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Promi-News und Interviews mit den ganz Großen

16. Januar 2013

Nachruf: Im Reich der Sinne

 Von Daniel Kothenschulte
Nagisa Oshima (1932 – 2013) Foto: dpa

Der japanische Regisseur Nagisa Oshima war der große Erneuerer des japanisches Nachkriegskinos. Seine Filme provozierten, er brach mit stilistischen als auch filmischen Konventionen, schuf so Meisterwerke und wurde weltweit bekannt.

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Jeder Regisseur hat den Wunsch, den Tod zu dokumentieren und die sexuelle Vereinigung zu filmen“, schrieb Nagisa Oshima 1976. Und fügte für seine Zeit provozierend hinzu: „Ganz gleich ob zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Männern oder zwei Frauen oder auch zwischen Mensch und Tier.“

Letzteres tat er dann allerdings doch nur in der verspielten Form einer satirischen Komödie: In „Max Mon Amour“ aus dem Jahre 1986 teilt Charlotte Rampling das Bett mit einem Schimpansen. Die Make-Up-Künstler hatten ganze Arbeit geleistet, ein lebensechteres Affenkostüm sah man wohl nie. Es war ein selbstironisches Spiel mit einem filmischen Realismus, den der große Erneuerer des japanischen Nachkriegskinos längst hinter sich gelassen hatte.

Japanische "Nouvelle Vague"

Mit seinem Film „Nackte Jugend“ war Oshima 1960 zum Protagonisten einer japanischen „Nouvelle Vague“ geworden – zeitgleich und auf Augenhöhe mit den Franzosen: Ein Student rettet eine junge Frau vor einer sexuellen Attacke und beginnt mit ihr eine leidenschaftlich-unterkühlte Beziehung. Ihren Lebensunterhalt finanzieren sie, indem sie ihr Kennenlernen nachstellen: Die Frau lässt sich von alten Männern ansprechen, ihr Freund eilt zu Hilfe und erpresst diese.

Während sich Europas Jungfilmer von einem spießigen „Papa-Kino“ abwandten, brachen die jungen Japaner mit den großen Meistern: Den Humanismus von Ozu, Mizogushi und Naruse fanden sie nicht mehr zeitgemäß, und sie misstrauten der Konvention versöhnlicher Filmenden. Rebellische, unterprivilegierte Jugendliche waren die Anti-Helden von Oshimas frühen Filmen wie „Eine Stadt voller Liebe und Hoffnung“ (1959) und „Das Grab der Sonne“ (1960).

Bald brach er mit stilistischen Konventionen und nutzte Mittel des Avantgardefilms: So besteht „Nacht und Nebel über Japan“ (1960) aus weniger als fünfzig Einstellungen, während im Mittelpunkt der Handlung eine politische Debatte steht: Oshima verarbeitete die Studentenproteste gegen das japanisch-amerikanische Militärbündnis.

In vielen Arbeiten nahm Oshima radikale gesellschaftskritische Positionen ein, ohne sich vereinnahmen zu lassen. So stellt „Tod durch Erhängen“ über die Ermittlungen gegen einen einer Sexualstraftat verdächtigten Koreaner die Frage, ob ein Staat zum Funktionieren nicht sogar das Verbrechen braucht.

Bruch mit Konventionen

Oshimas radikalster Bruch mit filmischen Konventionen aber ist jener Film, der ihn auch im Westen schlagartig bekannt machte: Das erotischen Meisterwerk „Im Reich der Sinne“ von 1976 gilt als erster seriöser Spielfilm mit expliziten Sexszenen. Um die japanische Zensur zu umgehen, ließ sich Oshima nach Paris einladen. „Ich hatte mir vorgenommen, erst dann wieder solche Filme zu machen, wenn ich mir sicher sein konnte, dass mir eine radikale Darstellung der Sexualität gelingen würde, das heißt, wenn ich den Akt einfach abfilmen könnte“, erklärte Oshima in seinem berühmten Aufsatz „Das pornographische Kino – Eine experimentelle Theorie“.

Als dieser Aufsatz in einem Filmbuch erschien, machte man Oshima in Japan den Prozess. Oshimas flammendes Plädoyer ist legendär: „Es gibt keine Obszönität“, zeigte sich der Filmemacher überzeugt, „außer in den Köpfen der Staatsanwälte und der Polizei“. Auch für Pornographie hatte Oshima seine Definition: „Ist es nicht ihr Hauptmerkmal, dass man den Anschein erweckt, etwas Verborgenes zu zeigen, dass man etwas suggeriert? Seit ’Im Reich der Sinne’ in Japan verboten ist, wurde aus dem Film ein Porno. Der Inhalt spielt überhaupt keine Rolle.“

„Tabu“ heißt Oshimas letzter Film über junge Samurai von 1999. Da hatte er in Japan längst eine zweite, glänzende Karriere gemacht als Fernsehmoderator. Kaum ein Filmemacher hat sich so oft erneuert wie Nagisa Oshima, vergleichbar wohl nur Jean-Luc Godard. Seine politische Radikalität ging stets einher mit ästhetischer Erneuerung. Gestern starb er 81-jährig an einer Lungenentzündung.

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