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Liebe. Nichts für Feiglinge.
Eine Serie der Frankfurter Rundschau im Frühjahr 2015.

17. Juni 2015

Homosexuelle in Russland: „Ich wollte kein Messer im Rücken“

 Von 
Bedrohte Liebe: Artur (l.) und Sascha.  Foto: peter-juelich.com

Artur und Sascha sind ein Paar, nach üblen Angriffen mussten sie aus Russland fliehen. Selbst in St. Petersburg ist kaum mehr Raum für schwule Liebe.

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Die gewohnte Vorsicht lässt Artur und Sascha nicht los. Die beiden Russen wollen zuerst den Presseausweis sehen, bevor sie von ihrem Leben berichten. Die Erinnerungen an Beschimpfungen, Drohungen und Gewalt sind noch immer präsent – sieben Monate nachdem die beiden 29-Jährigen aus St. Petersburg nach Deutschland geflohen sind.

Artur und Sascha sind seit Juni 2011 ein Paar. Während ihre Liebe füreinander wuchs, wuchs in Russland der Hass auf Schwule. Artur Akmetgaliev ist TV-Journalist, der regelmäßig über die Vorurteile und politische Hetze gegen Schwule berichtete. Sascha ist Video-Designer und möchte seinen Nachnamen nicht nennen.

Beide stammen aus der fernen russischen Provinz, Artur aus dem Ural und Sascha von der Wolga. Beide glaubten, dass sie in St. Petersburg sicher und frei ihre Lieben ausleben könnten. Am Ende mussten sie fliehen. In St. Petersburg, noch vor wenigen Jahren die heimliche Hauptstadt der Homosexuellen in Russland, ist kein Raum mehr für schwule Liebe.

Artur: Vor fünf Jahren bin ich mit meinem damaligen Freund Händchen haltend über den Newskij Prospekt gegangen. Manch einer hat uns schief angesehen, aber das war dann schon alles. St. Petersburg war damals eine Gay-Metropole. Ein Jahr später habe ich Sascha kennengelernt, übers Internet. Er war damals noch nicht in der Stadt, wollte aber nach Petersburg und suchte Kontakte.

Sascha: Ich wollte weit weg von meinen Eltern. Ich wollte nur weg, frei sein. Sie haben mich ständig kontrolliert. Meine Mutter wusste, dass ich schwul bin, ihr habe ich es erzählt. Sie hat zwar gesagt, alles sei gut, aber sie hat mich als krank angesehen.

Artur: Wir haben zweieinhalb Monate lang über Internet kommuniziert, dann kam Sascha nach Petersburg. Wir haben uns an der Metrostation Lenin-Platz verabredet, aber er kam zu spät. Er hatte sich in der Metro verirrt. Ständig riefen mich Freunde an, fragten, ob wir uns schon getroffen hätten. Es war aufregend.

Sascha: Es war schrecklich. Ich hatte Angst, dass wir enttäuscht sein werden, wenn wir uns sehen.

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Artur: Er hatte mir schon vorher am Telefon gesagt, dass er mich liebt. Ich habe ihm gesagt, dass er mal damit abwarten soll, wir sehen uns bald und reden dann darüber. Aber als ich ihn gesehen hatte – am 8. Juni 2011 war das – da war mir klar, das ist mehr als virtuelle Romantik.

Ein Jahr später weht ein anderer Wind in St. Petersburg. Das Gesetz gegen Schwulenpropaganda zum Schutz von Minderjährigen verändert die Stadt, die Zeit ihres Bestehens stets als liberaler, westlicher, weltoffener galt als der Rest der Sowjetunion und Russlands.

Artur: Es war eine Massenhypnose. Alle dachten plötzlich, Lesben und Schwule sind krank. Ein Kollege von mir, ein Kameramann, beschimpfte mich. Wir haben vorher zweieinhalb Jahre zusammengearbeitet, ohne dass er was gesagt hatte. Dann kam dieses Gesetz, ich habe einige Beiträge über die Situation der Schwulen gemacht und bei einem Dreh diskutierten wir über die Aufnahmen, als er plötzlich sagte, dass mein Gesicht im Fernsehen sowieso schon ein Verbrechen sei. Andere Kollegen fingen auch an, sich abfällig zu äußern. Überhaupt reagierten die Menschen, als hätte ihnen jemand einen Befehl zum Beißen gegeben. „Du bist ein Päderast, du wirst in der Hölle brennen“, das war die häufigste Beleidigung, die ich von irgendwelchen fremden Anrufern hörte. Das war schon lustig, was die Leute sich ausdenken.

Sascha: Jetzt ist es lustig, damals war es das nicht.

Seit 2006 versuchten russische Schwulen- und Lesbengruppen die Gay-Pride-Märsche in Moskau oder St. Petersburg zu organisieren. Die Behörden haben sie noch nie genehmigt. Wenn die Aktivisten sich treffen, haben sie für gewöhnlich nur wenige Minuten, um für mehr Toleranz und Menschenrechte zu demonstrieren. Polizisten tragen sie dann weg, orthodoxe Priester und Gläubige sind oft zur Stelle und verfluchen sie, Schwulenhasser sind weniger zimperlich – sie schlagen brutal zu, jagen die Demonstranten und treten auf die ein, die schon am Boden liegen.

Artur: Wenn ich aus dem Büro nach Hause ging, musste ich durch einen kleinen Park. Eines Abends saßen mehrere Männer auf einer Bank, sie riefen meinen Namen und wollten mit mir reden, was reden bei uns halt bedeutet. Sie sagten, ich solle aufhören, Beiträge über die Propaganda gegen Schwule zu machen. Sie drohten mir. Dann hatte ich’s mit der Polizei zu tun, die haben mich ein wenig zusammengeschlagen und eine Nacht im Gefängnis behalten. Die wollten mich als Spitzel anwerben. Ich sollte über andere Aktivisten berichten, ich kenne andere Schwule, die das tun. Aber da machte ich nicht mit.

Gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Schwulenhassern und Homosexuellen am Rande der Gay-Parade in St. Petersburg im Juni 2013.  Foto: rtr

Sascha: Ich wusste von all dem lange nichts, Artur hat es nicht erzählt.

Artur: Ein anderes Mal, als ich einen Beitrag über Opfer von Schwulen-Jägern machen wollte, hat man mir eine Falle gestellt. Ich traf mich also mit dem vermeintlichen Opfer dieser Schwulenhasser und plötzlich rannte eine Gruppe junger Männer auf mich los, wollten mich in einen ruhigen Park zerren. Aber noch waren wir auf einem öffentlichen Platz, Leute kamen zur Hilfe, Polizei kam angerannt, und die Typen verschwanden. Es war die letzte Aktion, nach der wir entschieden haben, dass es uns jetzt reicht …

Sascha: Es war schrecklich, wir hatten Angst. Wenn wir in der Stadt waren, habe ich Artur immer gesagt, er soll leiser reden. Ich wurde so erzogen, dass ich anderen gefallen muss. Es ist in meinem Kopf, ich muss ständig aufpassen, was ich tue. Ich habe eine innere Homophobie, ich habe mit 18 verstanden, dass ich schwul bin. Ich hatte aber keine Informationen darüber, ich wusste nicht, dass es etwas Normales ist. Ich habe dann auch verstanden, dass ich in meiner Heimatstadt damit nicht leben kann, meine Eltern haben mich ständig kontrolliert. In St. Petersburg haben wir dann sogar zusammengelebt, aber unser Vermieter wusste nichts von mir. Artur war der Mieter. Die Nachbarn haben uns zwar manchmal schief angesehen, aber weiter nichts gesagt.

Artur: Wir sind im November 2014 nach Berlin ausgereist und ein paar Tage später haben wir Asyl beantragt. Seitdem sind mindestens 20 Bekannte von uns, die sich in der Schwulen- und Lesbenszene organisiert haben, auch aus Russland geflohen.

Ist homosexuelle Liebe in Russland noch möglich?

Artur: Sie ist überall möglich. In Russland kann schwule Liebe aber traurig enden. Ich wollte nicht im Gefängnis oder mit einem Messer im Rücken enden. Und meine Arbeit konnte ich als Journalist überhaupt nicht mehr machen. Ich wurde nicht nur bedroht, weil ich bin, wie ich bin, sondern auch, weil ich meinen Job gemacht habe.

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