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Lilien - Darmstadt 98
Spielberichte und Interviews zu den Lilien, News und Hintergründe zu Darmstadt 98.

12. Februar 2016

Aytac Sulu: „Ich tue alles für den Erfolg“

 Von  und 
Geht oft über den Schmerz hinaus und spielt weiter, auch wenn’s mal zwickt: Aytac Sulu.  Foto: imago/Sven Simon

Der Darmstädter Kapitän Aytac Sulu spricht im FR-Interview über Fußballromantik, moderne Gladiatoren, sein feuriges Temperament und weshalb er um ein Haar Autoverkäufer geworden wäre.

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Die Karriere des Aytac Sulu ist eine fürs Märchenbuch. Eigentlich war der Kapitän des SV Darmstadt 98 schon weg vom Fenster. Die große Laufbahn, das schien vor wenigen Jahren klar, werde er nicht mehr machen, der stahlharte Innenverteidiger. Der Familienvater scheiterte in der Türkei bei Genclerbirligi Ankara, kam in der zweiten Liga in Österreich beim SC Rheindorf Altach nicht klar. Der Deutsch-Türke, in Heidelberg geboren, aber in der Türkei verwurzelt, überlegte, in seinen Job als Automobilkaufmann zurückzukehren. Darmstadt war damals, 2013, die letzte Ausfahrt. Dann begann der kometenhafte Aufstieg – für den Verein und für den 30-Jährigen. Heute spielt er in der Bundesliga, ist der torgefährlichste Abwehrspieler und in ganz Deutschland in aller Munde. Im FR-Gespräch spricht der Darmstädter Anführer über Knochenbrüche, Maskenmänner und den wundersamen Aufstieg des Vereins und seiner Person.

Herr Sulu, erst in dieser Woche sind Sie sogar vom Trainer eines Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg gelobt worden. Eintracht-Coach Armin Veh sprach in den höchsten Tönen von Ihnen, bezeichnete sie als richtigen Abwehrchef und feinen Kerl, der auch noch eine Menge Tore mache. Freuen Sie sich über solch anerkennenden Worte?
Schön, so etwas zu hören. Aber ich bilde mir nichts darauf ein oder hebe jetzt ab. Es ist einfach nur der Lohn harter Arbeit – der ganzen Mannschaft. Dass ich alles für den Erfolg tue, ist für mich das Normalste der Welt. Außer dass ich fünf Tore erzielt habe, das ist vielleicht nicht so normal.

Denken Sie manchmal, der Wahnsinn geht hier in Darmstadt immer weiter?
Es ist schon so, dass man zum Beispiel jetzt in der Rückrunde denkt, dass man nicht erwarten konnte, aus drei Spielen sechs Punkte zu holen. Aber an unsere generelle Entwicklung denke ich eher weniger, ich denke nur an den Klassenerhalt. Wenn wir den geschafft haben, können wir sagen: Es war wieder ein Wahnsinnsjahr.

Ihre Mannschaft zeichnet aus, gegen die direkten Konkurrenten zu gewinnen: In Augsburg, gegen Bremen, in Frankfurt, in Hannover, in Hoffenheim. Sind das die Big Points?
Das denke ich schon, ja. Diese Duelle sind sehr wichtig, weil es ja automatisch enger wird, wenn man sie verliert. Da sahen wir zuletzt ganz gut aus, das war sehr positiv. Und solche Punkte wie in Leverkusen, Dortmund oder Schalke sind dann Bonuspunkte.

Nach dem Abschluss der Vorrunde haben viele orakelt, dass es noch ein weiter Weg werden würde für die Lilien, denn Braunschweig, Fürth und Paderborn hatten auch alle eine gute Hinrunde gespielt und sind dann trotzdem noch abgestiegen. Warum passiert den 98ern das nicht?
Weil wir diese Vereine als Warnbeispiele nehmen. Paderborn hatte sogar einen Punkt mehr als wir in der Hinserie. Trainer Dirk Schuster hat uns aufgezeigt, was Paderborn versucht und was letztlich nicht geklappt hat. Wir wollen es nicht so machen wie die anderen Vereine. Wir wollen unseren Spielstil weiter so handhaben, weil er für uns derzeit der erfolgreichste ist. Wir wollen uns nicht elegant aus der Viererkette nach vorne kombinieren und uns allein so Chancen erspielen.

Wollten die anderen Klubs sich der Liga anpassen?
Ja, die wollten dann mehr Fußball spielen. Wir sind mit dem Spiel gegen Berlin (0:4; Anm. d. Red.), als wir nur munter Fußball spielen wollten, bestraft worden. Wir haben auch in der Winterpause daran appelliert, nichts an unserem Spiel zu ändern. Das, was uns stark macht, machen wir weiter. Wenn es nicht reicht, dann reicht es nicht. Aber wir wissen, dass wir mit unseren Mitteln alles gegeben haben. Wenn wir nur einen Teil von unseren Tugenden auf den Platz bringen oder plötzlich fremde Tugenden, dann wird es bei uns nicht langen.

Torgefährlichster Abwehrspieler der Bundesliga: Sulu trifft gegen Hannover 96.  Foto: rtr

Was ist das Besondere der Lilien? Versuchen Sie, dieses Phänomen mal zu ergründen und zu erklären.
Bei uns ist es die Mentalität, ganz klar. Andere Klubs sind sehr viel finanzstärker, die können sich im Winter Spieler für, sagen wir, bis zu zehn Millionen Euro holen – wir können uns die Spieler nur ausleihen. Bei uns ist das Geld knapp, deshalb suchen wir nach anderen Möglichkeiten. Wir haben sehr viele mentalitätsstarke Spieler im Team. Und das, gepaart mit dem Trainerteam, das darauf achtet, dass die Mannschaft intakt ist und die Kommunikation im Team stimmt, ist eine Erfolgsformel.

Ist Mentalität angeboren oder kann man das erarbeiten?
Ich würde sagen, es ist ein Prozess. Der fing bei uns vor drei Jahren an, als sich der Verein dazu entschließen musste, Spieler zu holen, die bei ihren Klubs ausgeschlossen waren und keine Zukunft mehr hatten. Das ging in der zweiten Liga so weiter und in der ersten genauso (lacht).

Okay, aber dass es auch immer klappt ...
Man darf nicht vergessen: Für diese Spieler ist es ja auch eine Chance, sich wieder zu präsentieren. Und das nehmen diese Spieler wahr und zahlen es mit Leistung zurück. Da sieht man, was das für gute Typen sind. Es ist doch so: Wenn du das Vertrauen des Trainerteams geschenkt bekommst, zahlst du es mit Leistung zurück. Oder dir ist halt alles egal. Aber solche Spieler gibt es hier nicht.

Also hat der Trainer ein gutes Gespür, das nötige Fingerspitzengefühl?
Ich wäre froh, wenn ich solch ein Fingerspitzengefühl hätte wie unser Trainer (grinst). Er hat ein feines Gespür, was den einzelnen Spieler und die gesamte Mannschaft betrifft. Er findet die richtigen Worte, die richtige Trainingssteuerung, das richtige Pensum. Er weiß, wann er Gas geben und wann er locker machen muss. Dadurch fühlt man sich hier wohl.

Muss man als Kapitän da überhaupt noch eingreifen?
Es ist ja kein Selbstläufer. Es ist alles eng verzahnt. Als Kapitän sprichst du immer mal Sachen an, hast mal mahnende Worte oder aufmunternde Worte parat.

Woher kommt diese unheimliche Stärke nach Standards? Sie sind mit fünf Toren immerhin der erfolgreichste Abwehrspieler der Bundesliga.
Das hätte ich jetzt auch nicht gedacht. Dass ich kopfballstark bin, weiß ich schon lange. Ich habe auch in der dritten Liga meine Tore schon gemacht, letzte Saison ebenfalls. Das Kopfballspiel war schon in der Jugend meine Stärke. Und das konnte ich jetzt auf der großen Bühne zeigen.

Also ist es im Grunde genommen fast schon egal, wer die Gegenspieler sind, ob sie aus der dritten Klasse oder der Bundesliga kommen?
Wenn die Bälle auf meinen Kopf kommen, dann ja (lacht). Ernsthaft: Natürlich werden die Verteidiger in der Bundesliga von Jahr zu Jahr stärker, aber man selbst entwickelt sich auch weiter, versucht seine Technik oder die Sprungkraft zu verfeinern. Das ist aber Alltag eigentlich.

Kommen wir mal zu Ihnen persönlich: Ihre Entwicklung korrespondiert ja mit der des ganzen Vereins. Dabei haben sie vor wenigen Jahren sogar daran gedacht, im Hauptberuf eher Autoverkäufer zu werden.
Als wir mit Darmstadt quasi abgestiegen waren in die Regionalliga (die Lilien hielten sich dann durch den Lizenzentzug für Kickers Offenbach in der Dritten Liga und starteten fortan ihren Siegeszug; Anm. d. Red.), habe ich mir schon Gedanken gemacht, vielleicht in die Oberliga zu gehen und den gelernten Job wieder aufzunehmen. Dass ich drei Jahre später in der Bundesliga spiele, hätte ich nicht unbedingt gedacht.

Ist das Schicksal, Willen, Glück?
Schicksal, Glück, harte Arbeit. Alles zusammen. Das ist nicht nur ein Aspekt.

Sie sind im Grunde ein Spieler, der die Fußballromantik bedient. Ein moderner Gladiator, der im übertragenen Sinne für seine Mannschaft stirbt.
Ich tue alles für die Mannschaft, damit sie erfolgreich ist. Wenn ich die Bälle klären muss, dann kläre ich sie. Wenn es sein muss, dann mache ich auch Tore (lacht).

Sulu sagt: "Es ist schon so, dass ich über den Schmerz hinausgehe und weiterspiele, wenn es mal zwickt. Das ist für mich aber etwas ganz Normales."  Foto: rtr

Auch mit gebrochener Nase und Maske.
Wenn man es sich zutraut, mit einer Maske zu spielen, kann man es machen. Ich traue es mir zu. Da ist aber jeder Typ anders. Wenn ich kann, dann will ich spielen. Wenn ich aber mal nicht kann, dann spiele ich auch nicht. Ich will mich damit nicht profilieren. Aber es ist schon so, dass ich über den Schmerz hinausgehe und weiterspiele, wenn es mal zwickt. Das ist für mich aber etwas ganz Normales.

Es gab dieses Spiel gegen Aue, in dem Sie zunächst eine Maske trugen, sich dann eine Platzwunde zuzogen und schließlich mit einem Turban weiterspielten. Ihr Trainer sagte damals: „Wer Aytac kennt, der weiß, dass er erst aufhört, wenn er den Kopf unter dem Arm hält. Das ist ein Sinnbild für den Charakter der ganzen Mannschaft.“
Ich find’s normal. Kein großes Thema. Den Turban muss ich einmal in der Saison tragen. Er gehört zu mir.

Kommt Ihre Kämpfermentalität auch von Rückschlägen, die Sie in Ihrer Karriere erlitten haben. Wie zum Beispiel der Wechsel in die Türkei zu Genclerbirligi Ankara, wo sie nur ein Spiel gemacht haben?
Das war vielleicht ein kleiner Rückschlag, ich habe dann versucht, woanders Fuß zu fassen. Ich wollte damals in die Türkei wechseln, um es erlebt zu haben. Das war eine lehrreiche Zeit für mich, in der ich mich persönlich weiterentwickeln konnte. Dass ich danach fast nur noch positive Erlebnisse hatte, ist sehr schön. Ob man das nur an dem Wechsel festmachen kann, weiß ich nicht. Wenn es so war, dann war es mein wichtigster Transfer.

Haben Sie trotzdem noch dran geglaubt, es in den Profifußball zu schaffen?
Ich habe jetzt nicht gedacht: Ich habe es in der Türkei nicht geschafft, ich höre jetzt auf. Mir war danach wichtig, wieder Fußball zu spielen. Und dann kam es halt so, wie es kam.

Wie sind Ihre Verbindungen in die Türkei? Fühlen Sie sich als Türke?
Natürlich. Ich bin ja auch türkisch aufgewachsen. Ich habe zwar wenige türkische und mehr deutsche Freunde. Die Türkei ist aber mein Heimatland. Ich denke, ich habe eine gesunde Mischung aus beiden Ländern: das geordnete Deutsche und das feurige Türkische.

Haben Sie die Handynummer des türkischen Nationaltrainers Fatih Terim?
Da muss ich mal schauen (blickt auf sein Telefon). Sagen wir mal so: Man bekommt sie, wenn man will.

Was würden Sie machen, wenn er Sie anruft?
Dann würde ich wahrscheinlich mal bei ihm vorbeikommen, wenn er das wünscht.

Ist eine Berufung für die türkische Nationalelf Ihr größter Traum?
Als kleines Kind hat man Träume: Bundesliga, der Lieblingsverein und die Nationalmannschaft. Ob der Traum wahr wird, muss sich zeigen. Ich muss es mit Leistung versuchen, und ob es dann reicht, haben andere zu entscheiden.

Hat es denn schon mal Kontakt gegeben?
Kein Kommentar.

Wollten Sie schon immer für die türkische Auswahl spielen?
Ja, schon immer. Ich habe mir früher immer die Spiele meiner Lieblingsmannschaft Besiktas Istanbul angeschaut und natürlich auch die Länderspiele. Es war für mich immer klar.

Jetzt steht die EM auch noch vor der Tür.
Ja. Ich weiß nur nicht, ob ich durch diese Tür darf.

Mit noch ein paar Toren vielleicht?
Fünf Tore sind schon mal nicht so schlecht.

Interview: Ingo Durstewitz und Timur Tinç

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