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16. Februar 2012

Nach Winnenden: Leben ohne Waffen

 Von Joachim Wille
Auch durch Morddrohungen lässt sich Hardy Schober von seinem Engagement nicht abbringen.  Foto: dapd

Buchautor Hardy Schober spricht über den Tod seiner Tochter beim Amoklauf von Winnenden und seinem Kampf für ein schärferes Waffengesetz.

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Buchautor Hardy Schober spricht über den Tod seiner Tochter beim Amoklauf von Winnenden und seinem Kampf für ein schärferes Waffengesetz.

Es hat fast drei Jahre gedauert, bis Hardy Schober diese Sätze schreiben konnte: „Janas Gesicht war blutverschmiert. Sie trug einen Verband um den Kopf, auch der war mit Blut getränkt. Ihre Augenpartie war geschwollen und blau verfärbt. Ein Schlauch führte in ihren Mund, den man in der Hektik vergessen hatte zu entfernen. Es war ein Luftkatheter. ,Jana!’ Meine Stimme klang fremd in meinen Ohren. ,Jana.’“ Es ist die schlimmste Stelle in Schobers Buch „Mein Sonnenkind“, das seit Montag verkauft wird. Es sei quälend gewesen, sich alles wieder in Erinnerung zu rufen, sagt er. Aber notwendig. Denn: „Ich wollte den Menschen mitteilen, warum ich diesen Kampf für schärfere Waffengesetze führe.“

Er stieg ins Auto, raste los

Es war am 11. März 2009, im „Raum der Stille“, unten im Kellergeschoss des Krankenhauses von Ludwigsburg. Schober nahm Abschied von seiner Tochter Jana, die ihr früherer Mitschüler Tim Kretschmer (17) bei dem Amoklauf von Winnenden kaltblütig erschossen hatte. Das so lebensfrohe „Sonnenkind“, wie der Vater seine älteste Tochter nannte, wurde nur 15 Jahre alt. Der Finanzberater war wegen eines geschäftlichen Termins in Leipzig gewesen, als das Handy klingelte. Es habe einem Amoklauf an der Albertville-Realschule in der schwäbischen Kleinstadt bei Stuttgart gegeben, hieß es. Und Jana sei unter den Opfern. Schober stieg in sein Auto, raste los.

Zur Person

Hardy Schober, 49, arbeitete als Immobilienmakler und verkaufte Bausparverträge. Mit anderen Eltern gründete er das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“. Im Südwest-Verlag ist sein Buch „Mein Sonnenkind“ erschienen.

Bei dem Amoklauf starben am 11. März 2009 neun Schülerinnen und Schüler und drei Lehrerinnen. Der Amokläufer Tim Kretschmer (17) stürmte mit einer Beretta-92-Pistole seines Vaters und einer Tasche voll Munition in eine Schule in Winnenden. Auf der Flucht tötete er drei weitere Männer, bevor er sich selbst umbrachte. Sein Vater wurde wegen fahrlässiger Tötung zu 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte Waffen und Munition nicht ordnungsgemäß aufbewahrt.

„Ich will sie sehen“, sagte der damals 49-Jährige, nachdem er in Winnenden eingetroffen war. „Das ist nicht möglich“, so die Antwort eines Polizisten. Doch Schober setzt sich durch. Er fand heraus, wohin man Jana gebracht hatte. In der Ludwigsburger Klinik führte man ihn zu ihr. „Ich nahm ihre Hände. Sie waren warm“, berichtet Schober. Doch Jana war tot. „Die Zeit stand still ... Dann, auf einmal, wollte ich weg. Das Gefühl war eindeutig: Du musst nun deinen Weg gehen und ich meinen.“ Es war, Schober wusste es damals natürlich noch nicht, der Startpunkt für seine Anti-Gewalt-Mission, die ihm viel Mitgefühl und Sympathie eingebracht hat – und viele Feindschaften.

Es war der Tag, der bei Schober alles änderte. Er hängte seinen Beruf an den Nagel. Weiter Immobilien vermitteln und Bausparverträge verkaufen – das ging nicht mehr. Doch er zog sich nicht in die Trauer zurück. Auch versuchte er nicht, das Geschehene zu verdrängen. „Wut habe ich nie verspürt“, berichtet Schober, aber tiefe Trauer. Es gab Phasen völliger Verzweiflung. Doch bereits kurz nach der grausamen Tat, die ganz Deutschland erschütterte, gründete er zusammen mit anderen Opfer-Eltern das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“. Janas Vater ist der Vorsitzende. Er macht politische Lobby-Arbeit, hält Vorträge, organisiert Tagungen zur Gewaltprävention, sammelt Spenden, plant Benefiz-Konzerte. Inzwischen firmiert das Bündnis als kirchliche „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“. Die Stiftung hat drei zentrale Ziele: Großkalibrige Waffen in Privathaushalten sollen verboten werden und Mitglieder von Schützenverein ihr Schießgerät nicht zu Hause, sondern zentral in gut gesicherten Tresoren in den Schützenhäusern aufbewahren müssen. Außerdem kämpft sie für ein Verbot der Killerspiele wie „Counterstrike“ oder „Modern Warfare“. Tim Kretschmer, Sohn einer Unternehmerfamilie, die nur ein paar Straßen weiter im selben kleinen Ort wie die Schobers wohnte, hatte die Schnellfeuerwaffe seines Vaters einfach an sich nehmen können, sie lag ungesichert im Nachtschrank. Und er spielte exzessiv am Computer, bevor er seinen „Hass auf alle“ in einem Amoklauf umsetzte.

Sportschützen nicht das Hobby vermiesen

Kurz nach der Bluttat von Winnenden hatte es so ausgesehen, als würden die Waffengesetze diesmal – nach halbherzigen Korrekturen als Reaktion auf die früheren Amokläufe von Erfurt und Emsdetten – grundlegend verschärft. Doch dann die Enttäuschung. Schober: „Die Waffenlobby schaffte es, alles auszuhebeln.“ Vor allem, weil auch viele Politiker sich von ihr einspannen ließen – unter anderem aus Rücksicht auf die 1,5 Millionen Mitglieder von Schützenvereinen, die auch Wähler sind. Damals war er fassungslos. „Ich musste erst lernen, wie einfach es ist, Dinge zu zerreden, bis nichts mehr davon übrigbleibt.“

Doch Schober, der das Grab seiner Tochter im Ort Weiler zum Stein bei Winnenden in den drei Jahren seit der Tat fast jeden Tag besucht hat, lässt sich nicht entmutigen. Auch nicht von den Morddrohungen, die er immer wieder bekommt. In seinem Buch zitiert er den anonymen „aufmerksamen Beobachter“, der ihm schrieb: „Sie legen sich mit bewaffneten Menschen an. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie eines Tages durchsiebt aufgefunden werden.“ Es gehe ihm gar nicht darum, den Sportschützen ihr Hobby zu vermiesen, betont Janas Vater. Unter ihnen gebe es nur wenige schwarze Schafe. Aber automatische Großkaliber-Waffen brauche es für den Sport nicht. Man sei doch nicht im Krieg.

Schober glaubt trotz der Rückschläge, dass die drei Kernforderungen seiner Stiftung sich in den nächsten zehn Jahren durchsetzen werden. Es gebe eine neue Generation Politiker, die anders ticke. Man brauche halt einen langen Atem. Und wenn nicht? „Dann gilt: Nach dem Amoklauf ist vor dem Amoklauf.“

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