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Liebe. Nichts für Feiglinge.
Eine Serie der Frankfurter Rundschau im Frühjahr 2015.

31. Mai 2015

Liebe unter Druck: Wo Homosexuelle immer mehr verfolgt werden

 Von 
Demonstranten feiern die Rücknahme eines gegen Homosexuelle gerichteten Gesetzes in Uganda.  Foto: rtr

Die Diskriminierung von Lesben und Schwulen hat in einigen afrikanischen Ländern stark zugenommen. Was sind die Ursachen? Ein Gespräch mit der Amnesty-Referentin Anika Becher.

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Frau Becher, Amnesty hat 2013 eine Kampagne gegen die Verfolgung von Homosexuellen und Transgeschlechtlichen in Afrika gestartet. Warum?
Während es homo- und bisexuellen Menschen in immer mehr westeuropäischen Staaten möglich ist, ihre Liebe offen zu leben, kann man in Ländern wie Russland, Brasilien und einigen afrikanischen Ländern ihre zunehmende Verfolgung beobachten. Diskriminierung bis hin zu Hassmorden hat stark zugenommen – etwa in Uganda, Kamerun und auch in Südafrika. Die Betroffenen sind zudem oftmals staatlicher Verfolgung ausgesetzt und erfahren keinen Schutz gegenüber der Gewalt aus der Gesellschaft.

Wie äußert sich die Verfolgung konkret?
Die Situation ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Menschen, die als homo- oder bisexuell wahrgenommen werden, wird oftmals medizinische Versorgung verweigert, Mietern wird gekündigt, es droht der Verlust des Arbeitsplatzes oder der Ausschluss aus der Gesellschaft. Betroffene werden Opfer von verbalen Angriffen, Schikanen, Erpressungen, gewaltsamen Angriffen bis hin zu Vergewaltigung und Mord.

Vor allem lesbische Frauen werden vergewaltigt...
...mit dem furchtbaren Argument, dass sie dadurch kuriert werden können, ja. Südafrika beispielsweise hat eine der vorbildlichsten Verfassungen der Welt diesbezüglich und hat als erstes Land 1996 die Diskriminierung wegen sexueller Orientierung verboten. Dennoch wurden in den letzten fünf Jahren mindestens zehn Fälle von Vergewaltigung mit anschließender Ermordung lesbischer Frauen in Townships in verschiedenen Teilen des Landes gemeldet. Gewaltsame Übergriffe sind nahezu alltäglich. In mehreren Ländern wurden auch Menschenrechtsaktivisten ermordet. Neben Südafrika auch beispielsweise in Uganda und Kamerun.

Welche Rolle spielt der Staat?
Der Staat schützt Homosexuelle und Transgeschlechtliche oft nicht ausreichend vor solchen gesellschaftlichen Übergriffen. Dazu kommt die Verfolgung durch den Staat selbst. Es gibt willkürliche Verhaftungen von Personen aufgrund ihrer vermuteten sexuellen Orientierung, zum Beispiel, weil Männer Frauenkleider tragen. Es gibt auch Gewalt und Folter durch Sicherheitskräfte und Gefängnispersonal, erzwungene medizinische Untersuchungen und ähnliches. In Kamerun wurde ein junger Mann allein aufgrund einer SMS, die er an einen Freund schrieb und in der er seine Zuneigung zu ihm ausdrückte, zu drei Jahren Haft verurteilt.

Werden die Übergriffe geahndet?
Leider nicht. Es gibt in den meisten Fällen keine systematische Untersuchung der Gewaltverbrechen. Oftmals ist es sogar so, dass Anzeigen von Betroffenen wegen eines Übergriffs von der Polizei gar nicht aufgenommen werden oder sie selbst mit einer Verhaftung rechnen müssen. Deshalb gibt es eine massive Dunkelziffer bei solchen Hassverbrechen. Exemplarisch könnte hier der Fall von Eric Lembembe sein. Der prominente Journalist und Menschenrechtsaktivist setzte sich jahrelang für Rechte von Homosexuellen in Kamerun ein. 2013 wurde er in seinem Haus ermordet aufgefunden. Die kamerunische Justiz hat bis heute keine ernsthaften Ermittlungsversuche gestartet. Der Prozess wird weiter verschleppt, und ein Regierungsmitglied hat angedeutet, dass Lembembe aufgrund seines Lebenswandels umgebracht worden sei.

Zur Person

Anika Becher ist Afrika-Referentin der deutschen Sektion von Amnesty International. Im Interview berichtet sie von homophobem Hass und dessen Ursachen.

Welche tiefergehenden Ursachen haben die zunehmenden Ressentiments?
Generell sind viele afrikanische Gesellschaften sehr religiös, und Religionsvertreter haben Homosexualität zumeist abgelehnt. In jüngerer Zeit haben aber insbesondere evangelikale Freikirchen in mehreren Staaten sehr stark missioniert und damit letztlich auch westliche erzkonservative Werte importiert. Hier haben auch Kirchen aus dem Ausland eine Rolle gespielt, vor allem aus den USA. In mehreren Ländern haben gewaltsame Übergriffe direkt im Anschluss an Hasspredigten stark zugenommen.

Gilt diese Haltung für alle Kirchenvertreter?
Gerade in Afrika haben Kirchen jeglicher Art vielfach sehr konservative Positionen vertreten und auch durch öffentliche Predigten Ressentiments geschürt. Gleichzeitig gibt es auch ein bisschen Bewegung in einzelnen Feldern. Beispielsweise haben einzelne Vertreter der katholischen Kirche sich gegen gewaltsame Übergriffe ausgesprochen, andere haben gesagt, dass Diskriminierung der christlichen Lehre widerspricht, da alle Menschen Kinder Gottes sind. Was die Kirchen im Ausland betrifft, so kann es hier schon die Möglichkeit einer positiven Einflussnahme geben. Ein Beispiel ist der Kirchentag in Deutschland im Juni. Dort wird die kamerunische Menschenrechtsanwältin Alice Nkom als Hauptrednerin über das Thema sprechen.

Und die Politik?
In den vergangenen Jahren haben afrikanische Politiker oft behauptet, dass Homosexualität „unafrikanisch“ sei, ein westlicher Import. Sie haben letztlich Ressentiments geschürt, um politische Unterstützung zu gewinnen und von anderen gesellschaftlichen Problemen abzulenken.

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Die klassische Sündenbock-Geschichte…
Genau. Es gibt Beispiele, bei denen Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt oder behauptet wurde, Homosexualität sei die Ursache für Korruption und Armut im Land. Zusätzlich zu diesen Kampagnen durch religiöse Akteure und Politiker haben auch Medien oft eine sehr unrühmliche Rolle gespielt. In Uganda und Kamerun wurden Namen von angeblichen Homosexuellen veröffentlicht und die Gesellschaft wurde zur Lynchjustiz aufgefordert. Es gibt also sicher eine eher konservative Grundhaltung in vielen afrikanischen Staaten, aber diese Welle an homophober Gewalt, die man in den vergangenen Jahren beobachten konnte, ist das Resultat gezielter Kampagnen.

Was bedeutet das für die internationale Öffentlichkeit und die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen?
Es ist sehr wichtig, wenn internationaler Einfluss angestrebt ist, diese Unterstützung an die jeweilige Situation im Land anzupassen und eng mit lokalen Aktivisten abzustimmen. Weil die Mehrheit der Bevölkerung Homosexualität als westlich aufoktroyiert ansieht, können massive Forderungen aus nördlichen Ländern auch kontraproduktiv sein oder ungewollte Öffentlichkeit produzieren, die dann Nichtregierungsorganisationen oder Aktivisten vor Ort noch stärker gefährden. Es gibt aber auch sehr viele positive Beispiele, die die Effektivität internationaler Solidarität und Unterstützung zeigen.

Was wäre so ein Fall?
Hier könnte man Malawi nennen. Dort wurde 2010 ein schwules Paar zu 14 Jahren Haft verurteilt. Auf massiven internationalen Druck hin hat der Präsident das Paar begnadigt. Kurz darauf wurden auch die Anti-Homosexualitätsgesetze in Malawi suspendiert. Wichtig ist die Unterstützung der lokalen Zivilgesellschaft. Internationaler Druck funktioniert oft gut als stille Diplomatie.

In Uganda wurde das Anti-Homosexualitätsgesetz nach massiven Protesten aus dem Ausland vom Verfassungsgericht gekippt. Auch ein Positivbeispiel?
Nicht unbedingt. Die Regierung hat dagegen Berufung eingelegt. In Uganda hat die internationale Gemeinschaft eben nicht genug in Absprache mit den lokalen Akteuren gehandelt. Auch wurde der Fokus zu stark auf die Situation von Homosexuellen und Bisexuellen gelegt. Parallel zum Anti-Homosexualitätsgesetz wurden zwei andere Gesetze verabschiedet, eines zur Regelung der öffentlichen Ordnung und ein Anti-Pornografiegesetz, das unter anderem hohe Strafen für Homosexualität vorsieht. Beide schränken die politischen Freiheiten stark ein und traten weitgehend unbemerkt in Kraft.

Also haben die deutlichen Worte eher geschadet?
Durch die deutliche öffentliche Stellungnahme der internationalen Gemeinschaft ist die Diskussion über Bevormundung und Neokolonialismus in Uganda sehr stark hochgekocht worden und es hat eine starke Politisierung des Themas stattgefunden, die das Klima sehr aufgeheizt hat. In diesem Klima hat auch die Zahl der Übergriffe stark zugenommen, so dass Personen sich oftmals gezwungen sahen, das Land zu verlassen.

Erfahren diese Menschen bei uns genug Unterstützung?
Generell gilt, dass die Verfolgung aufgrund der sexuellen Identität ein Asylgrund sein kann. Hier ist es wichtig, das Bewusstsein in den Botschaften vor Ort und auch in den möglichen Empfängerländern zu stärken.

Mehr dazu

Gibt es überhaupt positive Gegenbewegung zu dem homophoben Trend?
Ja. Beispielsweise hat 2014 die Afrikanische Menschenrechtskommission eine Resolution verabschiedet, die den Schutz von Personen vorschreibt, die wegen ihrer sexuellen Identität verfolgt werden. Das ist ein positives Signal aus dem innerafrikanischen Kontext. Gleichzeitig haben sich einige Länder entschieden, Homosexualität zu dekriminalisieren, etwa Kapverde, oder auch Gesetze eingeführt, die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung explizit verbieten, das ist in Mosambik und Botswana der Fall. In manchen Fällen haben auch Gerichte eine positive Rolle gespielt. So wurde vor wenigen Wochen in Kenia gerichtlich angeordnet, eine Organisation zu registrieren, die sich für den Schutz der Rechte von Homosexuellen einsetzt. 2014 wurde die Registrierung einer Organisation angeordnet, die die Situation transgeschlechtlicher Menschen verbessern will.

Interview: Nadja Erb

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