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Promi-News und Interviews mit den ganz Großen

13. März 2013

Stefan Kolditz: Der Kopf, aus dem die Bilder kommen

 Von Regine Sylvester
Beim Schreiben hört er Klassik, Jazz, Country, „aber im Lauf des Tages wird die Musik lauter und härter“.  Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Der Drehbuchautor Stefan Kolditz hat acht Jahre lang an dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ gearbeitet, der jetzt im Fernsehen gezeigt wird. Über die schönen und die schlimmen Seiten eines Berufs.

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Der Drehbuchautor Stefan Kolditz hat acht Jahre lang an dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ gearbeitet, der jetzt im Fernsehen gezeigt wird. Über die schönen und die schlimmen Seiten eines Berufs.

Berlin –  

Am Anfang stehen die Worte. Ohne Sprache kommt kein Film auf die Welt. Schauspieler reden in Dialogen, die sich jemand für sie ausgedacht hat. Das Gerüst der Handlung entsteht auf dem Spielplatz der Inspiration eines Autors.
Autoren sind selten berühmt. Das ist ein bisschen ungerecht, weil sie länger als alle anderen mit einem Film beschäftigt sind: mit Ideen, Exposés, mit immer neuen Buchfassungen, Zumutungen und Kompromissen. Wenn sie Glück haben, finden sie einen Regisseur, der das Drehbuch nicht umschreibt und neben ihnen steht, wenn die Mächtigen sprechen. Denn Film braucht anderer Leute Geld.

Das Fernsehen braucht die meisten Filme. Zu ersten Kraftproben kommt es bei Projektgesprächen. Zum Aufwärmen begeistern sich der Chef oder die Chefin beispielsweise für amerikanische Fernsehserien – welche Komplexität: zerrissene Charaktere, Zeitgemälde, Düsternis, politische Brisanz! „The Wire“! „Homeland“!

Im Gestapo-Gefängnis. Szene aus dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“
Im Gestapo-Gefängnis. Szene aus dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“
 Foto: ZDF/David Slama

Danach wenden sich die Verantwortlichen dem aktuellen Projekt der eigenen Abteilung zu und beweisen dem angereisten Autor, dem angereisten Regisseur, dass zwei Seelen in eines Fernsehmenschen Brust wohnen können. Ab jetzt sprechen Pragmatiker, die sich auf Bewährtes verlassen. Sie sagen, dass der Zuschauer „abgeholt“ werden muss. Sie verweisen auf die Überchefin Quote, die bei aus der Reihe tanzenden Geschichten absackt. Und zuletzt: Kann man nicht alles ein bisschen einfacher, üblicher, billiger machen?
Aber manchmal wird eine besondere Arbeit erkannt und unterstützt und wird auch noch zur besten Sendezeit gezeigt. „Unsere Mütter, unsere Väter“ läuft am 17., am 18. und am 20. März um 20.15 Uhr im ZDF, TeamWorx ist Koproduzent. Der dreiteilige Fernsehfilm passt in kein Schema, und viel Geld hat er auch noch gekostet – knapp 14 Millionen Euro, die bisher teuerste Produktion des Senders.

Regie führte Philipp Kadelbach, drei lange Jahre lang. Er ist 38 Jahre, sein bisher größtes Projekt war der Zweiteiler „Hindenburg“, Deutscher Fernsehpreis 2011.
Der Drehbuchautor Stefan Kolditz, 56 Jahre alt, nahm sich acht Jahre Zeit für eine Geschichte über fünf junge Leute und den Krieg, in den sie von 1941 bis 1945 verstrickt werden. „Fünf Biografien, in denen die beruhigende Trennung in Täter und Opfer, schuldig und nicht unschuldig, nicht funktioniert. Fünf schonungslose Wege“. Das schreibt der Autor im Material zum Film.

Wir reden von einem Fernsehereignis, zu dessen Vollendung die Zuschauer gehören. Alle Beteiligten werden auf die Quote warten wie auf ein Omen, zumindest akzeptabel muss sie sein. Sonst wird es nicht so bald wieder etwas ähnlich Radikales im Deutschen Fernsehen geben. Etwas noch nicht Gesehenes, obwohl man schon viel gesehen hat über den Krieg.

Stefan Kolditz besitzt von Natur aus Durchsetzungsvermögen. Er ist über einen Meter neunzig groß und durchtrainiert, er spricht mit kräftiger Stimme und strahlt eine gewisse Kampfbereitschaft aus. Man könnte sich vorstellen, dass er jemandem, den er für inkompetent hält, der über seine Arbeit bestimmen will, an die Gurgel ginge, wenn er sich nicht im letzten Augenblick zu zügeln wüsste. Bringt ja nur Ärger.
Aber er schreibt scharfe Briefe und verträgt sich nicht mit jedem. Einmal hat er bei einem Film seinen Namen zurückgezogen, er achtet auf sich. So kommt ein Mann zu einem guten Ruf.

Sein Vater war Gottfried Kolditz, einer der wenigen Defa-Regisseure, die nicht Mitglied der SED waren. In enormer Bandbreite und mit Spaß am Experiment drehte er Genrefilme: Indianerfilme, Märchen, utopische Filme, Komödien, Tanz- und Musikfilme. Seine Arbeiten fanden ein großes Publikum und brachten aus dem Ausland Devisen. Im eigenen Land galt der Regisseur als weniger wichtig. Preise bekam er keine, in dem Band „Film- und Fernsehkunst der DDR“ aus dem Jahr 1979 erscheint nicht einmal sein Name. Gottfried Kolditz starb 1982 mit 59 Jahren.
Stefan Kolditz wird 1956 in Kleinmachnow geboren. Am 1. August 1961 zieht die Familie nach Potsdam, in die Stubenrauchstraße am Griebnitzsee. Zwölf Tage später verlegen Grenzsoldaten Stacheldraht durch den plötzlich halbierten Garten. Grenzgebiet, passierscheinpflichtig, der See ist verbotene Zone.

Der Junge wird in einem durch Kunst und Bücher geprägten und wohlhabenden Elternhaus groß. Die Herkunft ist kein Stigma, aber eine besondere soziale Farbe, die auffällt.
Er liest sehr früh Weltliteratur und sieht im „Studio Camera“ in der Berliner Oranienburger Straße Filmkunst. Manchen Filmen wie „Easy Rider“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ reist er nach Budapest oder Prag hinterher. Das machen damals viele in dem Alter. Man fährt so weit, wie es das Land zulässt, in dem man wohnt. Die Jungen suchen Maßstäbe und ein Gefühl von Welt. Solche Leute aus dem Osten erkennen sich heute noch untereinander. Manche sind deshalb befreundet.
Nach dem Abitur studiert Stefan Kolditz an der Humboldt-Universität Theaterwissenschaften. In der Zeit schreibt er schon Hörspiele, Gedichte und Erzählungen. „Ich wollte Muskeln aufbauen.“ Er arbeitet nach dem Studium beim Fernsehen und bekommt einen Chef, der seine Abteilung „wie eine Abteilung beim ZK“ leiten will. Das sagt der Chef so, und Autoren wie Wolf, Müller, Hein kämen bei ihm nicht vor.

Diesem Mann ist Stefan Kolditz heute dankbar. „Weil ich mir dadurch beweisen konnte, dass ich mich nicht kleinmachen lasse.“ Er geht zur Universität zurück und schreibt seine Dissertation: „Der deutsche Stummfilm von 1895 bis 1913. Untersuchung zur Veränderung von Wahrnehmensweisen“. Während ihrer Verteidigung fällt die Mauer. Stefan Kolditz wird Doktor.
Er bekommt ein Angebot aus München. „Aber ich hatte eine junge Familie. Ich entschloss mich, frei als Filmautor zu arbeiten. Ich dachte, ich kann was. Ich bin mutig. Es wird etwas Existenzielles.“
Sein zweiter Film „Die Entfernung zwischen dir und mir und ihr“ hatte 1988 auf dem Nationalen Spielfilmfestival in Karl-Marx-Stadt den Drehbuchpreis bekommen. Ein reichliches Jahr später klingelte der Regiestudent Peter Welz an der Einraumwohnung von Stefan Kolditz in der Ho-Chi-Minh-Straße, die seit 1992 wieder Weißenseer Weg heißt.

Thelma & Louise kamen Welz zuvor

Die Studentenfilme von Peter Welz waren nach dem Mauerfall in München eingeladen worden und hatten Eindruck hinterlassen. Welz lernte einen Redakteur beim Südwestdeutschen Rundfunk kennen. Der hatte eine vage Idee. Deswegen stand nun Welz vor der Tür und fragte, ob Stefan Kolditz für ihn seinen ersten langen Spielfilm schreiben wolle, ein Road-Movie. Daraus wurde „Burning Life“: Zwei Frauen, denen es in der Nachwendezeit der DDR nicht gut geht, begegnen sich in einer Bank und überfallen die, bevor sie sich kennenlernen. Sie ziehen als Bankräuberinnen durch das Land, verfolgt von einer Spezialeinheit.

Autor und Regisseur konnten nicht ahnen, dass in der Vorbereitungszeit ihres Films der Regisseur Ridley Scott in Amerika mit einer ähnlichen Geschichte gerade fertig war. „Thelma & Louise“ kam ins Kino, „Burning Life“ ein Jahr später – unter gewissem Plagiatsverdacht.
Der Autor schreibt weiter. Im folgenden Jahr werden zwei Filme von ihm gesendet, im nächsten einer, im übernächsten drei. Da ist dann schon der erste von vier „Polizeirufen“ mit Jutta Hoffmann als Wanda Rosenbaum dabei, „Mörderkind“.
„Ich versuche Sachen zu machen, die ich noch nicht gemacht habe.“ Wer seine Filme sieht, ohne auf den Vorspann zu achten, käme nicht darauf, dass sie von demselben Autor geschrieben wurden: „Burning Life“, 1994. „Schnee in der Neujahrsnacht“ 1999. „Die Mörderin“, 1999. „Null Uhr zwölf“, 2001. „Wandas letzter Gang“, 2002. „Dresden“, 2006. „An die Grenze“, 2007. Und jetzt „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Es gibt bei Stefan Kolditz keine Vorliebe für Schichten oder Altersgruppen, kein Lieblingsgenre. Er arbeitete mit 28 verschiedenen Regisseuren, schreibt nicht für immer dieselben Schauspieler, seine Filme liefen bei öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, manchmal auch im Kino. Er braucht die Herausforderung durch existenzielle Konflikte, und er braucht Angst, den Stoff nicht zu bewältigen. Sonst schreibt er den Film nicht. Seine Figuren wandern durch dunkle Räume und taumeln an Abgründen. „Ich habe einen Hang zur großen Szene. Solange die große Szene die Glaubwürdigkeit nicht in Frage stellt, würde ich mich immer für die große Szene entscheiden.“

Was Stefan Kolditz vielleicht nicht so gut kann, sind aus Beobachtung gespeiste Alltagsgeschichten ohne Zuspitzung. Und anders als in seiner leibhaftigen Gesellschaft gibt es in seinen Filmen nicht viel zu lachen.
Was für ein schönes Leben: Bisher hat er vierzig Drehbücher geschrieben. Sein nächster Film, ein „Polizeiruf“ für Andreas Kleinert, ist schon fertig, andere Projekte sind in Arbeitsstadien. Montags bis freitags sitzt Stefan Kolditz von acht bis 14 Uhr in seiner Wohnung am Computer, umgeben von Papierbergen. „In den besten Zeiten freue ich mich darauf – in der Hoffnung, dass in diesen Stunden etwas entstehen wird, das mich selbst überrascht.“

Nachmittags geht er joggen oder ins Kino, er trifft seine Freunde und führt ein Familienleben. Weil er nicht immerzu und für jeden erreichbar sein will, hat er kein Handy. Fleiß und Leidensfähigkeit hält er für die Voraussetzungen seines Berufs. Beim Schreiben hört er Klassik, Jazz, Country, „aber im Lauf des Tages wird die Musik lauter und härter“. In der Wohnung unter ihm möchte man keinen Mittagsschlaf machen wollen.
Am Schluss eines Arbeitstages druckt Stefan Kolditz die neuen Seiten aus und korrigiert.
Fertig. Gutes Gewissen. Jeder Tag hat Struktur und verlangt Disziplin. Beneidenswert.

Manches bleibt ohne Förderung

Was für ein schweres Leben: Vierzig Drehbücher, ihm muss immer etwas einfallen, das noch kein anderer erzählt hat. Er ist davon abhängig, ob seine Ideen verkäuflich sind. Seine wirklichen Niederlagen sind die, wenn ein Drehbuch keine Förderung bekommt – wie „Der Wundertäter“ von Erwin Strittmatter. „Aber ich hatte Glück, dass ich Projekte, die auf der Strecke blieben, mit einem anderen Projekt kompensieren konnte. Sonst wäre ich zu Boden gegangen“, sagt er.
Seine Drehbucharbeit, in die sich immer andere einmischen, geht unter seinem Autorennamen an die Öffentlichkeit. Kein Mensch kann wirklich zwischen dem Beitrag des Autors und dem des Regisseurs unterscheiden.
„Vor einem Projekt denke ich lange darüber nach, was alles dagegen spricht. Aber wenn du dich darauf eingelassen hast, träumst du davon, dass es gut wird. Ich sehe mich als Teil einer Gruppe, die einen Film macht. Wenn es gewünscht wird, dann bin ich dabei vom Anfang bis zum Schneidetisch. Ich habe mit Leuten gearbeitet, die meine mittelmäßige Arbeit ein bisschen besser gemacht haben. Ich kann das Jammern von Autoren über unbegabte Regisseure, desinteressierte Dramaturgen und geldgeile Produzenten nicht mehr hören. Für die gibt es nur einen Heiligen – und das ist der Autor.“

Aber der Autor Kolditz muss robust sein können, wenn er Kritiken liest. Pressezitate zu seinen Arbeiten. 1994: „Eine überkonstruierte Geschichte, völlig realitätsfern.“ 1995: „Spannungsarm und absehbar.“ 2001: „Geschichten liegen da wie fette Köder, nun ist der Film bloß noch ganz nett.“ 2005: „Keine Glaubwürdigkeit.“ – „Gesichtslose Geschichte. Besetzung ist völlig verschwendet.“ 2009: „Gewagtes Erzählkonstrukt stürzt mit viel Getöse ein.“
Stefan Kolditz hat das halbwegs verdrängt. Bis auf eine Kritik: 1999 zu „Schnee in der Neujahrsnacht“. Die hat er parat: „Gleich in den ersten Minuten fängt man an zu brechen.“ Er zitiert die Rezensentin ein bisschen falsch, er sagt „kotzen“, aber die Korrektur macht die Sache nicht viel besser.

Wie schreibt man gute Filme? Es gibt einen Haufen Bücher über das Schreiben für den Film. Und es gibt die nüchterne Bilanz von William Goldman. Er ist ein sehr alter, berühmter Drehbuchautor, der zweimal einen Oscar bekam. Sein Credo über die Filmbranche ist berühmt: „Keiner weiß Bescheid.“

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