Wir sind eher dabei, Reservate anzulegen: für die Kinder, für die Jugend und für die Alten.

Kinderkrippen und Kindergärten sollen Bildung vermitteln. Ist das nicht eine große Chance?

Es gibt natürlich Familien, die nicht gut für die Kinder sind. Für diese etwa zehn Prozent aller Kinder wäre es in der Tat besser, wenn sie so viel Zeit wie möglich außerhalb ihres Elternhauses verbrächten. Das belegen Studien. Aber das gilt nicht für die Mehrheit der Kinder.

Eltern in Deutschland haben ab nächstem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab einem Jahr. Wie finden Sie das?

Das ist ein kühner Plan und politisch gesehen ein geschickter Schachzug. Aber wir haben in Skandinavien mit einem Krippenausbau in kurzer Zeit leider sehr schlechte Erfahrungen gemacht – etwa in Norwegen.

Warum?

Weil der Focus auf Quantität und nicht auf Qualität liegt. Man findet nicht genug qualifiziertes Personal und die Einrichtungen müssen deshalb Kompromisse eingehen, die den Kindern schaden. Sie verbringen oft eine sehr lange Arbeitswoche in den Betreuungseinrichtungen. Wenn die Bedingungen nicht stimmen, ist das fatal.

Woran können Eltern eine gute Einrichtung erkennen?

Es gibt keine einfache Formel. Forscher in Dänemark haben 3600 Kinder in verschiedenen Krippen, Kindergärten und bei Tagesmüttern befragt. 24 Prozent der Jungen und 10 Prozent der Mädchen sagten: Uns geht es nicht gut. Laut den Fachleuten gibt es mittlerweile viel zu viele kleine Kinder, die resigniert haben: Sie sind passiv, machen nicht mit und fühlen sich einsam. Eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Warum fühlen sich die Kinder nicht wohl?

Weil die Qualität der Beziehungen zum Personal nicht stimmt. Zudem haben Wissenschaftler festgestellt, dass 22 Prozent der Einjährigen in Dänemark sehr große Trennungsängste haben. Das ist für ein Kind und seine Entwicklung sehr gefährlich. Wenn Eltern das bei der Eingewöhnung in der Krippe erleben, sollten sie auch den Mut haben zu sagen: Okay, das war zu früh, wir warten noch ein paar Monate. Viele Erzieherinnen haben in solchen Fällen leider die Tendenz zu beschwichtigen. Ein klassischer Satz ist: Das Kind trennt sich nicht, weil Mutter oder Vater zu dem Schritt noch nicht bereit sind.

Stimmt das nicht?

Nein. Die Trennungsangst bei manchen Kindern ist kein neurotisches Phänomen, sondern eine ernst zu nehmende Tatsache. Davor sollten Eltern und Erzieher Respekt haben.

Haben Sie keine Sorge, dass Sie mit solchen Aussagen den berufstätigen Eltern ein schlechtes Gewissen machen? Sie sagen doch immer, genau das sei in der Erziehung kontraproduktiv.

Ich hoffe, dass Eltern ihre Entscheidung – egal welcher Art – mit einem möglichst guten Gewissen treffen. Die Entscheidung, ein kleines Kind zu Hause zu betreuen oder betreuen zu lassen, ist auf jeden Fall eine schwierige. Fair gegenüber dem Kind wäre es deshalb, dass Mütter und Väter sich so gut wie möglich informieren und sich nichts von anderen vorschreiben lassen.

Deutschland zahlt Eltern ab dem nächsten Jahr Betreuungsgeld, wenn sie ihr Kind zu Hause betreuen. Freut Sie das?

Das ist ein gutes Angebot. Auch in Dänemark gibt es eine kleine Bewegung von Müttern und Vätern, die ihre Kinder in den ersten Jahren zu Hause betreuen wollen. Ich finde, das hat seine Berechtigung.

Das Gespräch führte Katja Irle.

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