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27. August 2012

Tim Berners-Lee: Freiheit statt Freibier

 Von Marin Majica
Tippeln, tänzeln, kritzeln: Ehrfüchtig gestimmte „Campuseros“ erlebten einen äußerst beweglichen Internetpionier Tim Berners-Lee. Foto: dapd

Tim Berners-Lee, der Erfinder des Internets, plädiert zum Abschluss der Campus-Party für ein offenes und buntes Internet.

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Tim Berners-Lee geht nicht auf die Bühne, er tänzelt. Er steht auch nicht einfach am Rednerpult. Er tippelt vor, er tippelt zurück, dreht sich zur Seite, und seine Hände kritzeln dabei Dinge in die Luft, unterstreichen seine Worte oder schneiden große Tortenstücke aus der Luft. Es ist ein verblüffendes Schauspiel. Denn das, was Sir Tim Berners-Lee, 2004 zum Ritter geschlagen, seinen Zuhörern zu sagen hat, ist eigentlich ganz klar und einfach. „Macht erstaunliche Dinge und zeigt sie der Welt“, appelliert er. „Ihr Leute seid die Hoffnung für jedermann.“Die Angesprochenen, das sind an diesem Sonnabend mehrere hundert Zuhörer im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Es sind „Campuseros“, meist junge Technik-Fans aus aller Welt, die zur fünftägigen Campus Party nach Berlin gekommen sind. Der 57 Jahre alte Berners-Lee ist der Stargast am Abschlusstag dieses Hacker- und Tüftler-Festivals, das maßgeblich der spanische Telekommunikationskonzern Telefonica finanziert hat und zu dem auch EU-Kommissarin Neelie Kroes angereist ist.

Der britische Physiker und Informatiker wird oft der „Vater des Internets“ genannt, aber das ist ein bisschen viel der Ehre, selbst für Tim Berners-Lee. Das Internet gab es nämlich längst, als sich Berners-Lee 1989 mit einem Ärgernis befasste. Das Problem war: Am Kernforschungszentrum Cern in Genf trafen französische und schweizerische Labore mit unterschiedlichen Computer-Infrastrukturen zusammen. Berners-Lee suchte nach einer Möglichkeit, wie die Forscher trotzdem ihre Ergebnisse austauschen konnten – und entwickelte dafür das World Wide Web.

„Rund 20 Jahre ist das schon wieder her – die Zeit verfliegt, wenn man Spaß hat“, sagt Berners-Lee auf der Bühne im Berliner Hangar. Den Anfang des neuen Zeitalters hat er einmal so beschrieben, es klingt wirklich nach Spaß: „Ich musste nur den Hypertext nehmen und das TCP-Protokoll und die Idee des Systems der Internetdomainnamen und – Tada! – fertig war das World Wide Web“.

1989: Die Geburt des Internet

Tatsächlich ging die Geburt des Webs deutlich zäher und komplizierter vonstatten. 1989 stellte Berners-Lee der Cern-Leitung das Projekt vor. Zusammen mit dem Belgier Robert Cailliau entwickelte er die technischen Grundlagen, am 6. August 1991 veröffentlichte er in der Newsgroup alt.hypertext eine Beschreibung und den Hinweis auf die erste Website: info.cern.ch. 1993 bestand das Internet aus rund 200 Servern, im selben Jahr wurde der Browser Mosaic für die Allgemeinheit zugänglich, aus dem später der Netscape Navigator wurde. Unter „Tada!“ stellt man sich etwas anderes vor.

Doch es zählt zu den Talenten von Berners-Lee, komplizierte Zusammenhänge anschaulich darstellen zu können, das erleben auch die Zuhörer in Berlin. „Wie kann man Technologie nutzen, um die Probleme der Menschheit zu lösen?“ lautet die Frage, und seine Antwort: „Haltet das Web dezentral.“ Nur die Verteilung von Informationen auf verschiedene Plattformen schütze das Netz vor Angriffen. Die gebe es mehr denn je, warnt Berners-Lee energisch. „In manchen Ländern sind die Unternehmen das Problem, in anderen die Regierungen, und in manchen beide zusammen. Schaut genau hin“, ruft er den Campuseros zu. Frei sein solle das Netz übrigens im Sinne von „Freiheit“, nicht von „Freibier“, Musiker und andere Kreative sollten von ihrer Arbeit ihre Familien ernähren können.

Berners-Lee ist nicht nach Berlin gekommen, um über technische Details zu sprechen. „Wir werfen die Ideen aller Leute in einen Topf und verschmelzen sie“, so umschreibt er die Arbeit des World Wide Web Consortiums (W3C), dem er als Direktor vorsteht. Das Ziel dieser Einrichtung ist die Weiterentwicklung der Grundlagen des Webs, etwa durch den flexibleren Standard HTML5. Eine andere Neuerung sind Web Apps, mit denen Programmierer Angebote entwickeln können, die zwar aussehen wie Smartphone-Apps, aber nicht an die Infrastruktur eines einzelnen Unternehmens wie Apple gebunden sind. Diese Web-Anwendungen funktionieren auch auf Handybildschirmen. Das ist mehr als ein Detail, sagt Berners-Lee, wenn man bedenkt, dass nur ein Viertel der Weltbevölkerung Zugang zum Internet hat. Immerhin drei Viertel haben Handyempfang.

"Ich bin kein Genie"

Als Berners-Lee davon spricht, dass sich Browser von Nutzern rund um den Globus in Zukunft darüber „unterhalten“ könnten, warum zum Beispiel eine bestimmte Website nicht funktioniert, klingt das nur im ersten Moment putzig. Eine solche „Nachfrage“ könnte nämlich dazu führen, dass die Browser Inhalte austauschen, die manche laden können, andere nicht – ein eleganter Weg, um die Zensur von Websites zu umgehen.

Am Ende des Vortrages hängt ihm das Hemd aus der Jeans, so viel hat Tim Berners-Lee gestikuliert, getänzelt, erklärt. Ein junger Mann meldet sich, er hat eine Frage. Aber vorher bedankt er sich bei Berners-Lee: für das World Wide Web und alles, was er mache, er sei ein Genie. Berners-Lee antwortet fünf Minuten lang. Dann sagt er: „Ich bin übrigens kein Genie.“ Es sei an ihm, sich zu bedanken, bei allen Nutzern des Internets, für das, was sie gemeinsam geschaffen haben.

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