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27. November 2012

Pete Townshend Interview: "Ich hatte schlichtweg Angst"

Pete Townshend, 67, bei einem Konzert 2006. Foto: REUTERS

Die Gitarre von The Who: Pete Townshend über seine Autobiographie, sein ewiges Idol Mick Jagger, den Fluch des Nichtaufhörenkönnens und den Verdacht, im Internet Kinderpornografie gekauft zu haben.

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Die Gitarre von The Who: Pete Townshend über seine Autobiographie, sein ewiges Idol Mick Jagger, den Fluch des Nichtaufhörenkönnens und den Verdacht, im Internet Kinderpornografie gekauft zu haben.

The Who sind – wieder einmal – auf Tournee. Am Tag nach dem Konzert im Barclays Center in New York treffen wir Pete Townshend in einem Hotel am Central Park. Der 67-jährige Brite ist allerdings nicht gekommen, um über die Nostalgie-Show der Who zu reden, sondern über seine Autobiografie „Who I Am“. Nach der Begrüßung kommt er sofort zur Sache: „Bevor Sie loslegen, müssen Sie mir sagen, was Sie von meinem Buch halten. Ein paar meiner besten Freunde finden es nämlich zum Teil schwer erträglich. Ist das so?“

Es ist sehr offen. Sie schreiben über Ihre Depressionen und Selbstzweifel, über Entzug und Therapiesitzungen und über die Zeit, als Sie wegen des Verdachts Schlagzeilen machten, im Internet kinderpornografische Bilder gekauft zu haben. Es ist eine Abrechnung mit sich selbst, aber es hat nicht jene exzessive Unbedarftheit wie die Biografie von Keith Richards.

Ich hätte natürlich auch so ein Buch wie Keith schreiben können, vollgestopft mit Anekdoten aus dem verrückten Leben der Who.

Jener etwa, wie Ihr Drummer einmal einen Straßenkreuzer im Pool eines Hotels versenkte…

Dass wir uns nicht missverstehen: Es macht Spaß, solche wahnsinnigen Geschichten auszugraben. Nur zweifelte ich oft an der Klarheit meiner Erinnerungen. Mitunter fragte ich mich, ob ich nicht selbst all die Mythen über uns wiederkäue, statt die Wahrheit zu erzählen. Ich wollte ein ehrliches Buch schreiben, meine Geschichte erzählen.

Immer wieder zurück zu „The Who“

Peter Townshend, am 19. Mai 1945 in London geboren, gründete 1964 mit Sänger Roger Daltrey, Bassist John Entwhistle und Schlagzeuger Keith Moon die britische Rockband The Who. Er ist der Autor von Hits wie „My Generation“ und Rockopern wie „Tommy“ und „Quadrophenia“.

Immer wieder hat sich Townshend von The Who getrennt, um Soloalben aufzunehmen, stets kehrte er aber zur Band zurück.

Seit dem Tod von Moon und Entwhistle machen Daltrey und Townshend zu zweit mit einer Gruppe von Gastmusikern weiter. Pete Townshends Autobiographie „Who I Am“ (Kiepenheuer und Witsch) erscheint am 29. November.

Sie schreiben, wie groß Ihre Bewunderung für John Lee Hooker ist, der 1989 auf Ihrem Album „The Iron Man“ dabei war. Bis kurz vor seinem Tod hat der Bluesmann noch Konzerte gegeben. Wollen Sie das auch, Musik machen, bis es nicht mehr geht?

Überhaupt nicht. Ich weiß, dass Keith Richards das ganz anders sieht als ich. Er glaubt ja wirklich, seine Musik so lange spielen zu können, wie er will. Bei mir ist das anders. Meine Auftritte sind eher Installationen, sie erfordern mehr als nur musikalisches Können. Nach all den Proben und Vorbereitungen hatte ich gestern das erste Mal das sichere Gefühl: Ich kann wieder Gitarre spielen und mich gleichzeitig dazu bewegen.

Sie haben Ihre berühmte Windmühle vorgeführt, bei der Sie den ausgestreckten rechten Arm immer wieder kreisen lassen und dabei auf die Saiten bearbeiten. Ist das auch mit 67 noch so leicht, wie es aussieht?

Nein, es ist ein sehr körperbetontes Gitarrenspiel, fast wie ein Tanz. Sehr anstrengend. Ich weiß nicht, wie lange ich das in dieser Intensität noch machen kann. Mick Jagger, der in seinen Konzerten zigmal die Bühne auf- und abläuft, wird sich ähnlich fühlen.

Nun feiern die Rolling Stones gerade ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum mit fünf Konzerten in London und New York. Werden Sie sich eines davon ansehen?

Nein. Wir sind in der Zeit auch auf Tour. Ich bin immer noch mit jedem von ihnen eng befreundet. Aber selbst wenn ich Zeit hätte, würde ich nicht hingehen.

Warum nicht?

Die Stones haben meine Jugend mit ihrer Musik und ihren Auftritten geprägt. Ich möchte sie so und nicht anders in Erinnerung behalten. Mick war in den Siebzigern oft bei The Who. Er wollte sehen, was wir zu bieten haben.

Mick spricht nicht plötzlich übers Golfen

Was schätzen Sie an ihm?

Er ist ein sehr kluger Kopf, ich habe ihn gerne um mich. Zum Beispiel, dass er nicht abschweift, wenn wir uns unterhalten, er fängt nicht plötzlich an, übers Golfen zu reden, wie so viele andere ältere Musiker. Mick ist auch bei der Arbeit unglaublich konzentriert. Er liebt aber nicht nur die Performance, sondern das Managen dieses gewaltigen Apparats, zu dem sich die Stones entwickelt haben.

Ist das der Antrieb, die „greatest show on earth“ zu bieten – bis in alle Ewigkeit?

Genau das hat die Stones doch immer ausgemacht. Mir scheint aber, dass sie allmählich zur Ruhe kommen. Keith macht seine Arthritis zu schaffen. Mit ein paar Injektionen kann er die eine oder andere Show durchstehen, aber keine Welttournee.

Spricht da der alte Rivale?

Überhaupt nicht. Für mich wäre es wirklich schön zu sehen, wenn Mick und Keith endlich in ruhigere Gewässer kämen, statt die Fackel der Stones immer weiter tragen zu müssen. Das gleiche wünsche ich mir übrigens auch für Roger und mich.

Roger Daltrey und Sie, die beiden Überlebenden der Who. Sie haben in den vergangenen 20 Jahren oft verkündet, genug zu haben – und sind dann wieder mit den alten Hits auf Tour gegangen.

Es tut uns gut, ab und zu Konzerte zu geben. Ich sehe mich auch immer noch als Songwriter.

Neue Songs haben Sie aber schon länger nicht mehr geschrieben. In Ihrer Autobiografie sprechen Sie auch ein sehr ernstes Thema an. Im Januar 2003 wurden Sie von der Polizei verhört, wegen des Verdachts, auf einer Website kinderpornografische Bilder angesehen zu haben. Die Berichterstattung darüber beschreiben Sie als traumatische Erfahrung. Hatten Sie keine Bedenken, das alles noch einmal aufzurollen?

Ich habe zunächst gezögert, ja. Aber ich musste das Thema ansprechen. Viele Freunde kannten meine eigene Geschichte.

Missbrauch und Gruppentherapie

Sie schreiben, dass Sie als Kind wahrscheinlich missbraucht wurden, als Sie eine Zeit lang bei Ihrer nicht zurechnungsfähigen Großmutter lebten.

Ja, als ich eine Gruppentherapie machte, verfestigte sich bei mir diese Ahnung, die ich schon immer gehabt hatte. Ich spürte all die Jahre so viel Zorn in mir.

Den Sie zum Teil auch in Ihren Songs verarbeitet haben, beispielsweise 1969 in der Rockoper „Tommy“, die von einem Jungen handelt, der von seinem Onkel sexuell missbraucht wird.

Es hat mich schon lange beschäftigt. Als Mitte der 90er-Jahre Berichte über Kinderpornografie im Internet aufkamen, war ich ziemlich verstört. Ich wollte etwas unternehmen, wollte zeigen, wie Online-Banker, Internetfirmen und Pornoproduzenten mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern viel Geld machen. Ich habe im Netz recherchiert und 1999 auf einer Site mit dem Button „Hier klicken für Kinder-Pornos“ meine Kreditkarte benutzt. Anschließend habe ich das sofort storniert. Ich habe die Sache nicht konsequent weiter verfolgt, sondern Organisationen unterstützt, die sich um Opfer sexuellen Missbrauchs kümmern. Im Jahr 2002 habe ich zu dem Thema einen Essay auf meiner Website veröffentlicht. Ich war so arrogant anzunehmen, dass ich als Rockstar etwas dagegen unternehmen könnte. Im Januar 2003 stand mein Name dann auf einer Liste der „Operation Ore“…

… einer vom FBI geführten weltweiten Razzia gegen Kinderpornoringe im Netz, bei der 250 000 mutmaßliche Pädophile anhand ihrer Kreditkarten ausfindig gemacht wurden.

Bang! Meine Name stand groß in den Zeitungen. Zuvor hatte ich ja ein energischeres Vorgehen gegen Kinderpornografie im Internet gefordert. Genau das passierte: Nur, dass sie mich ans Kreuz schlugen. Mein Haus in London war umzingelt von Fotografen und TV-Teams. Die Polizei stellte mich vor die Alternative: Entweder eine Verwarnung annehmen, was bedeutete, fünf Jahre auf einer öffentlichen Liste für Sexualstraftäter geführt zu werden – oder vor Gericht ziehen.

Warum haben Sie das nicht getan, wenn Sie doch erklären, Sie seien unschuldig?

Ich hatte schlichtweg Angst. Nach all dem, was ich durchgemacht hatte, wollte ich das nicht auf mich nehmen. Mir war klar: Ganz gleich, ob man mich schuldig oder unschuldig sprechen würde, in der öffentlichen Meinung wäre ich nie als völlig unschuldig betrachtet worden.

Ein Reporter des Guardian, hat die Festplatte der kinderpornografischen Website kriminaltechnisch untersuchen lassen und keinerlei Hinweis darauf gefunden, dass Sie diese konsumiert oder gar abonniert hatten. Er ist der Meinung, dass man Sie zu Unrecht an den Pranger gestellt hat. Warum sind Sie, mit dieser Beweislage nicht doch noch vor Gericht gezogen?

Wenn es um Kinderpornografie geht, kann man sich nur bis zu einem gewissen Punkt vorwagen. Den hatte ich erreicht. Die Art und Weise, wie in den Medien heute darüber berichtet wird, hätte ich nicht ausgehalten. Deshalb habe ich darüber geschrieben. Jeder kann sich ein eigenes Bild davon machen.

Interview: Martin Scholz

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