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03. April 2012

Schauspieler Stellan Skarsgård: „Religion macht keinen besser“

Hält nicht viel vom Bibellesen: Stellan Skarsgård. Foto: dapd

Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård glaubt nicht an gute und schlechte Menschen. Skarsgård spricht im Interview über Kinder, alltägliche Gewalt und George W. Bush.

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Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård glaubt nicht an gute und schlechte Menschen. Skarsgård spricht im Interview über Kinder, alltägliche Gewalt und George W. Bush.

Stellan Skarsgård liebt die komplizierten Charaktere. In Lars von Triers „Dogville“ etwa spielt er Chuck, einen treuherzigen Familienvater, der sich der Gewalt hingibt. Auch in seinem neuen Film, „King of Devil’s Island“ vom norwegischen Regisseur Marius Holst, gibt er einen eher ambivalenten Charakter. Als Bösewicht möchte er ihn aber nicht verstanden wissen.

In „King of Devil’s Island“ spielen Sie den Direktor einer Besserungsanstalt für jugendliche Straftäter, in der Kinder durch harte Hand zu anständigen Christenmenschen gemacht werden sollen. Kann eine derartige Erziehung funktionieren?

Natürlich ist es möglich, manche Kinder durch eine solche Form der Erziehung zu brechen, um sie so in diese Art von Gesellschaft zu integrieren. Aber das ist keine sinnvolle pädagogische Methode, um sie zu guten Menschen zu machen. Diese Kinder werden ihre eigenen Kinder schlagen.

Dennoch sieht sich der Direktor als Vorbild für die Kinder.

Ich spiele einen Mann, der für seine Zeit sehr radikal und fortschrittlich ist. Er hat gute Absichten. Aber er verrät die Kinder, weil er nicht wahrhaben will, dass in seiner Anstalt Kinder misshandelt werden. Er ist zu feige, um sich zu erheben und sich gegen die Vorstellungen seiner Zeit zu stellen. Und das frisst ihn letztlich auf.



In einer jüngst veröffentlichten Studie kam heraus, dass fast die Hälfte aller deutschen Eltern ihre Kinder schlagen. Soviel scheint sich nicht verändert zu haben.

Schweden war das erste Land, das 1979 das Schlagen von Kindern verboten hat. Und auch in Deutschland ist es verboten, also sollte vermutlich die Hälfte der deutschen Eltern im Gefängnis sitzen. Die Idee ist relativ neu, dass Kinder überhaupt Rechte haben. Aber es ist essentiell, dass Kinder diese Rechte genießen. Man sollte ein Kind genauso wenig schlagen dürfen, wie man es nicht von Kopf bis Fuß tätowieren lassen darf, wie es einem gefällt.

Als Hauptgrund für die Schläge wurde genannt, dass die Eltern überfordert sind. Sie selbst haben sieben Kinder. Waren Sie nie mit ihnen überfordert?

Natürlich verzweifelt man manchmal mit den Kindern. Und ihre Widerspenstigkeit bringt einen dazu, sie schlagen zu wollen. Aber man darf es nicht tun und man sollte es auch nicht.

Wie bestrafen Sie Ihre Kinder?

Ich strafe nicht. Es ist wichtig, wenige Regeln zu haben und diese sollten dazu da sein, ihr Sozialverhalten zu fördern. Ansonsten sollten Kinder Freiheit haben und Verantwortung übernehmen.

In Deutschland sind gewalttätige Jugendliche ein gesellschaftliches Problem. Wie kann man dem begegnen?

Das macht mir Sorgen. Kinder sind heute durch die Medien häufig visueller Gewalt ausgesetzt. Nicht mal im alten Rom, wo man im Kolosseum zusehen konnte, wie Christen von Löwen gefressen wurden, war Gewalt so alltäglich wie heute. Das ist nicht richtig.

Endet da die Freiheit, die Sie Ihren Kindern geben?

Nur weil ich ihnen Freiheit gebe, heißt das nicht, dass sie von klein auf gucken dürfen, was sie wollen. Aber das funktioniert nur bis zu einem gewissen Alter.

Welche Werte kann Religion vermitteln?

Ich glaube nicht, dass Religion jemanden zu einem besseren Menschen macht. Die drei monotheistischen Religionen sind ein großes Problem. Ein Gott bedeutet eine Wahrheit. Und jeder der sagt, es gebe nur eine Wahrheit, sollte sein Gehirn untersuchen lassen. Denn das ist das Ende jeden Dialogs, jeden Verständnisses für andere Menschen und aller zwischenmenschlicher Kommunikation.

... zumal sich die verschiedenen Religionen offenbar immer mehr radikalisieren.

Die Fundamentalisten haben jetzt politischen Einfluss, auch im Westen. Jemand wie Rick Santorum ist nicht weit entfernt von einem iranischen Ayatollah. Nach 9/11 habe ich die Bibel gelesen, um zu verstehen, was George W. Bush antreibt. Ich glaube allerdings nicht, dass er sie gelesen hat. Sie ist ein Märchen aus der Bronzezeit. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand heute noch daran glaubt.

„King of Devil’s Island“ zeigt eine dunkle Seite der skandinavischen Geschichte – eigentlich eine Region, die für gute Schulsysteme und geringe Armut bekannt ist.

Der Film spielt 1915. Damals war Skandinavien arm und sehr religiös geprägt. Dreißig Jahre Sozialdemokratie haben das System komplett verändert. Es entstand die Philosophie, dass jeder die gleichen Chancen haben sollte. Eine Gesellschaft, die jedem nutzt. Aber zur Zeit haben wir eine rechte Regierung. Das heißt Schulen werden privatisiert, die Einkommensschere wird größer. Es ist ein großartiger Ort zum Leben, aber ich weiß nicht, wie lange noch.

Der Film spielt in Norwegen. Hat das Massaker von Utøya das Verhältnis der Norweger zur Demokratie verändert?

Nein, die Norweger sind extrem gut damit umgegangen. Sie sind nicht in Panik geraten, wie etwa die USA nach 9/11. Gegen so eine Tat kann man sich nicht schützen. Dieser Verrückte denkt immer noch, er hätte das Richtige getan. Das Problem ist: Vor fünfzig Jahren hätte er vielleicht denselben Hass empfunden, aber er wäre sehr einsam gewesen. Jetzt findet er über das Internet fünf andere Spinner, die so ticken, und denkt, er wäre Teil einer Bewegung.

Das Interview führte Patrick Schirmer Sastre.

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