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05. November 2014

Uli Hoeneß: Die Akte Hoeneß

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Für den Ex-FC-Bayern Präsidenten ging lange alles gut, jetzt geht es bergab.  Foto: rtr

Noch immer wird über die Motive gerätselt, die den erfolgreichen Fußballmanager dazu bewegten, mit waghalsigen Spekulationsgeschäften alles zu riskieren. Die Urteilsbegründung liest sich wie das Psychogramm eines Mannes, der die Kontrolle über sich verlor.

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Der Fall Uli Hoeneß bewegt weiter die Gemüter. Noch immer wird über die Motive gerätselt, die den erfolgreichen Fußballmanager und Unternehmer dazu bewegten, mit waghalsigen Spekulationsgeschäften Haus, Hof und Freiheit zu riskieren. Jetzt liegt ein Dokument vor, dass mehr Licht ins Dunkel bringt: Vor wenigen Tagen hat das Oberlandesgericht München die Urteilsbegründung veröffentlicht, sozusagen die Akte Hoeneß.

Es handelt sich um ein 50-seitiges Dossier in anonymisierter Form, das sich teils wie ein spannender Psycho-Krimi liest, obwohl oder gerade weil es in nüchternem Juristendeutsch verfasst ist. Minutiös werden darin Hoeneß‘ aberwitzige Spekulationsgeschäfte aufgezählt, die er größtenteils am Finanzamt vorbei durchführte, seine verzweifelten Versuche, durch eine Selbstanzeige einer Strafverfolgung zu entgehen, als es dafür schon viel zu spät war und später auch seine Bereitschaft vor Gericht, schonungslos zur Aufklärung seines eigenen Falles beizutragen.

Auf diese Weise entsteht das Psychogramm eines Menschen, der alles unter Kontrolle zu haben glaubte und dann doch jegliche Kontrolle sogar über sich selbst verlor – bis es ihm den Boden unter den Füßen wegzog.

Es sind die vielen kleinen Details, die das Dokument so interessant machen und in ihrer Summe einen tiefen Einblick in die Persönlichkeitsstruktur des Uli Hoeneß gewähren. Demnach hatte Hoeneß, obwohl es in seinen Spekulationsgeschäften, die er vor allem am Devisenmarkt vornahm, oft um zweistellige, bisweilen sogar um dreistellige Millionenbeträge ging, in vielen Fällen gar keinen Durchblick, worauf er sich eigentlich einließ.

Mit Summen, mit denen sogar so mancher professionelle Anleger, der das Geld vieler Kunden investiert, nicht mithalten kann, jonglierte Hoeneß wie ein absoluter Anfänger. Das wird immer wieder deutlich, wenn Hoeneß im Gerichtssaal zu seinen Geschäften befragt wird: „Hinsichtlich des genauen Ablaufs von strategischen und nicht-strategischen Devisentermingeschäften konnte der Angeklagte nur rudimentäre Angaben machen“, heißt es zum Beispiel an einer Stelle.

Faktisch zockte Hoeneß auf bestimmte Währungspaare, also zum Beispiel auf die Entwicklung des Euro-Kurses zum Schweizer Franken oder des US-Dollars zum kanadischen Dollar. Solche Geschäfte laufen mit einem riesigen Heben ab. Das bedeutet: Hoeneß musste nur einen kleinen Teil, typischerweise fünf bis zehn Prozent der Anlagesumme selbst aufbringen. Mit einem Einsatz von 25 Millionen Euro konnte er ein Geschäft in Höhe von bis zu 500 Millionen Euro tätigen, wie das Gericht ausführt. Ging das Geschäft gut, konnte er mit einem relativ geringen Einsatz einen enormen Gewinn erzielen. Ging es schief, musste er Geld nachschießen. Ein gewaltiges Risiko.

Kick durch hohe Gewinne

Und das obwohl er von den Geschäften, die er tätigte, oft nicht einmal eine Ahnung hatte. Als er erklären soll, wie bestimmte Anlagen, die er tätigte, funktionieren, muss Hoeneß bisweilen ganz passen: „Was für Wertpapiere Money Market Notes eigentlich sind, wusste der Angeklagte nicht“, heißt es zum Beispiel in dem Protokoll der Urteilsbegründung. Gemeint sind bestimmte unbesicherte und damit hochriskante Wertpapiere.

Nicht nur von den Spekulationsgeschäften, die er machte, hatte Hoeneß erschreckend wenig Ahnung. Auch wie viel Geld er gerade besaß und wie hoch die Gewinne oder Verluste waren, die mit seinen Geschäften aufgelaufen waren, konnte er nur grob schätzen. Er verzichtete sogar planmäßig auf Vermögens- und Transaktionsübersichten. Vielleicht, weil er auf diese Weise hoffte, keine Spuren zu legen, die der Steuerfahndung in die Hände fallen könnten. Wahrscheinlicher aber ist, dass es ihn gar nicht sonderlich interessierte.

„Seinen Kick bekam er offensichtlich durch den hohen Gewinn, den er durch die jeweiligen Devisengeschäfte erzielte.

Wie viel Geld er damit am Ende anhäufte, war für ihn allenfalls zweitrangig. Er hatte ja genug davon“, sagt der Finanz-Psychologe und Börsen-Mental-Coach Christoph Wahlen aus Seeheim, der mit seinen Kunden daran arbeitet, sich bei ihren Entscheidungen weniger von ihren Gefühlen als vielmehr von ihrem Kopf leiten zu lassen. „Der Devisenmarkt ist für einen Spielsüchtigen noch schlimmer als ein Spielcasino“, sagt Wahlen. „Das Casino schließt nämlich nachts irgendwann. Am Devisenmarkt kann man aber von Montagmorgen bis Freitagabend rund um die Uhr handeln.“

In allen Einzelheiten wird in der Urteilsbegründung beschrieben, wie Hoeneß, der anfangs wohl noch meinte, ihn könne keiner etwas anhaben, angesichts der öffentlichen Diskussion über Steuerflüchtlinge nervös zu werden beginnt und schließlich von Panik ergriffen wird. Als er beschließt sich selbst anzuzeigen, wird ihm jedoch bewusst, dass ihm, die Tatsache, dass er keine Unterlagen über seine Transaktionen besaß, zum Verhängnis werden könnte. Doch Hoeneß sieht keinen anderen Ausweg mehr als die Selbstanzeige, die in der Urteilsbegründung in vollem Umfang abgedruckt ist.

Sie wurde von seinen Anwälten offenbar unter großem Zeitdruck zusammengeschustert und enthält deshalb einige grammatikalische Fehler. Sie beginnt mit der Beichte, dass Hoeneß Gewinne und Verluste aus den Jahren 2001 bis 2010 bislang nicht versteuert habe und endet mit dem Angebot, die fällige Steuer zuzüglich Zinsen und fünf Prozent Aufschlag zu entrichten. Am spannendsten ist aber die Aufstellung der Gewinne und Verluste auf zwei Konten, die Hoeneß als Anlage beifügt. Die Summen sind gewaltig: 2003 zum Beispiel fiel insgesamt ein Gewinn in Höhe von fast 52 Millionen Euro an, 2005 sogar von 86 Millionen Euro. Danach allerdings entstanden nur noch Verluste. 2008 war es ein Verlust von über 71 Millionen Euro. Für die Jahre 2011 bis 2012 wurden die Daten vom Gericht „aus Gründen des Steuergeheimnisses“ geschwärzt.

Vor endgültigem Ruin bewahrt

„Hoeneß erlag bei einen Devisengeschäften einer maßlosen Selbstüberschätzung“, dem sogenannten Overconfidence-Bias, wie man es in der Neuro-Ökonomie kennt, sagt Psychologe Wahlen. „Ein normaler Mensch würde irgendwann aufhören, wenn es nicht mehr läuft, weil er erkennt, dass er keine Chance hat, sich gegen Mächtigere durchzusetzen. Doch Hoeneß glaubte, er könne das Ruder noch herumreißen, weil ihm doch sonst im Leben auch alles gelang“.

Doch das war ein fataler Irrtum. „Hoeneß war sich offensichtlich nicht bewusst, dass er auf lange Sicht gegen die Profis kaum eine Chance hatte“, sagt ein Devisenhändler eines bedeutenden Frankfurter Geldhauses. Die Profis nämlich bestehen meist aus ganzen Teams, die den Markt rund um die Uhr beobachten und sofort handeln, wenn die Kurse eine andere Richtung nehmen als erwartet. So verhindern sie, dass größere Verluste entstehen. Denn anders als zum Beispiel am Aktienmarkt, wo steigende Unternehmensgewinne dazu führen können, dass alle Anleger Gewinne erzielen, ist der Devisenmarkt ein knallhartes Geschäft: Immer wenn jemand Gewinne erzielt, macht automatisch ein anderer Verluste.

Trotz der gewaltigen Risiken machte Hoeneß aber weiter, immer weiter. Womöglich hat ihn die Steuerfahndung sogar vor dem endgültigen Ruin bewahrt. Die Selbstanzeige aber half Hoeneß am Ende bekanntlich nicht, weil das Gericht sie als unvollständig und zu spät eingereicht erachtete. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Ein mildes Urteil, wie das Gericht selbst ausführt, doch Hoeneß profitierte von seiner bedingungslosen Kooperationsbereitschaft. Er habe sich letztlich „selbst ans Messer geliefert“, so das Gericht. Jetzt sitzt Hoeneß im Gefängnis in Landsberg. „Der Gefängnisaufenthalt könnte sogar wohltuend für ihn sein und ihn erden“, sagt Psychologe Wahlen. Hoeneß könne damit eine Haltung entwickeln, die ihm bis dahin noch völlig fremd war: Demut.

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