Wie viele Gedanken, wie viele Informationen passen in einen Satz? Bei Steven Spielberg sind es immer sehr viele – dementsprechend lang sind seine Sätze. Am Ende seiner Ausführungen scheint er stets die noch verbleibende Luft herauszupressen, um dann kurz einzuatmen, und die Dinge, wie er sie sieht, von Neuem zu komprimieren. Und er macht dabei nicht den Eindruck, dass er gehetzt sei, lächelt freundlich, stellt selbst Nachfragen.
Der 65-jährige Regisseur und Produzent ist nach Paris gekommen, um über seinen neuen Film „Gefährten“ zu sprechen, in dem er die Geschichte eines Pferdes erzählt, das auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs versucht zu überleben. Seinen nächsten Film über den früheren US-Präsidenten Lincoln hat er zwar auch schon abgedreht, aber noch nicht fertig geschnitten. Er mag darüber jetzt noch nicht groß reden, will nicht über den Film den gegenwärtigen US-Wahlkampf kommentieren. Darauf angesprochen, antwortet er das einzige Mal mit kurzen, knappen Sätzen, die wenig besagen, außer, dass Lincoln ein großer Präsident war.
Mr. Spielberg, Ihre Filme leben von Ihrer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft. Ist für Sie ein Leben ohne Film vorstellbar?
Dann würde ich verrückt werden. Ich dachte ja lange Zeit, dass es im Leben nichts Wichtigeres als Filme gäbe. Bis 1985 mein erstes Kind auf die Welt kam. Von dem Moment an waren Filme nicht mehr so wichtig wie vorher. Aber wenn ich keine Filme drehen kann, wenn ich keinen Stoff vor mir sehe, den ich verfilmen kann, halte ich das kaum aus. Da müssen Sie nur mal meine Frau oder meine Kinder fragen. Die werden Ihnen bestätigen, dass ich dann einfach nur unerträglich bin, zu nichts zu gebrauchen. Meine Familie ruft dann oft mein Studio an, fragt: Bitte, habt Ihr nicht irgendein Projekt, das er verfilmen kann?
Im vergangenen Jahr konnten Sie nicht über Leerlauf klagen. Sie haben in der Zeit gleich drei Filme abgeschlossen: Zuerst die computeranimierte Comic-Adaption „Tim und Struppi“, jetzt Ihren aktuellen Film „Gefährten“, Ende Dezember schlossen Sie die Dreharbeiten zu „Lincoln“ ab…
…das habe zwischen 1996 und 1997 schon mal gemacht, drei Filme in zwölf Monaten: „The Lost World“, „Amistad“ und „Saving Private Ryan“.
Um Francois Truffaut zu zitieren: Wie haben Sie das gemacht, Mr. Spielberg?
Ich weiß schon, alle denken, das sei eine Riesenbelastung. Ich sage dann immer: Lest mal in den Hollywood-Annalen nach. Regisseure wie Howard Hawks oder John Ford haben bis zu vier Filme in einem Jahr gemacht. Diese Arbeitsweise, von einem Film zum anderen zu wechseln, stimuliert mich. Das treibt mich an. Ich bin jetzt 65. Wenn ich nur noch auf einem Stuhl sitze und die Wand anstarre, werde ich alt. Ich bin ein Rastloser. Ich muss mich immer bewegen, kann nicht stillstehen. Ich bin wie ein Hai.
Ein Familienfilm im Ersten Weltkrieg
Ihr neuer Film „Gefährten“ spielt während des Ersten Weltkriegs. Ein Sujet, das zeitgenössische Regisseure zuletzt weniger interessierte als der Zweite Weltkrieg oder aktuelle Konflikte. Was hat Sie daran fasziniert?
Es gibt in dem Film eine Schlüsselszene, in der deutsche wie britische Soldaten den Kampf vorübergehend einstellen, um ein Pferd zu retten, das zwischen die Fronten geraten ist und dort im Stacheldraht feststeckt. Das macht für mich den Kern dieser Geschichte aus. Der Erste Weltkrieg markierte in vielerlei Hinsicht einen Paradigmenwechsel. In diesem Krieg wurde erstmals Film als Propagandamittel eingesetzt, zum ersten Mal kamen Flugzeuge, Panzer und Chemiewaffen zum Einsatz. Das alles haben wir zwar akribisch recherchiert, aber ich habe es in dem Film nicht ausgebreitet, weil es vordergründig nicht um den Krieg, sondern um die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Mensch und Tier geht. Ein Junge will sein geliebtes Pferd retten, das auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs geschickt wird. Der Krieg bildet in dem Film eher den Hintergrund, vor dem sich die eigentliche Handlung abspielt. Ich wollte vor allem einen Film machen, der die ganze Familie anspricht.
Einen Familienfilm, der im Ersten Weltkrieg spielt?
Ja. Es geht um die Kraft der Freundschaft. Erst rettet das Pferd durch seinen Einsatz auf einem steinigen Acker die Farm des Jungen und seiner Eltern, dann geht es im Krieg zwischen den Fronten verloren, fällt mal den Deutschen in die Hände, wird dann von Franzosen versteckt. Als ich den Roman von Michael Morpurgo gelesen und die Bühnen-Version davon in London gesehen hatte, musste ich heulen. Ich fragte mich, warum noch nie jemand auf die Idee gekommen war, das zu verfilmen. Also griff ich zu.
Die deutschen Soldaten, die Sie in „Gefährten“ zeigen, sind im Gegensatz zu den grotesk überzeichneten bösen Nazis aus Ihren „Indiana Jones“-Filmen, erkennbar menschliche Wesen. Sie zeigen zwei junge deutsche Brüder, die gar nicht kämpfen wollen – kurz vor der Schlacht desertieren sie, werden dann aber gefasst und erschossen. Hat sich Ihr Blick auf Deutschland in den vergangenen 30 Jahren verändert?
Nein. Seit meinem ersten Besuch hier hat sich meine Sicht auf Ihr Land nicht so sehr verändert. Ich glaube, ich war das erste Mal Ende der 70er hier, um „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ vorzustellen. Ich hatte nie feindselige Gefühle gegenüber jener Generation von Deutschen, die auf die Generation des Dritten Reichs folgte. Ich hege keinen Groll gegen Deutschland. Ich meine, ich trage einen österreichischen Namen! Meine Großeltern väterlicherseits stammen aus einer Region in Österreich.
Spielberg-Ortsschild hängt an der Wand
Aus der Steiermark, wo sie einem Grafen von Spielberg unterstellt waren. Sie verdanken Ihren Familiennamen also dem Schloss Spielberg, das in der gleichnamigen Stadtgemeinde liegt. Sind Sie je dort gewesen?
Am 18. Dezember 1946 in Cincinnati im US-Staat Ohio geboren, ist er der erfolgreichste Film-Regisseur aller Zeiten. Weltweit haben seine Filme bisher mehr als 8,5 Milliarden US-Dollar eingespielt, sein Privatvermögen wird auf drei Milliarden Dollar geschätzt.
Seine neuestes Werk „Gefährten“ (ab 16. Februar im Kino) spielt im Ersten Weltkrieg und erzählt die Geschichte eines jungen Engländers, der deshalb Soldat wird, weil er sein geliebtes Pferd suchen will, das an die Armee verkauft wurde.
Für seine Filme „Saving Private Ryan“ und „Schindlers Liste“ wurde Spielberg mit dem Oscar ausgezeichnet.
1994 gründete der Regisseur die Shoah Foundation, eine gemeinnützige Organisation , die Aussagen von 52 000 Holocaust-Überlebenden für Bildungszwecke auf Videofilmen aufgezeichnet und archiviert hat
Nein, aber der Bürgermeister hat mir, kurz nachdem „Schindlers Liste“ angelaufen war, mal das Ortsschild geschickt. Es hängt heute in meinem Büro – ein großes, gelbes Schild mit schwarzen Buchstaben – SPIELBERG. Was ich damit sagen will: Ich hatte schon immer eine Affinität zur deutschsprachigen Kultur und zu Deutschland. Ich sage Ihnen jetzt mal was: Nachdem „Schindlers Liste“ in Deutschland angelaufen war, hatten beispielsweise die Schulen in Bayern als Reaktion darauf den Unterricht um einen Kurs für Toleranz erweitert. Ich fand das überwältigend. Später hat Deutschland, haben viele deutsche Unternehmen meine Shoah Foundation unterstützt.
Ihre 1994 gegründete Stiftung, die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden auf Video dokumentiert hat. Das Material wird Schulen, Universitäten und Museen zur Verfügung gestellt. Ja, unser einziges Büro in Europa hatte in all den Jahren seinen Sitz in Berlin. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als wir mit der Arbeit dort begannen, in den Jahren nach dem Mauerfall, als die Stadt eine Renaissance erlebte. Wo ich auch hinsah, überall waren diese riesigen Kräne, die diese Stadt neu zu modellieren und zusammenzusetzen schienen.
Das klingt eher so, als würden Sie gerade die gigantischen Roboter aus Ihren Transformer-Filmen beschreiben, die ständig Ihr Aussehen verändern.
Sie sagen es. Berlin ist für mich so eine Art Transformer-City. Berlin war der richtige Platz für uns. Wir waren damals gerade dabei, die Shoah Foundation zu einer weltweiten Initiative auszubauen. Wir wollten die Überlebenden des Holocaust, die rund um den Globus verstreut lebten, dazu bewegen, Ihre Geschichte, ihre Erinnerungen auf Film zu bannen. Damit sie nicht verloren gehen.
Sie haben oft darauf hingewiesen, Ihre Stiftung habe 52 000 Überlebende in 56 Ländern interviewt. Das klingt nach einer Art Abschluss. Lässt sich diese Erinnerungsarbeit abschließen?
Nein. Die Arbeit der Stiftung wird nie abgeschlossen sein. Es geht jetzt weiter, auf anderen Ebenen. Ich möchte beispielsweise erreichen, dass die Geschichte der Shoah und ihrer Überlebenden, die Bedeutung von Toleranz, mehr als das bisher der Fall ist, in den Schulen in Fächern wie Sozialwissenschaften gelehrt wird – nicht nur in den USA, auch in anderen Ländern. Ich möchte darauf hinwirken, dass dies künftig Pflichtfächer sind, die obligatorisch sind, bevor du einen Highschool-Abschluss machen kannst. Dafür setze ich mich mit viel Engagement ein.
Sie wurden 1998 für Ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust mit dem Bundesverdienstkreuz im Schloss Bellevue ausgezeichnet. Was empfanden Sie in diesem Moment?
Stolz. Ich war sehr stolz. Ich empfand das als große Ehre. Zugleich war ich von Demut erfüllt. Ich bin bis heute sehr stolz auf diese Auszeichnung.
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