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21. Dezember 2012

Sabin Tambrea: Der Auserwählte

 Von Petra Ahne
„Da wusste ich, heute Abend spiele ich um mein Leben“: Sabin Tambrea.Foto: dpa

Im Kino ist er bald Ludwig II., der Bayernkönig. Im Beruf steht er noch am Anfang. Als unbekannter Schauspieler hat Sabin Tambrea die Hauptrolle in dem seit Langem teuersten deutschen Film bekommen. Weil etliche Menschen ihrem Bauchgefühl folgten, könnte sich nun sein Leben ändern.

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Berlin –  

All die kleinen Filme hat sie aufgehoben, sagt Marie Noëlle. Vielleicht macht sie mal etwas damit, einen Film, ein Projekt, sie weiß es noch nicht. 370 sind es, in jedem ist ein anderer junger Mann zu sehen. Sie spielen die gleichen zwei Szenen vor, sie erzählen etwas über sich, und am Ende hat man mehr als 370 Bewerbungsvideos. 370 Menschen, die einen Beruf gewählt haben, der ein Versprechen bereithält: erfolgreich zu werden und berühmt. 370 Mal Hoffnung: auf die Hauptrolle, die dieses Versprechen Wirklichkeit werden lassen könnte. 369 junge Männer, die eine Absage bekamen. Und den einen, der König Ludwig wurde.

Marie Noëlle sagt, sie wusste, wer der richtige ist, sobald sie ihn sah. Sie beugt sich jetzt vor auf dem Sofa im Berliner Hotel Hyatt, diese Geschichte erzählt sie gern: wie sie und ihr Mann, die Regisseure, ihren Hauptdarsteller fanden und durchsetzten bei den Produzenten, die lieber einen bekannten Schauspieler wollten. Marie Noëlle, eine lebhafte Frau, die ihr Haar hochgesteckt tragen kann, ohne altbacken zu wirken, passt gut in die elegante Suite, durch deren Fenster man die Philharmonie sieht. Neben ihr sitzt Peter Sehr, ein hochgewachsener Mann, der seinen Blick oft auf einem Punkt hinten im Raum ruhen lässt; ermattet von den Interviews, die er geben muss an diesem Tag, an dem beide aus München nach Berlin gekommen sind, um über „Ludwig II.“ zu sprechen, ihren Film, der am 26. Dezember anläuft. Vielleicht wahrt er auch nur die Rollenverteilung, seine Frau ist zuständig für das freundliche, zugewandte Gespräch, er für leidenschaftliche Einwürfe. „Wissen Sie, was so toll ist“, ruft er einmal, „auch wenn Sabin gar nichts macht, löst er etwas aus bei einem.“

Sabin, das ist Sabin Tambrea, 28 Jahre alt, Hauptdarsteller eines zweieinhalbstündigen Kinofilms über das Leben des bayerischen Königs, der außer extravaganten Schlössern vor allem die Frage hinterlassen hat, wer er eigentlich war – von den Verhältnissen gebrochener Feingeist oder zunehmend geisteskranker Egoman. Es ist ein für deutsche Verhältnisse fast monumentales Projekt, 16 Millionen Euro Budget, jede Nebenrolle prominent besetzt: Katharina Thalbach, Samuel Finzi, Edgar Selge, Uwe Ochsenknecht, Hannah Herzsprung.

Sabin Tambrea als Ludwig II. Er  spielt  ihn als einen  Idealisten, der die Welt mit Hilfe der Kunst zu einem besseren Ort machen will und sich bald verbittert von ihr zurückzieht.
Sabin Tambrea als Ludwig II. Er spielt ihn als einen Idealisten, der die Welt mit Hilfe der Kunst zu einem besseren Ort machen will und sich bald verbittert von ihr zurückzieht.
Foto: dpa

„Er hat uns sofort elektrisiert“

Marie Noëlle sagt, dass sie für die Titelrolle unbedingt ein unbekanntes Gesicht wollten, „eine freie Projektionsfläche für die Reise hinter die Fassade dieser Figur“ – und plötzlich hatte sie es vor sich: „Er hat uns sofort elektrisiert. Diese Mischung aus Zartheit, Klugheit und Naivität. Und er hat einen vornehmen Brief beigelegt. Er war so entschlossen: Er musste Ludwig sein.“ Das spürten auch die Regisseure. Es war ein Gefühl, stärker als die Worte, mit denen man es nacherzählen kann.

Die Frage an Marie Noëlle und Peter Sehr war, warum sie sich für Sabin Tambrea entschieden haben. Denn schließlich erzählt dieser Film nicht nur die Geschichte eines vor 126 Jahren gestorbenen Königs, sondern auch die eines jungen Schauspielers, dessen Leben sich ändern könnte, weil ein paar Menschen ein Bauchgefühl hatten. Oft ist es die eine Rolle, nach der eine Filmkarriere plötzlich Fahrt aufnimmt. Es gibt keine Gewissheit, dass das bei Sabin Tambrea so sein wird. Doch eine so große Chance bekommt er wahrscheinlich nicht noch einmal. Und so kann man der Frage nachgehen, warum sich für manche Schauspieler der Traum von der Hauptrolle erfüllt und für viele nie. Ob Talent reicht oder noch etwas anders dazukommen muss, Glück etwa.

Bei Sabin Tambrea war es zunächst die Hartnäckigkeit der Regisseure. Die Produzenten in München konnten sich nicht zu einem Hauptdarsteller durchringen, der bisher nur einmal eine Nebenrolle in einem Kinofilm gehabt hatte. Produzenten denken pragmatisch, das heißt im Filmgeschäft: Man nimmt Schauspieler, die schon wegen ihres Namens für Zuschauer sorgen.

Marie Noëlle schlug vor, gemeinsam mit den Produzenten nach Berlin zu fahren: „Ich war mir sicher, sie würden sehen, was für ein Talent und eine Kraft er hat.“

In Berlin klingelte dann das Handy des Auserwählten: Er solle zwölf Karten im Berliner Ensemble reservieren. Dort stand er alle paar Abende auf der Bühne. „Da wusste ich, heute spiele ich um mein Leben“, sagt Sabin Tambrea.

Es ist früh am Morgen, er hatte vorgeschlagen, sich in einem Café nahe des Berliner Ensembles zu treffen, weil nachher gleich Proben sind. Er tritt wieder dort auf, gerade in mehreren Stücken gleichzeitig. Sabin Tambrea ist sehr schmal und sehr groß – 1,93 Meter, exakt die Größe von Ludwig II. –, aber er faltet sich so elegant auf dem Stuhl zusammen, dass man sich gar nicht klein vorkommt neben ihm. Sein Gesicht ist so fein geschnitten, dass man es mit wenigen Strichen zeichnen könnte, und vielleicht fallen deswegen die grünen Augen so auf. Sie werden schmal vor Vergnügen, als er von dem Abend erzählt, als sich entschied, dass er die Rolle bekommen würde.

Gesagt hat es ihm da allerdings niemand so direkt. Gemeinsam gingen sie nach der Vorstellung in ein Restaurant, die Stimmung war ausgelassen, man stieß an, aber dass er Ludwig spielen würde, erfuhr Sabin Tambrea erst, als er ein paar Wochen später bei der Produktionsfirma anrief. Er ist dann lange nicht mehr aufgestanden von dem Stuhl, auf dem er gerade saß.

Jetzt konnte er die Gedanken zulassen, die er sich vorher verboten hatte, damit eine Absage nicht so schmerzen würde. Wie ungeheuerlich es war, diese Rolle bekommen zu haben. Wie passend, dass er, der seit der Kindheit Richard Wagners Musik liebt, der Wagner-besessene Ludwig sein würde. Und wie großartig, dass er, das rumänische Flüchtlingskind, den sagenumwobensten deutschen König spielen würde.

Er selbst war das Instrument

Er war zwei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm und seiner älteren Schwester aus einer Kleinstadt in Siebenbürgen nach Deutschland gingen, weg aus Ceausescus Rumänien, in dem sie keine Zukunft sahen. Zuerst wohnten sie in Marl in Nordrhein-Westfalen, wo Tambreas Vater als Geiger bei der Philharmonia Hungarica spielte, einem von geflohenen ungarischen Musikern gegründeten Orchester. Dann zogen sie nach Hagen, weil die Mutter, ebenfalls Geigerin, eine Stelle im Orchester bekommen hatte. Es war klar, dass die Kinder auch Geige lernen würden, Sabin Tambrea trat schon im Kindergarten-Alter auf.

Er war begabt, aber es gab ein Problem: Er fiel vor Aufregung regelmäßig in Ohnmacht. „Mal vor dem Vorspiel, manchmal danach, da habe ich mich nicht festgelegt“, sagt Sabin Tambrea und seine Stimme klingt noch amüsierter als ohnehin, wenn er über sich spricht. Seine Mutter meldete ihn im Chor an, damit er sich daran gewöhnte, auf der Bühne zu stehen, und plötzlich klappte es, auch wenn er allein vorsang. Viel später wurde ihm klar, warum: weil da nichts mehr war zwischen ihm und der Musik. Kein Instrument, das jeden falschen Griff seiner Finger mit einem schiefen Ton strafte. Er selbst war das Instrument. Er mochte das.

Als er vierzehn war, gründete der Vater seines besten Freundes ein Jugendtheater und fragte ihn, ob er mitmachen würde. Sabin Tambrea sagte zu, obwohl er sich für Theater bislang nicht so sehr interessiert hatte. Das änderte sich jetzt. Auf der Bühne zu spielen, war wie Vorsingen, nur besser. Dass es in seinem Leben um Kunst gehen würde, war eigentlich immer klar gewesen, sagt er. Nun wusste er auch, um welche.

Schauspieler ist allerdings ein Beruf, für den man sich nicht allein entscheidet. Man muss gewollt werden, ist von anderen abhängig, das ganze Schauspielerleben lang.

Sabin Tambrea wurde erstmal nicht gewollt. Mit Anfang zwanzig bewarb er sich an etlichen Schauspielschulen, alle lehnten ihn ab. An der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin riet ihm ein Dozent, es lieber als Model zu versuchen.

Zweifel seien ihm damals nicht gekommen, sagt Sabin Tambrea. Aber er habe einfach nicht verstanden, warum niemand sah, wie unbedingt er spielen wollte, wie viel er zu geben bereit war. Dass dies seine Bestimmung war.

Es ist ein Geschäft

Ein Jahr später wurde er an der Ernst-Busch-Schule aufgenommen. Dort gelernt zu haben, ist keine Garantie dafür, als Schauspieler berühmt zu werden. Aber doch, wenn nicht allzu viel schief geht, eine Basis dafür, einmal von seinem Beruf leben zu können. Die allermeisten der etwa 15.000 Schauspieler in Deutschland können das nicht. Träumen überhaupt alle von der ganz großen Karriere, vom Berühmtsein?

„Eigentlich schon, und das ist auch richtig so“, sagt Michael Keller, zu dessen Büro die Pförtnerin der Ernst-Busch-Schule über verwinkelte Wege geführt hat. „Das ist der Stachel, der nach vorne treibt. Der Ursprungstraum ist doch, mit seiner Kunst die Welt verändern zu können. Weil ich meine, etwas zu sagen zu haben, etwas besser zu können als die anderen.“ Seit 32 Jahren ist Michael Keller Schauspiellehrer an der Schule, inzwischen leitet er den Bereich. Einige der Nachwuchsschauspieler, die er von hier in die Welt hat gehen sehen, kennt inzwischen jeder, etwa Jan Josef Liefers, Nina Hoss oder Boris Aljinovic. Die meisten aber sind an kleineren Theatern untergekommen. Wer welchen Weg macht, überrascht Keller immer wieder. „Es gibt Leute, die weniger auffällig waren und dann groß werden. Und welche, die immer an der Spitze waren, beim Vorspiel die besten Noten hatten, die verschwinden.“

Talent haben alle – genug jedenfalls, um zu den 25 zu gehören, die jedes Jahr unter bis zu 2000 Bewerbern ausgewählt werden. Reicht das also nicht für den Durchbruch? „Der Schauspieler ist sehr abhängig von dem, was er bekommt, welche Rollen man ihm anbietet“, sagt Keller. „Er hat ja nur sich, um zu zeigen, was er kann.“ Der Jahrgang von Sabin Tambrea sei sehr stark gewesen. Die Studenten hätten sich gegenseitig angetrieben und die meisten auch schon ihren Weg gefunden.

Tambrea kam noch während des Studiums ans Berliner Ensemble. Keller steht jetzt im hellen Foyer der Schule, er zeigt auf eine lange Reihe Fotografien an der Wand: „Der letzte Jahrgang ist schwieriger.“ Er geht an den Porträts entlang, vorbei an den klaren Gesichtern, die meisten ernst. „Die hier haben wir verkauft“, sagt Michael Keller und deutet auf eine junge Frau, „den auch, der hat noch nichts, der geht nach Stuttgart, die nach Graz, die hat noch nichts. Normalerweise hat um diese Zeit jeder schon was.“ Er will die Absolventen noch einmal mit Intendanten zusammenbringen und mit Agenten. Es ist ja auch ein Geschäft. Ein ganzes System von Menschen und Institutionen ist dafür da, Schauspieler auf dem Markt zu platzieren.

„Agentur Wiebke Reed“ steht auf einem Gartenzaun ganz im Osten Berlins, in einer Einfamilienhausgegend am Müggelsee. Vorn im Garten steht ein Holzhaus, dahinter ein modernes, weiß gestrichen, mit bodentiefen Fenstern. Das hat sich Wiebke Reed gebaut, gewissermaßen als Belohnung für sich selbst, ihren Mut, vor zwanzig Jahren neu anzufangen – mit Anfang fünfzig – und eine Agentur zu gründen, die Schauspieler vertritt und an Filmproduktionen vermittelt. Schon lange ist sie nicht mehr nur bekannt dafür, die Frau von Dean Reed gewesen zu sein, dem amerikanischen Sänger und Schauspieler, der Anfang der Siebzigerjahre in die DDR zog – wegen ihr.

Sicherer Blick für den Nachwuchs

Die ehemalige Lehrerin hat sich den Ruf erworben, einen sicheren Blick für junge Schauspieler zu haben. Christiane Paul, Matthias Schweighöfer und Marie Bäumer haben mit ihrer Unterstützung angefangen. Sabin Tambrea hat sich vor fünf Jahren bei ihr beworben, viele Ernst-Busch-Schüler tun das. „Ich habe sofort gemerkt, dass Großes in ihm steckt“, sagt Wiebke Reed, eine jung aussehende, energische Frau. Ein Bauchgefühl, auch bei ihr. Eine gute Agentin spürt wahrscheinlich, wer auch bei Regisseuren und Zuschauern so ein Gefühl auslösen könnte. Bei Wiebke Reed klappt das immer wieder. Und trotzdem sagt sie: „Ich kann sehen, wer ein guter Schauspieler ist. Aber nicht, wer Starqualitäten hat.“

Sie sagt, dass das Geschäft härter geworden sei. Als sie anfing, gab es in Deutschland vierzig bis fünfzig Agenturen, heute sind es 250. Es gibt auch immer mehr Schauspieler, sie kommen aus den neuen privaten Schauspielschulen oder glauben, vor die Kamera zu gehören, weil sie mal in einer Vorabendserie eine Rolle ergattert haben. Zwar gibt es mehr Film- und Fernsehproduktionen denn je, doch ist es nicht einfacher geworden als neues Gesicht. „Es sind doch immer die gleichen hundert Schauspieler, die man sieht, weil zum Beispiel Fernsehredakteure glauben, dass die Zuschauer immer dieselben sehen wollen“, sagt Wiebke Reed. Nur noch selten können die Agenten entscheiden, wen sie zu einem Vorspiel schicken. Die Caster, die für die Besetzung eines Films zuständig sind, sehen sich auf den Internet-Seiten der Agenturen Fotos und Szenen an und fragen gezielt an. Von Sabin Tambrea hätte man gern ein Bewerbungsvideo, ließ die Casterin von „Ludwig II.“ Wiebke Reed wissen.

Sie ließ sich das Drehbuch schicken, das macht sie immer, es geht ja auch darum, ihre Klienten vor falschen Entscheidungen zu bewahren. Eine Agentin hat durchaus mütterliche Aufgaben, vielleicht machen deswegen fast nur Frauen den Job.

Sie ist glücklich mit diesem Film, der Ludwig II. als Idealisten beschreibt, der die Welt mit Hilfe der Kunst zu einem besseren Ort machen will und sich bald verbittert von ihr zurückzieht. In der Tat ist der Film eine liebevoll und opulent inszenierte Bühne für Sabin Tambreas großes Talent. Es gibt Szenen von theaterhafter Intensität, etwa wenn der 18-jährige Ludwig vor dem Spiegel die Antrittsrede als König übt und in Minuten von einem panischen, verzweifelten zu einem triumphierenden jungen Mann wird, entschlossen, die neue Macht in seinem Sinne zu nutzen. Es könnte ein Film sein, der vielen Menschen gefällt, er ist prächtiger Kostümschinken und sorgfältige Charakterstudie zugleich. Ob ein Film ein Erfolg wird, ist allerdings schwer vorauszusagen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

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