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Lilien - Darmstadt 98
Spielberichte und Interviews zu den Lilien, News und Hintergründe zu Darmstadt 98.

25. Februar 2016

Darmstadt 98: „Unsere Geschichte findet jeder geil“

 Von 
„Würden sich elf Egoisten alleine den Arsch aufreißen, gewinnt eine Mannschaft keinen Blumentopf“. Peter Niemeyer.  Foto: imago

Der Mittelfeldspieler Peter Niemeyer über die Besonderheiten in Darmstadt, das Wiedersehen in Bremen, die Sehnsucht nach Romantik und die Pläne als Trainer.

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Noch etwas verschwitzt in der verdreckten Trainingskluft nimmt Peter Niemeyer im Presseraum des SV Darmstadt 98 Platz. Der Mittelfeldspieler will den vereinbarten Interviewtermin nicht noch weiter nach hinten verschieben, nur weil er sich nach einer anstrengenden 90-Minuten-Einheit im Stadion am Böllenfalltor noch extra Kraftübungen verordnet hat. Zuvor erklärt der im vergangenen Sommer zum Bundesliga-Aufsteiger gewechselte Profi bereitwillig, warum die „Lilien“ bislang eine so famose Saison hingelegt haben. Und warum gerade er sich auf das Auswärtsspiel am Samstag beim SV Werder freut. Der 32-Jährige hat bislang 20 Saisonspiele von Beginn an bestritten. Zweimal fehlte er – jeweils wegen einer Gelbsperre.

Sie waren einer von fünf gesperrten Spielern, die sich im Heimspiel gegen Leverkusen eine Gelbe Karte eingehandelt haben und nun alle in Bremen wieder spielberechtigt sind. War da Absicht dabei?
Nein. Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir 34 Highlights vor uns haben – und da will jeder bei jedem dabei sein.

Es gab also keine Anweisung, sich die Sperre vor der Bayern-Partie abzuholen?
Da kam nichts. Ich finde diese Diskussion auch überflüssig.

Sie treten nun bei ihrem Ex-Verein SV Werder an. Welche Erinnerungen kommen da hoch?
Für mich ist es eine Reise in die Vergangenheit, das Weserstadion war schließlich dreieinhalb Jahre mein Wohnzimmer, in dem ich sehr, sehr schöne Erlebnisse gehabt habe. Ich habe dort Champions League und Uefa-Cup spielen dürfen, ich habe für Bremen mein erstes Bundesligaspiel gemacht und mein erstes Bundesligator erzielt.

Welche Kontakte bestehen noch?
Irgendwie hält man doch einige Kontakte aus einer Station aufrecht. Aus der jetzigen Mannschaft in Bremen sind von den Aktiven aber nur noch die beiden „alten Männer“ Claudio (Pizarro, Anm. d. Red.) und Clemens (Fritz, Anm. d. Red.) dabei sowie Co-Trainer Torsten Frings und Torwarttrainer Christian Vander.

Sie haben für Werder zwischen 2007 und 2010 nur 32 Bundesligaspiele gemacht. War die Konkurrenz damals einfach zu stark?
Bremen war zu dieser Zeit ein absoluter Topklub, mit dem FC Bayern die führende Kraft. Um in solch einer Mannschaft dauerhaft zu spielen, muss alles zusammenpassen. Ich bin leider oft durch Verletzungen zurückgeworfen worden. Nachdem ich damals in der Saison 2007/08 gegen Arminia Bielefeld mein erstes Tor geschossen hatte, habe ich mich in diesem Spiel gleich für sieben Monate verletzt. Trotzdem habe ich große Highlights erlebt und im Uefa-Cup-Endspiel und DFB-Pokalfinale gespielt.

Reise in die Vergangenheit: Dreieinhalb Jahre hat Niemeyer für Werder Bremen gespielt.

Wäre der Klassenerhalt mit dem SV Darmstadt 98 genauso hoch einzuschätzen wie der Pokalsieg 2009 mit dem SV Werder?
Klar, auf jeden Fall. Jeder Verein hat bestimmte Ziele. Mit Werder war es das Vorhaben, Titel zu gewinnen; mit Hertha war es zweimal der Aufstieg – jetzt ist es der Klassenerhalt.

Warum gelingt es den Lilien, mit dieser Ansammlung von Aussortierten nach 22 Spieltagen so gut dazustehen?
(Macht ein Schnarch-Geräusch). Ich finde, dass dieses Thema langsam einen Bart hat. Wir haben gerade erst bei den Bayern bewiesen, dass bei uns fast 20 Akteure eine Berechtigung besitzen, in der Bundesliga zu spielen. Daher sollte man lieber von einer Gemeinschaft sprechen, die sich etwas erarbeitet hat. Wir legen Tugenden an den Tag, von denen jeder sagt, sie seien so einfach, aber wir verkörpern sie komplett.

Sie haben nach dem Auswärtssieg in Hoffenheim wörtlich betont, in Darmstadt reißen sich alle den Arsch auf.
Dabei muss aber das eine Rädchen in das andere greifen. Würden sich elf Egoisten alleine den Arsch aufreißen, gewinnt eine Mannschaft keinen Blumentopf. Es muss eine gemeinsame Idee dahinter stehen. Ich vergleiche das gerne mit dem gallischen Dorf: Die hatten auch einen Plan, um die Römer zu schlagen!

Kratzen und kämpfen ist ja das eine, aber listig und erfinderisch zu sein, das andere. Es gibt beispielsweise besondere Regeln für Ernährung und die Verletzungsprophylaxe. Energiegel statt Bananen in der Halbzeitpause, Eiweißpräparate statt Chips vor dem Zubettgehen ...
... aber man sollte nicht versuchen, hier krampfhaft irgendeinen Schlüssel zu finden. Ich hatte bisher in jedem meiner Vereine Energieriegel und Bananen stehen. Es sind wirklich schon viele daran gescheitert, das Geheimnis zu ergründen, warum in Darmstadt alles so gut funktioniert. Es ist doch ganz simpel: Jeder geht für jeden durchs Feuer. Und jeder stellt sein Ego zurück.

Inwieweit ist es ein Vorteil, dass jeder Spieler Deutsch versteht? Dolmetscher gibt es in Darmstadt nicht – darauf legt der Trainer großen Wert.
Ein Fremder sollte generell in einem neuen Land als Erstes die Sprache lernen – so würde ich es für mich angehen, um Teil der Gemeinschaft zu sein. Wer eine Sprachbarriere hat, ist immer ein Stück weit raus. Und da kommen wir wieder zum Zusammenhalt in diesem Klub: Gibt es Verständigungsschwierigkeiten, dann beginnt etwas zu bröckeln.

Haben Sie als Profi mit 32 Jahren also in Darmstadt noch etwas gelernt?
In meinen anderen Vereinen gab es etliche Spieler, die qualitativ besser waren. Aber ich habe dann immer wieder erlebt, dass Einzelne ausbrechen. Hier sind viele, viele Spieler, die meine Philosophie eins zu eins mitleben. Und da schließe ich auch das Team hinter dem Team gleich mit ein. Hier macht sich keiner wichtiger als die Mannschaft.

Sie haben in der Winterpause gesagt, es ist in Zeiten, in denen immer mehr fremdfinanzierte Vereine in die Bundesliga drängen und bald RB Leipzig dazukommt, etwas Besonderes für einen Kultklub zu spielen.
Egal wo ich hinkomme, wird mir etwas Positives entgegengebracht. An der Tankstelle, beim Bäcker oder auf der Straße. Und es ist ganz egal, ob einer Bayern-, Dortmund- oder Werder-Fan ist: Unsere Geschichte findet irgendwie jeder geil und sagt: Schön, dass es so etwas im Profifußball noch gibt.

Peter Niemeyer im Zweikampf mit Kevin Kampl von Bayer Leverkusen.  Foto: imago/Jan Huebner

Brauchen Sie so ein Stück Romantik? Spielen Sie lieber in so einem alten Stadion wie am Böllenfalltor?
Ja, ich bin da Romantiker. Zumindest ab und zu, denn wir haben ja alle zwei Wochen das Vergnügen, in einer modernen Arena zu spielen (lacht). Im Ernst: Dass es bei uns so funktioniert, hätte ich ehrlich gesagt auch nicht sofort geglaubt – jeder hatte doch gedacht, dass wir nach der Hinrunde mit zehn Punkten die weiße Fahne hissen.

Wie nehmen Sie die besondere Methodik von Dirk Schuster wahr?
Ich halte es bei einem Trainer für am wichtigsten, authentisch zu sein. Nur das zu sagen, was man meint und wofür man steht. Er passt genau in die Philosophie dieses Vereins. Ich habe selbst mit einem Trainerschein angefangen – und da kann ich von Dirk Schuster lernen. Denn nur mit dieser Glaubwürdigkeit ist der Spieler bereit, für den Trainer alles zu tun.

Sie machen den Trainerschein?
Ich bin dabei, ein Praktikum bei einem Stützpunkttraining zu machen. Das ist Voraussetzung, um den Schein zu erwerben.

War das für Sie immer klar, Trainer werden zu wollen?
Erst einmal möchte ich mich breiter aufstellen. Aber ich finde diesen Job interessant.

Wo haben Sie zuletzt eigentlich das Spiel gegen den FC Bayern verfolgt?
Bei meinen Eltern auf der Couch. Ich war in Münster. Weil ich zur Behandlung gewesen bin und einige Probleme auskuriert habe, war ich nicht im Stadion in München.

Mit breiter Brust nach Bremen

Der SV Darmstadt 98 sieht vor dem Duell der Abstiegskandidaten bei Werder Bremen den großen Druck beim Gegner. „Bremen muss gewinnen, will gewinnen und wird alles in das Spiel reinpacken. Es wird ein heißer Tanz!“, sagte „Lilien“-Trainer Dirk Schuster vor der Partie beim Tabellen-16. an diesem Samstag (15.30 Uhr).

Schuster kann wieder auf das in München Gelb-gesperrte Quintett mit Kapitän Aytac Sulu, Marcel Heller, Peter Niemeyer, Konstantin Rausch und Jérôme Gondorf bauen. Dafür fällt György Garics mit Knieproblemen aus, für ihn könnte der zuletzt überzeugende Florian Jungwirth verteidigen.

Das respektable 1:3 nach 1:0-Halbzeitführung beim FC Bayern hat die Darmstädter weiter gestärkt. „Die positive Energie und Leistung aus München wollen wir mitnehmen in die kommenden Partien. Wir lernen aus jedem Spiel“, sagte Schuster. „Wir fahren ohne Angst und mit dem Vertrauen in die eigene Stärke nach Bremen.“ (dpa)

Sie haben eine enge Beziehung zu Ihren Eltern. Kommen sie am Samstag ins Weserstadion?
Mein Vater ist damals zu jedem Europapokalspiel mitgefahren, ob das nun in Frankreich, Italien oder der Türkei stattfand. Insofern ist Bremen von Münster aus fast vor der Haustür. Ich freue mich immer, wenn die Familie ins Stadion kommt. Meine Mutter hatte zwischenzeitlich mal ausgesetzt, weil sie immer so nervös wurde. Aber inzwischen war sie schon häufig im Oh-Lilien-Stadion.

Im Oh-Lilien-Stadion?
(lacht). Ja, da muss ich eine Geschichte erzählen: Mein Sohn ist drei Jahre alt und er erzählt immer vom Oh-Lilien-Stadion, wegen des Lilien-Lieds „Die Sonne scheint“, was ich ihm immer wieder vorsingen muss. Ich habe das unbewusst schon übernommen ...

Soll der Sohn später auch mal Fußballer werden?
Mir ist eigentlich egal, was er später macht. Ich gebe ihm nur mit: Mache das, wo du mit Herzblut und Leidenschaft dahinter stehst. Wenn das der Fußball ist, dann hätte ich sogar Lust, meinen Sohn zu trainieren.

Interview: Frank Hellmann

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