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25. Juni 2014

Pablo Pineda: Lehrer mit Down-Syndrom

 Von 
Pablo Pineda kann mit Kritik umgehen.  Foto: rtr

Pablo Pineda hat das Down-Syndrom, doch davon lässt er sich nicht bremsen: Er ist Lehrer, hält Vorträge und war der Star eines Spielfilms. Mit Kritik kann er umgehen.

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Thomas Hartung, Sachsens stellvertretender AfD-Vorsitzender, hat Pablo Pineda nie kennengelernt. Aber er hat ein paar Dinge über ihn zu sagen. „Sei nur blöd genug“, schreibt er auf Facebook über den Spanier, von dem er in der Zeitung gelesen hat, „reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu.“ Hartung gehört nicht zu den Dummen, ihm kann Pineda nichts vormachen. Der Mann will Lehrer sein? „Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.“

Pineda lebt in Málaga in Spaniens Süden, weit weg von allen sächsischen Debatten. Als er zum ersten Mal hört, was Thomas Hartung von ihm hält, reagiert er gelassen: „Das muss einen nicht wundern“, sagt er, „viele denken so, aber aus Vorsicht sagen sie es nicht.“ Pablo Pineda ist 39 Jahre alt und hat genügend Zeit gehabt, die Menschen kennenzulernen. Er kam mit Down-Syndrom – oder Trisomie 21 – zur Welt. Er ging zur Schule, machte das Abitur und schloss ein Studium zum Grundschullehrer ab. „Natürlich kann jemand mit Down-Syndrom Unterricht geben, wenn er den entsprechenden Abschluss dafür hat.“ So einfach ist das.

So einfach ist es natürlich doch nicht. Pineda ist ein besonderer Mann, und er weiß das wahrscheinlich, auch wenn er nicht darüber redet. Er versucht nur, anderen, die es im Leben schwerer haben als der Durchschnitt, Mut zu machen: „Dass sie nie die Zuversicht verlieren, dass sie sich als wertvoll empfinden, dass sie sich akzeptieren und lieben, dass sie niemanden beneiden, dass sie ohne Komplexe leben!“ Er selbst hat es geschafft. „Ich bin glücklich“, sagt er. Er sagt das immer wieder.

„Ich empfinde mich als privilegiert“, erklärte Pineda schon vor Jahren. Er selbst habe immer gewusst, was er wolle. „Und meine Eltern haben mir unendlich geholfen. Sie haben auf meine Fähigkeiten vertraut, und sie haben mich immer unterstützt, ohne Unterschiede zu meinen Brüdern zu machen.“ Pineda kam im August 1974 als vierter Sohn seiner Eltern in Málaga zur Welt. Für die meisten Eltern ist die Diagnose Down-Syndrom ein Schock. Vicente del Bosque, Spaniens Fußballnationaltrainer, erzählte einmal, wie er und seine Frau auf die Nachricht reagierten, dass ihr Sohn Álvaro das Down-Syndrom habe: „Am Anfang haben wir viel geweint. Wenn ich jetzt zurückschaue, denke ich: Was für Idioten wir doch waren!“ Er liebt seinen Sohn, „der zu keiner Bosheit fähig ist“, über alles.

Unbedingte elterliche Liebe

Mit der unbedingten elterlichen Liebe wuchs auch Pablo Pineda auf. Sein Vater Roque und seine Mutter Maruja ahnten, welches Potenzial in ihrem Jüngsten steckte, dass sie ihn zur Selbstständigkeit erziehen könnten. Und sie fanden an den öffentlichen Schulen Málagas Lehrer, die ihr Vertrauen teilten und den Jungen förderten. In einem Interview mit der Zeitung „El País“ erzählte Pineda von einem Gespräch, das er „mit sechs oder sieben Jahren“ mit einem Professor führte, der sich für seinen Fall interessierte und ihm erklärte, was das Down-Syndrom sei. „Bin ich dumm?“, fragte Pablo den Professor, nachdem er die Erklärungen gehört hatte. „Werde ich weiter lernen können?“ Natürlich, antwortete der Professor. Nur die anderen Kinder waren sich da nicht so sicher. „Du Armer, du bist krank“, sagten sie ihm. Aber Pablo erwies sich als überdurchschnittlich intelligent. Er schaffte das Abitur und nahm in seiner Heimatstadt Málaga ein Studium zum Grundschullehrer auf. Und er machte Schlagzeilen: als erster Europäer mit Down-Syndrom, der es zu einem Universitätsabschluss brachte.

Der Ruhm, den ihm seine akademische Karriere einbrachte, hat Pablo Pineda schließlich auf andere Wege als den des Lehrerberufs geführt. Er ist heute Vortragsreisender in Sachen Integration. „Ich war schon in Kolumbien, in der Dominikanischen Republik, in Brüssel“, erzählt er. Die Fundación Adecco, eine Stiftung, die sich starkmacht „für Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen großen Schwierigkeiten gegenübersehen, eine Beschäftigung zu finden“, hat ihn unter Vertrag genommen. „Du machst schließlich, was du kannst“, sagt Pineda. Mit den Vorträgen komme er finanziell über die Runden.

Mit der spanischen Schauspielerin Lola Duenas spielte Pablo Pineda zusammen in "Me too - Wer will schon normal sein?"  Foto: rtr

Im Herbst vergangenen Jahres moderierte Pineda eine Sendung im zweiten Programm des öffentlichen spanischen Fernsehens, „Denk positiv“. Auch darin ging es um die Integration Behinderter ins Berufsleben – obwohl Pineda in der Sendung lieber von „Personen mit anderen Fähigkeiten“ sprach. Dort konnte man Pinedas Unbefangenheit und Professionalität beobachten.

Er redet mit kräftiger, dunkler Stimme, auch wenn seine Aussprache wegen des Down-Syndroms ein wenig verwaschen ist, dazu macht er weit ausholende Bewegungen. Fast wie ein Schauspieler. Das war er auch mal.

In dem spanischen Film „Me too – wer will schon normal sein?“ aus dem Jahr 2009 spielt Pineda einen jungen Mann mit Down-Syndrom und Universitätsabschluss, der sich in eine Arbeitskollegin verliebt. Seine eigene Geschichte? Nicht ganz. Daniel, der Mann, den Pineda verkörpert, hält seinen Filmeltern in einer Szene all die Mühe vor, die er sich im Leben geben müsse, um zu sein, was er ist – nur um am Ende nicht glücklich zu werden. „Pablo Pineda ist in dieser Beziehung anders als Daniel“, sagt Pineda. „Das genaue Gegenteil: Ich bin immer eine sehr glückliche Person gewesen. Ich habe nie bereut, was ich getan habe.“ Die Juroren des Filmfestivals von San Sebastián erkannten die schauspielerische Leistung von Pineda und zeichneten ihn und seine Filmpartnerin, die wunderbare Lola Dueñas, mit der Silbernen Muschel als beste Hauptdarsteller aus.

Herausforderung lernen

Pineda genoss den Rummel um den Film. „Schon vorher haben mich die Leute auf der Straße erkannt und angehalten“, erzählt Pineda, „aber es gibt einen Unterschied. Vor dem Film haben mir die Leute gesagt, ah, du bist Pablo, ich hab dich im Fernsehen gesehen. Jetzt bin ich der Schauspieler. Das finde ich viel lustiger!“ Aber er wusste, dass er im Leben etwas anderes machen wollte als Schauspielerei, „etwas Soziales, etwas, was den Leuten hilft“. Also hält er Vorträge und hat im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, „Die Herausforderung zu lernen“, in dem er über seine eigenen Erfahrungen in einem Schulsystem spricht, das sich oft immer noch schwertut mit Schülern, wie er einer war.

Pineda hat in seinem Leben vieles erreicht, von dem andere Leute nur träumen. Aber eine Leerstelle gibt es doch: die Liebe. Er verliebt sich immer in die Schönsten, die Unerreichbaren. „Und die schauen mich an und sagen: Lass uns lieber Freunde sein.“ Ein Satz, den kein Mann gerne hört.

Vielleicht macht er etwas falsch. „Kann sein. Die Down-Syndrom-Leute ... sehr schön sind wir nicht, ehrlich gesagt. Diesen Nachteil haben wir auch.“ Und er lacht aus vollem Herzen. Seit Jahren geht das schon so. Er hätte gern ein Partnerin, aber er findet einfach keine. „Es ist kompliziert. Dauernd wirst du auf die Wirklichkeit gestoßen.“ Und die ist nicht immer rosig, selbst für einen glücklichen Menschen wie Pablo Pineda.

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