Das wundere sie jetzt ein bisschen, sagt die Kollegin vom Archiv: Sie habe in Zeitungen und Zeitschriften nur ein paar Seiten über Markus Lanz gefunden, meistens seien es ältere Interviews, kurze Lebensläufe, kein größeres Porträt. So wenig Material ist ungewöhnlich bei Medienleuten, sonst hilft das Archiv mit dicken Stapeln. Auch das Internet gibt in diesem Fall nicht viel her.
Aber der Mann, um den es geht, ist immerhin seit Jahren vier Mal pro Woche im ZDF auf Sendung: von Dienstag bis Donnerstag mit der Talkshow „Markus Lanz“, und freitags kochen in seinem Namen fünf Köche und Köchinnen. Im Vergleich mit anderen Late-Talkern sind seine Quoten sehr ordentlich: im Schnitt 1,4 Millionen Zuschauer, 12,3 Prozent Marktanteil.
Markus Lanz wurde am 16. März 1969 in Bruneck (Südtirol) geboren. Sein Vater starb früh. Die Familie lebte sehr bescheiden.
Beim italienischen Heer wurde er zum Funker ausgebildet und diente bei den Gebirgsjägern.
Nebenbei arbeitete er bereits bei einem Radiosender in seiner Heimat Bruneck.
Von 1998 bis 2006 war er mit der Moderatorin Birgit Schrowange liiert und hat mit ihr einen Sohn. Am 2. Juli 2011 heiratete er seine neue Lebensgefährtin Angela Gessmann.
Gut vorbereitet und schlagfertig
Vor Monaten zappte ich zufällig in die Talkshow rein. Mir gefiel die gute Unterhaltung, ich bin dann anhänglich geworden. Das Besondere ist die Stimmung: Gute Laune und erstaunliche Offenheit. Es reden Fachkompetenzen wie Politiker, Journalisten oder Sachbuchautoren, es reden Verkäufer in eigener Sache, Lebenskünstler, Menschen mit einem Schicksal oder einer Mission, oft sind auch Komödianten da.
Für einen Stargast wie Kevin Costner gab es einen Zweiertisch. Sonst sitzt die Hauptperson neben dem Moderator, die anderen Gäste folgen in einer Reihe. Der Gast am Rand kommt meistens erst am Schluss dran und zu kurz. Lanz kann sich an einer Frage festbeißen, und vergisst, dass noch jemand wartet. Gerecht ist das nicht, denkt man. Wieder mal zu viele Leute für 75 Minuten.
Der Moderator stellt das linke Bein vor den Sessel und winkelt das andere nach hinten ab – in dieser Position könnte er ganz schnell aufspringen, was er durch seinen wippenden Oberkörper andeutet. Markus Lanz ist ganz bei der Sache, er achtet auf Leerstellen in einer Auskunft und besetzt die mit Nachfragen: „Wie jetzt genau?“ „Warum?“ „Sagen Sie mal ein Beispiel!“
Er ist sehr gut vorbereitet und außerdem schlagfertig, was ohne ein kluges Team nicht möglich und ohne eigenen Esprit nicht glaubhaft wäre. Bei keiner anderen Talkshow wird so viel gelacht. Lanz öffnet der Leichtigkeit die Tür, weil er auch Witze auf eigene Kosten macht. Wenn sich zwischen Gästen Spannungen ergeben, lässt er sie die austragen.
Lanz beißt bei Schwarzer auf Granit
Es gab natürlich auch Sendungen, in denen Lanz auf Granit biss wie bei Alice Schwarzer: Wenn ihr eine Frage nicht passte, hielt sie ihm einen Satz entgegen: „Darum geht es doch nicht!“ Manche Gespräche liefen aus dem Ruder: Den Rappern Bushido und Sido las Lanz ihre älteren frauen- und schwulenfeindlichen Texte vor. Die beiden ließen ihn auflaufen.
Peter Maffay - Laudator für den Integrations-Bambi an Bushido - verteidigte Bushidos Entwicklung und verstummte, nachdem ein neues, aggressives Video gezeigt worden war. Das Publikum stand, seltsam parteilich, den Rappern bei. Bushido twitterte später seinen Fans, er beschwerte sich über Zensur und nannte Lanz einen Heuchler. Alles voll daneben, aber guter Stoff für Gespräche unter Freunden.
Feldjäger und Funker
Eigentlich kommt diese Sendung für mich zu spät, so wie auch die anderen Talkrunden im Ersten und Zweiten Programm. Außer „Hart aber fair“ fängt keine vor 22.15 Uhr an. Für Markus Lanz soll man weit über Mitternacht aufbleiben. Nachteulenfernsehen.
Seit „Günther Jauch“ gestartet ist, beschäftigen sich kluge Menschen wieder mit Talkshow-Theorien. Sind wir überversorgt? Wie sind die Moderatoren? Fast immer geht es um fünf Leute von der ARD – zwei Damen, drei Herren, per Photoshop als lächelnde Familie zusammengeführt: Sandra Maischberger, Anne Will, Reinhold Beckmann, Frank Plasberg, Günther Jauch. Auf Medienseiten werden ihre Quoten verglichen. Alle sind runtergegangen.
Alle wurden Skilehrer - außer Lanz
Markus Lanz, 42 Jahre, kommt aus einem Südtiroler Bergdorf. Die Jungen in seiner Schulklasse sind, alle außer ihm, Skilehrer geworden. Sein Vater starb früh, die Familie lebte bescheiden. Der Sohn gründete mit dem jüngeren Bruder eine Band und verdiente mit 14 Jahren eigenes Geld. Markus Lanz war Feldjäger und Funker in der italienischen Armee, studierter Kommunikationswirt, Nachrichtenmoderator. 1995 protestierte er gegen französische Atomversuche im Muroroa-Atoll und veröffentlichte mit zwei Freunden den Rap-Song „Fuck Chirac“, der ihm immer noch ein paar Cent von der Gema, der Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte, einbringt.
1998 übernahm er die Schwangerschaftsvertretung für Barbara Eligmann bei RTL-„Explosiv“ und wurde später Redaktionsleiter. 2008 warb ihn das ZDF als Urlaubsvertretung für Johannes B. Kerner ab. Der ging bald zu Sat.1, sein Vertreter bekam eigene Sendungen. Nebenbei reiste Lanz mit Schlitten zum Nordpol wie zum Südpol und feierte seinen 40. Geburtstag mit zwei Inuits auf Grönland. Er schreibt Bücher und fotografiert, engagiert sich bei der Welthungerhilfe, hilft seit 1999 beim Brunnenbau in Kenia. Und er sieht gut aus.
Vielleicht ist das ein Problem. Schöne Männer sind Ausnahmen, die Regelfälle schalten auf Abwehr. Wenn Kollegen über Markus Lanz schreiben – gelegentlich in den Presse-Online-Ausgaben – formulieren sie maliziös, giftig, verächtlich: „Schlaftablette“, „Witwenbeglücker“, „Schönling“, „Schwiegermutterliebling“, „Biedermann“, „voll simulierter Erregungstalker“. Ein Medienkolumnist schrieb: „Motoröle neiden dem Moderator seine Schmierigkeit.“ Schon seltsam.
Interviews mit den ganz Großen, News über Leute in den Schlagzeilen