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14. Februar 2013

Scientology-Beauftragte Caberta: Unerschrockene Kämpferin

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Deutschlands führende Sektenexpertin Ursula Caberta. Foto: dpa

Ursula Caberta, die langjährige Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, war die bekannteste, umstrittenste und versierteste Expertin für Psycho-Sekten in der Republik. Jetzt hat Caberta das Handtuch geworfen.

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Sie war der Feind Nummer eins für die totalitäre Scientology-Organisation. Detektive bespitzelten sie jahrelang, sie wurde mit dem Tod bedroht und als „Nazi-Verbrecher“ beschimpft. Ursula Caberta, die langjährige Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, war die bekannteste, umstrittenste und versierteste Expertin für Psycho-Sekten in der Republik. Und sie hat mit vielen Fernsehauftritten den Deutschen beigebracht, dass es sich bei Scientology nicht um die Heilsarmee handelt.
Jetzt hat Caberta das Handtuch geworfen und einen Auflösungsvertrag für ihre Stelle als Sektenbeauftragte in Hamburg unterschrieben – weil ihr Budget in den vergangenen Jahren radikal zusammengestrichen wurde. „Wenn die Mittel fehlen, ist eine sinnvolle Arbeit nicht mehr möglich“, sagt die 62-Jährige. „Der politische Wille, über Scientology und Esoteriker aufzuklären, ist in Hamburg nicht mehr vorhanden.“
Als sie 1992 die Gründung der „Arbeitsgruppe Scientology“ beim Senat der Hansestadt erreichte, hat die streitbare SPD-Politikerin 1992 den Diskurs über totalitäre Sekten in Deutschland vom Kopf auf die Füße gestellt. Die weltweit einzigartige Behörde wurde im Innenressort angesiedelt und mit vier Planstellen gut ausgestattet. Caberta behandelte die angebliche „Kirche“ aus Kalifornien erstmals nicht mehr als Problem einzelner Opfer, sondern als Bedrohung für die innere Sicherheit der Bundesrepublik. Sie drängte auch auf ein Verbot, wofür sich allerdings bundesweit keine Mehrheit fand.

Politischer Extremismus

„Inseln des Totalitarismus in der demokratischen Gesellschaft“ hat der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton Sekten wie Scientology genannt. Caberta sprach von einer neuen Art des politischen Extremismus, lange bevor gefährliche Gehirnwäschegruppen wie Aum Shinrikyo oder Al Kaida das Phänomen auf die politische Tagesordnung setzten. „Mir wurde klar, Scientology ist keine Religion, sondern eine totalitäre Organisation wie die Nazis, mit Führerkult und Herrenmenschentum.“ Sie betreute zahlreiche Sektenopfer persönlich, bestritt zahllose Veranstaltungen und publizierte mehrere Bücher. Betroffene und Aussteiger aus ganz Europa und den USA versorgten sie mit Insider-Informationen und brisanten Dokumenten.
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Ohne Caberta hätte die Innenministerkonferenz den Verfassungsschutz wohl 1997 nicht auf Scientology angesetzt, und ohne ihre Vorarbeit hätte es auch höchstrichterliche Entscheidungen nicht gegeben, in denen Scientology als Wirtschaftsunternehmen oder verfassungsfeindlich eingestuft wurde. Es war die unerschrockene Ursula Caberta, die den Einfluss von Scientology auf amerikanische Regierungsstellen wie das Außenministerium in Washington öffentlich machte. Erst danach haben deutsche Politiker wie Norbert Blüm oder Günter Beckstein bekannt, dass sie, wann immer sie sich kritisch mit Scientology befassten, Anrufe von US-amerikanischen Konsulaten bekamen.

Der Druck aus Washington, Cabertas Dienststelle zu schließen, war enorm. Doch galt sie in der Hamburger Verwaltung auch als unbequem und zu aufmüpfig.
Im September 2010 machte der schwarz-grüne Senat die Arbeitsgruppe Scientology überraschend dicht und fand Caberta mit einem Posten für Öffentlichkeitsarbeit ohne Mitarbeiter und ohne Geld ab. Die offizielle Begründung waren Sparmaßnahmen, doch wurde über Wikileaks bekannt, dass der damalige Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) im Hamburger US-Konsulat Gespräche über Caberta führte. „Hat das US-Konsulat bei der Schließung die Fäden gezogen?“, fragte Caberta. Damals wurde ihr die Beratung von Betroffenen entzogen und dem Hamburger Verfassungsschutz übertragen, was auch der seit März 2011 amtierende neue SPD-Senat trotz früherer Versprechen führender Sozialdemokraten nicht rückgängig machte.

„… jetzt eben als Privatfrau“

Den Ausschlag für Cabertas Ausstieg gab schließlich eine Affäre, bei der die staatlichen Verfassungsschutzämter sich offensichtlich überfordert zeigten. Im baden-württembergischen Esslingen hatten Mittelständler 2012 ein berufliches Netzwerk gegründet, das von Scientologen unterwandert wurde. „Jemand aus der Gruppe wandte sich an mich, nachdem er beim Verfassungsschutz keine Hilfe erhielt“, sagt Caberta. „Wenn aber staatliche Stellen das Thema kleinreden und mir die Hände gebunden sind, dann hat die Arbeit keinen Sinn mehr.“ Den Esslingern will sie natürlich trotzdem helfen – „jetzt eben als Privatfrau“.

Die als "Scientology-Jägerin" deutschlandweit bekannte Caberta hat ihren Dienst bei der Hamburger Innenbehörde quittiert. Foto: dpa


In gewisser Weise fühle sie sich befreit, sagt Ursula Caberta. „Ich konnte nicht einmal mehr Flyer über angebliche Wunderheiler drucken. Als Feigenblatt des Senats bin ich mir aber zu schade.“ Und Scientology? „Wenn wir nicht hingucken, berappeln sie sich schnell wieder.“ Es ist wesentlich Caberta zuzurechnen, dass der Psycho-Kult in Deutschland auf rund 5000 Mitglieder geschrumpft ist; auch ist es ihr gelungen, Kader aus dem inneren Zirkel um den Sektenführer David Miscavige in den USA herauszubrechen. Vor allem seit viele Hollywood-Stars dem Psychokult den Rücken kehren, hat auch in den USA eine lebhafte Diskussion über dessen Methoden eingesetzt.

Sollte Scientology zusammenbrechen, hätte Caberta keinen geringen Anteil daran. „Aber noch hält das System“, erklärt sie.
Ursula Caberta widmet sich nun ihrem Enkel, ihrer zweiten Heimat Spanien und ihrem neuen Buch. Es soll ihr letztes werden über Scientology. „Das heißt nicht, dass das Thema für mich erledigt ist“, sagt sie.

Im März wird die ehemalige Sektenbeauftragte mit einem Empfang im Hamburger Rathaus für ihre jahrzehntelange Aufklärungsarbeit gewürdigt werden.

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