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Promi-News und Interviews mit den ganz Großen

05. Dezember 2012

Peter Handke: Sonderling aus Überzeugung

 Von Harald Jähner
Ich habe nur ein Thema: Mich. So spricht der Bewohner des Elfenbeinturms. 

Peter Handke wird 70. Sein neuester großer Wurf: „Versuch über den Stillen Ort“, eine Betrachtung über die Absonderung im allgemeinen und den einen Ort im besonderen, zu dem es Handke nun schon ein Leben lang drängt.

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Der Dichter, auf dem Klo übernachtend. Und zwar auf der Bahnhofstoilette von Spittal an der Drau, „in einer Art Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt.“ Sehr jung ist Peter Handke da noch, die Schulzeit ist soeben zu Ende gegangen, fünf Jahre später, 1966, wird er seinen ersten Roman, „Die Hornissen“, veröffentlichen. Jetzt aber liegt er der Klomuschel zugewandt, und wie immer erlebt er auch das mit allen Sinnen und später, in der Nacherzählung, geradezu beschreibungsmeisterlich. Das Klobecken umringt er „samt dem Schmieröl, oder was es war, rund um die Schrauben, mit denen der Kachelsockel im Boden befestigt war, samt den Härchen, oder dem Flaum, oder dem Mulch, oder was es war, rund um die Ringe des Schmieröls, samt den schlafenden Fliegen – ,ah, Schlaf!’ – oder Spinnen, oder Weberknechten, oder was sie waren, an den Kabinenwänden“.

Die Erinnerung an diese Szene schenkt uns Peter Handke zu seinem siebzigsten Geburtstag in seinem kleinen Band „Versuch über den Stillen Ort“ (Suhrkamp, 110 S.; 17,95 Euro). Das Buch zieht trotz seines buchstäblich abseitigen Themas eine Art Lebensbilanz, insofern es eine Betrachtung ist über die Absonderung im allgemeinen und den Stillen Ort im besonderen, zu dem es ihn nun schon ein Leben lang dränge. „Ja, wie denn auch nicht?“, wird da manch einer vielleicht einwerfen, „uns alle drängt es schließlich ein Leben lang zum Klo, und oft genug in letzter Minute. Hört das mit dem Klodrang erst einmal auf, ist alles zu spät.“

Dem Einwurf ist leicht begegnet. Da auch dieses Buch ein typischer Handke ist, verhält es sich wieder „grundanders“, um ein Lieblingswort Handkes zu gebrauchen: „dieses Grundandere, dieses viel Mehr hat mich ja bewegt zu dem Versuch hier, über es im Aufschreiben ein wenig, naturgemäß bruchstückhafte Klarheit zu schaffen.“ Kacken, aber grundanders. Denn um die Verdauung geht es nicht bei der hier untersuchten Intimität.

Drang zu Witzchen

Allenfalls ein Hauch Selbstparodie mag dabei sein, wenn Handke seinen vielbeschworenen hohen Ton – den ernstesten der Gegenwartsliteratur – vor allerlei WCs zwingt, auch vor solche ohne W, nur mit Plumps. Abermals beweist er vielmehr, dass gerade die bohrende Beschreibungsgenauigkeit das Peinliche hinter sich lässt und damit den Drang zu Witzchen und Schamüberspielung aller Art. Ernst und Präzision sind es, die ihn in der Erinnerung an ein Sich-Einnässen vor allen Mitschülern im Internat, die ganze Würde zurückgewinnen lässt, die damals verloren zu gehen schien. Wenige Zeilen nur, und doch ein großes, stilles Wunder.

Absonderung von Beginn an: 1967 als sogenannter Kultautor seiner Generation, pilzköpfig und beifallsheischend arrogant, drehte er den gleichaltrigen Anhängern hinsichtlich ihrer politischen Erwartungen eine Nase. „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“, verkündete er trotzig. „Ich habe keine Themen über die ich schreiben möchte, ich habe nur ein Thema: Über mich selbst klar, klarer zu werden, mich kennenzulernen oder nicht kennenzulernen, zu lernen, was ich falsch mache, was ich falsch denke“ und so weiter, der Satz geht noch lange so fort, kreisend ums Ich, und endet mit einer unüberbietbar klaren Absage an eine politische Literatur, wie sie die damals tonangebende Studentenbewegung, allen voran Hans Magnus Enzensberger zur Pflicht erhob.

Im störrischen Beharren auf größtmöglicher Genauigkeit ist Peter Handke sich treu geblieben, und erstaunlicherweise die Leser ihm. Sie gehen mit ihm durch dick und dünn, weil sie wissen, am Ende lohnt es sich immer. Handkes Texte nerven, aber sie schärfen auch die Nerven. Seine Sätze staksen von Einschub zu Einschub, von Gewichtigkeit zu Geschwollenheit, sind verschraubt und verdreht, verzauselt und kauzig, um am Ende abzuheben wie Leuchtraketen. Plötzlich ist man am äußersten Rand des Sagbaren, aus der Welt gefallen und doch mitten in ihr, so mittendrin, wie man sich selten gefühlt hat. Ein Lesen, „wie nur je eines“, um eine weitere typische Handke-Wendung zu gebrauchen, ein wahres „Sich-In-Die-Welt-Hinauslesen“.

Radikale Vertiefung ins Ich

Handkes Egozentrik ist nämlich immer auch ein Hinaustreten in die Welt; sie fußt auf der Erfahrung, dass gerade die radikale Vertiefung ins Ich ein hohes Maß an Verbindlichkeit schafft. 1976 erklärt er in einem Interview, dass es „eine Oberfläche von Erleben gibt, die wir alle gemeinsam haben, also die oberflächlichste Oberfläche: und dann gibt es die Tiefe der ersten Regungen und der Träume, die haben wir wieder gemeinsam.“ Und er folgert: „Daraus bestehen meine Bücher: aus der äußersten Oberfläche und aus dem äußersten Verbohrten. Und dass diese Oberfläche und die Tiefe allen gemeinsam ist, das ist meine Fiktion beim Schreiben; und dazwischen sind wir verschieden.“

Seit mehr als 45 Jahren vollzieht Handkes Schreiben beide Bewegungen: weg von der geläufigen Einvernehmlichkeit, weit weg ins Kauzige, Beschreibungswahnsinnige und mit neuer Kraft und Klarheit zum Leser zurück. Von der sprachlichen Absonderung zurück zum Wunsch, verstanden zu werden – das ist letztlich die Idee des Stillen Orts. Deshalb ist der Rückzug auf diesen nur halb begriffen als Sehnsucht nach „Nächstenferne“. „Einsilbig geworden durch die Worte der anderen, von ihnen zum Schweigen gebracht“, angeödet, sucht er den Abort – welch sprechendes Wort, genau wie das „Klosett“, von „closed“ kommend für abgeschlossen wie die Klause. Kaum hinter sich verriegelt, springt die versiegte „Wörterquelle“ neu auf.

Der „Versuch über den Stillen Ort“ endet mit der erneuerten Lust zur Einmischung: „Los, auf, zurück zu den anderen, vielsilbig, voll von der Redelust.“ Möge es noch lange so bleiben!

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