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Liebe. Nichts für Feiglinge.
Eine Serie der Frankfurter Rundschau im Frühjahr 2015.

25. Mai 2015

Liebe gegen Geld: Warum Männer ins Bordell gehen

 Von 
Macht ausüben, herrschen: eines von vier Motiven, warum Männer zu Freiern werden.  Foto: Reuters

Sozialwissenschaftler Udo Gerheim erklärt, was manche Männer dazu veranlasst, Prostituierte aufzusuchen. Neben dem Bedürfnis nach Lust gibt es destruktive Motive.

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Herr Gerheim, wer kauft Sex? Ist das tatsächlich Max Muster? Also jedermann?
Nach dem, was wir aus der internationalen Forschung wissen, weisen die Kunden von Prostituierten keinerlei Besonderheiten auf. Vertreten sind alle Berufs- und Einkommensgruppen, alle Klassen, alle Altersgruppen. Auch auf der psychologischen oder sozialen Ebene entspricht der Freier dem statistischen Durchschnitt. Aber nur ein sehr kleiner Teil der männlichen Bevölkerung geht zu Prostituierten.

Gibt es dazu belastbare Daten?
Es gibt nur Schätzzahlen wie die von 1,2 Millionen Kundenkontakten pro Tag. Die wenigen Daten, die es gibt, kursieren seit Jahren, jeder schreibt vom anderen ab. Die einzige quantitativ-empirische Untersuchung geht von 18 Prozent Dauerkunden aus, das wäre also fast jeder fünfte Mann. Die Studie ist aber mehr als 20 Jahre alt.

Sie haben die Gründe erforscht, warum Männer Sex kaufen. Was haben Sie herausgefunden: Was treibt sie an?
Man kann vier zentrale Muster unterscheiden. Da ist zuallererst ein genuines Bedürfnis danach, Lust und Begehren auszuleben. Das ist die Nachfrage nach Sexualität in der ganzen Bandbreite: vom schnellen Geschlechtsverkehr bis hin zu ausgefallenen Sexualpraktiken. Eine zweite Kategorie sind die sozialen Motive. Darunter fallen alle Wünsche nach Kontakt, nach einer Gesprächspartnerin, nach Zärtlichkeit: Man will mit jemanden zusammen sein, das Herz öffnen, über Probleme reden. Zu diesem Komplex gehören auf der Negativseite auch die destruktiven Motivmuster, bei denen es darum geht, Gewalt und Frauenhass auszuleben.

Davon berichten vor allem Prostituierte auf dem Drogenstrich.
Ja, es gibt Freier, die die Notlage dieser Frauen bewusst ausnutzen. Die sie demütigen oder zu Geschlechtsverkehr ohne Kondom zwingen. Darüber hinaus gibt eine dritte, eine psychologische Kategorie: Manche Männer agieren in der Prostitution emotionale Krisen, psychische Belastungen, Depressionen und Neurosen aus. Da geht es weniger um Sex und Kontakt. Man begibt sich in einen Scham- und Schuldkonflikt, um genau diese Gefühle auszuleben. Und schließlich, das ist die vierte Kategorie, geht es um Prostitution als eine anti-bürgerliche Subkultur.

Was macht den Reiz dieser Szene aus?
Da tritt man plötzlich in eine fremde Welt ein, guckt hinter den Schleier des Rotlichtmilieus. Diese Welt ist verrucht und vielleicht sogar gefährlich. Das verspricht ein aufregendes Abenteuer.

Kann man das quantifizieren? Wie viele Männer wollen einfach nur unkomplizierten Sex ohne Tabus und ohne Verantwortung? Wie viele suchen eigentlich eine Freundin? Wie viele sind frauenverachtende Gewalttäter?
Ich halte die Nachfrage nach Lust pur für das dominierende Motivmuster. Wissenschaftlich kann man das allerdings nicht mit Sicherheit sagen, denn auch hier gibt es noch große Forschungslücken.

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Zu dieser Annahme passt die von Ihnen vertretene These, dass die meisten Freier die Frauen freundlich und respektvoll behandeln und sie sogar bewundern. Worauf stützen Sie diese These?
Die Quelle dafür ist vor allem eine britische Studie, aber auch andere internationale Untersuchungen. In der Zusammenschau ergibt sich das Bild: Den meisten Männern geht es nicht um die Ausübung von Macht und Gewalt, sondern um eine auf ihre Bedürfnisse zentrierte sexuelle Interaktion. Dafür gehen sie eine Geschäftsbeziehung zu den Frauen ein. Ob das von einer objektiven Warte aus betrachtet nicht doch ein Machtverhältnis ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich selbst habe in meinem Interviews etliche Probanden gehabt, die gesagt haben: Ich will weder Macht noch Gewalt ausüben und ich bin sehr darauf bedacht, dass das nicht passiert. Sie legen also an ihr Handeln einen ethischen Kodex an. Aber auch in meinen Interviews waren einige sehr drastische Beispiele von evidenter Frauenverachtung und Gewalthandeln dabei.

Zur Person

Udo Gerheim ist Sozialwissenschaftler am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er hat in einer qualitativ-empirischen Studie die Motive von Freiern untersucht. Dafür hat er mit zwanzig Männern sogenannte Tiefeninterviews geführt und Beiträge in Internetforen ausgewertet.

Das Gebiet ist bisher noch weitgehend unerforscht: Anders als die Prostituierte ist der Mann, der – einmal oder wiederholt – zu ihr geht, für die Wissenschaft nach wie vor ein unbekanntes Wesen. Gerheims soziologische Untersuchung mit dem Titel „Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution“ ist im Transcript Verlag Bielefeld erschienen. dac

Wie passt das zusammen mit der Tatsache, dass die sexuelle und ökonomische Ausbeutung von Frauen auf dem Sexmarkt seit einigen Jahren sogar dramatisch zunimmt?
Die ökonomische Ausbeutung hat strukturelle Ursachen. Das Angebot übersteigt die Nachfrage, wodurch eine Marktmacht der Freier entsteht: Sie können mehr fordern und die Preise drücken. So funktioniert der Kapitalismus. Das bedeutet nicht, dass die Männer während der sexuellen Interaktionen gehässig, gemein oder gewalttätig sind. Aber sie verdrängen die Arbeitsbedingungen der Frauen. So wenig, wie wir uns fragen: Wer produziert unsere Jeans und wer baut das Koltan für unsere schicken Smartphones ab?, so wenig fragen sich die Freier: Wo kommt die Frau her? Wie sieht ihr Leben aus? Da greift der Mechanismus: Wofür ich bezahlt habe, darüber muss ich mir keine Gedanken machen, das ist in Ordnung. Über das Geld wird eine moralische Legitimität hergestellt. Das gilt für alle kapitalistischen Produktionsverhältnisse.

Wie groß ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Prostitution, wie groß ist das Tabu?
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Prostitutionsfeld delegitimieren. Da ist die moralische Ablehnung, die christlich oder auch feministisch begründet sein kann. Dann gibt es eine kapitalismuskritische Sicht, die besagt: Sexualität sollte keine Ware sein, da hat der Markt nichts verloren. Und besonders interessant finde ich die Abwertung, die aus innermännlichen Konkurrenzkämpfen herrührt. Ein Freier ist dabei derjenige, der es nötig hat, Sex zu kaufen, weil er auf dem freien Markt nicht konkurrenzfähig ist. Deshalb sprechen Männer miteinander nicht darüber. Wenn sie gefragt werden, mit wie vielen Frauen sie Sex hatten, zählen selbst Freier die Prostituierten nicht mit. Denn das sind gekaufte Sexualkontakte und zählen deshalb nicht.

Die Welt des Rotlichtmillieus "ist verrucht und vielleicht sogar gefährlich. Das verspricht ein aufregendes Abenteuer", erklärt Udo Gerheim.  Foto: imago/Westend61

Das Image des Losers schreckt aber offenbar junge Männer nicht ab, für die ein Besuch im Bordell ein Gruppen-Event ist. Ich meine zum Beispiel die Fußballmannschaft, die nach dem Training nicht in die Kneipe zieht, sondern ins nächste Laufhaus. Ist käuflicher Sex also zum normalen Freizeitspaß geworden?
Als Gruppen-Event gehört das tatsächlich zur männlichen Lebenswelt, ist aber vermutlich nicht sehr verbreitet. Außerdem muss man sich die weitere Sexualbiografie der jungen Männer anschauen. Wer dauerhaft keine Beziehung, also ein Defizit hat, hat schließlich doch ein Legitimationsproblem. Ich bezweifle, dass es in der Gesellschaft eine Tendenz zur Normalisierung gibt; die Freier stehen vor allem durch den Gewalt- und Ausbeutungsdiskurs sehr stark unter Druck. Es gibt aber tatsächlich Sexkunden, die sich als sexuelle Avantgarde stilisieren.

Freier

Etymologisch betrachtet, ist die Karriere des Wörtchens als Niedergang wohl treffend beschrieben. Noch im Mittelhochdeutschen steht „freien“ für „ehelichen, heiraten wollen, werben“, also für Aktivitäten mit immerhin lebenslanger Perspektive. Das Sprichwort „Jung gefreit, nie gereut“ malt diesen Sinngehalt optimistisch aus. Ein Freier war ein Eheanwärter oder auch ein „Freiwerber im Auftrag eines anderen“ - auch das als respektables Tun angesehen. Im Südhessischen Wörterbuch findet man allerdings das Synonym „Freiersmann“ mit der abschätzigen Bedeutung eines von der Decke herabhängenden Spinnfadens. Dass dies den Übergang zur modernen Bedeutung von „Freier“ als „Kunde“ einer Prostituierten markiert, ist nicht überliefert, auch wenn da auch mal eine Decke im Spiel sein mag. rü

Obwohl sie häufig nur für eine Inszenierung bezahlen, finden solche Dauerkunden offenbar das, was sie suchen.
Prostitution stellt sich in dieser Perspektive als ein Schlaraffenland dar: Es ist eine patriarchale Institution, in der für den Mann Sexualität immer verfügbar ist. Alles ist zentriert auf sein Ich und seine Bedürfnisse, er muss nicht werben, er muss nicht befürchten, zurückgewiesen zu werden. Und er kann dabei andere Formen von Männlichkeit ausprobieren: Der harte Mann lebt seine zärtliche Seite aus, der dominante unterwirft sich einer Domina. In diesem sexuellen Schlaraffenland entsteht so etwas wie ein Strudel, eine Dynamik, die den Freier immer tiefer hineinzieht. Wer die Früchte des Prostitutionsfeldes genossen hat, dem fällt es unter Umständen schwer, in privaten Beziehungen wieder Dinge auszuhandeln und auf die Bedürfnisse anderer einzugehen.

Wie hat Ihre Forschung Ihre Sicht auf das Thema Prostitution und auf Ihre Geschlechtsgenossen verändert?
Ich bin mit der Gewaltthese gestartet und habe dann festgestellt, dass die Freier eine sehr heterogene Gruppe sind und dass man kein eindeutiges Täter-Opfer-Schema konstruieren kann. Aber die Kernfrage nach Macht und Herrschaft treibt mich weiterhin um. Auf der einen Seite ist es natürlich richtig, die Sexarbeiterinnen zu unterstützen, die für ihre Anerkennung und gegen ihre Stigmatisierung kämpfen. Auf der anderen Seite frage ich mich: Sollte Sexualität eigentlich einer kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen werden? In meiner Vorstellung von einer befreiten Gesellschaft gibt es keine marktförmige Prostitution. Denn auf der abstrakten Ebene ist der Tausch von Sexualität gegen Geld ein strukturelles Entfremdungs- und Herrschaftsverhältnis. Aber eine eindeutige Antwort habe ich bislang nicht. Dafür ist einfach noch zu vieles unerforscht.

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