Lilien - Darmstadt 98
Spielberichte und Interviews zu den Lilien, News und Hintergründe zu Darmstadt 98.

25. Oktober 2012

Darmstadt 98: "Wir haben mentale Probleme"

„Es geht gegen den Abstieg.“ Jan Zimmermann. Foto: Heiko Rhode

Lilien-Kapitän und -Torwart Jan Zimmermann äußert sich im FR-Interview über den Trainerwechsel, die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Darmstadt sowie Pfiffe der Fans.

Drucken per Mail

Lilien-Kapitän und -Torwart Jan Zimmermann äußert sich im FR-Interview über den Trainerwechsel, die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Darmstadt sowie Pfiffe der Fans.

Jan Zimmermann, 27, ist einer der wenigen Spieler des SV Darmstadt 98, der in dieser bisher so miserabel verlaufenen Saison konstant seine Leistung brachte. Der Kapitän, bis 2014 an den kriselnden Drittligisten gebunden, ist in diesen Tagen als Führungspersönlichkeit gefragt, der die Mannschaft zusammenhalten muss. Der frühere Eintracht-Torwart, der fünf Jahre für die Frankfurter spielte, gilt als Kopf des Teams, ist auch intellektuell der Anführer der Lilien.

Herr Zimmermann, ist in Darmstadt jetzt die große Tristesse ausgebrochen? Geht die Angst am Böllenfalltor um?

Das würde ich so nicht sagen. Es ist eher so, dass nun auch der Letzte begriffen hat, um was es geht. Vorher war die öffentliche Meinung ja eher so, dass es ja nur eine Frage der Zeit ist, bis wir den Anschluss ans Mittelfeld finden. Nach der Niederlage gegen Dortmund kann keiner die Tabelle mehr nach seiner Art interpretieren. Es geht gegen den Abstieg, sonst um nichts.

Wie konnte es so weit kommen?

Die ganze Saison ist ja nicht optimal gelaufen, wir haben es als Mannschaft noch nicht geschafft, an unser Toplevel heranzukommen. Ich würde nicht sagen, dass wir jetzt grundlegend etwas ändern müssen, wir sind nicht an dem Punkt, an dem ich sage: ,So kann es nicht weitergehen.’ Nein, es sind Kleinigkeiten, aber die sind halt auch entscheidend. Und wir haben von außen schon recht früh auf die Mütze bekommen. Direkt nach unserem ersten Spiel gegen Unterhaching hagelte es bereits Kritik − wie sich aber herausstellte, ist Haching eine Spitzenmannschaft. Von da an war es so, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen und wir auch psychologisch einiges verkraften mussten. Wir haben mental mehr Probleme als fußballerisch, davon bin ich überzeugt. Es ist eher so, dass der Kopf die Beine lähmt.

Woran machen Sie das fest?

Nehmen Sie das letzte Spiel gegen Dortmund, da führen wir 1:0, doch dann haben wir auf einmal nur noch Angst, das Ergebnis zu verlieren. Das ist für mich ein klares Zeichen für Verunsicherung.

Trainer Jürgen Seeberger geißelte jetzt die zu hohen Ansprüche der Fans. Woher rührt diese Erwartungshaltung?

Unser Ziel war ja, uns zu verbessern im Vergleich zur letzten Saison. Das heißt auch, mehr als 49 Punkte zu holen. Das ist schon ambitioniert, vor allem hätte es bedeutet, dass wir eine ganze Saison in ruhigem Fahrwasser verbringen. Jetzt stecken wir aber schon im Abstiegskampf, da ist natürlich eine Diskrepanz in der Wahrnehmung. Ich habe Verständnis für die Enttäuschung der Zuschauer, aber wir alle zusammen sind Darmstadt 98. Die Fans können uns helfen, sie haben großen Einfluss auf unser Spiel, sie müssen ein Gespür dafür entwickeln, dass wir sie brauchen. Denn die Unterstützung der Zuschauer kann einen im Spiel beflügeln, sie kann einen aber auch verkrampfen lassen. Es ist nicht förderlich, dass gepfiffen wird, wenn einer einen Fehlpass spielt. Das ist doch ganz klar.

Nehmen Sie als Kapitän Einfluss?

Ja, absolut. Wir haben ja einige jüngere Spieler, für die diese Situation neu und nicht leicht ist. Ich führe viele Gespräche, wir machen auch einen Mannschaftsabend, an dem Tacheles gesprochen wird. Mit Friede, Freude, Eierkuchen, mit Harmonie und Ruhe kommt man auch nicht raus aus dieser misslichen Situation. Wir sind aber in der Lage, ernst und aufrichtig miteinander zu reden. Aber eines ist auch klar: Ich bin kein Lautsprecher, der populistische Forderungen erhebt und auf den Tisch haut, um mir oder der Mannschaft ein Alibi zu verschaffen.

Und dann, mittendrin, verließ auch noch der Trainer die Kommandobrücke, wie nahm die Mannschaft den Wechsel von Kosta Runjaic zu Seeberger auf?

Wir haben das professionell aufgenommen, es kommt ja vor, dass ein Trainer die Chance ergreift und in der zweiten Liga sein Glück versucht. Das ist nichts außergewöhnliches. Das Problem ist natürlich, dass hier alles sehr, sehr Kosta-lastig war, er hat den Verein im sportlichen Bereich ja alleine gestaltet, er hat den Kader über Jahre hinweg zusammengestellt, er hatte die alleinige Verantwortung. Das heißt, es war alles nur auf eine Person zugeschnitten. Das ist für den neuen Trainer nicht leicht, weil er einen Kader übernommen hat, der zum Teil auf anderen Vorstellungen aufgebaut wurde. Wir müssen jetzt zusehen, dass wir die Philosophie des neuen Trainers so schnell wie möglich umsetzen.

Wie ist seine Philosophie? Runjaic wollte ja Fußball spielen lassen.

Kosta legte wert auf Kurzpassspiel und den Spielaufbau, wir sollten die Situationen spielerisch lösen. Jürgen Seeberger hat eine andere Art. Er verlangt von uns auch, Fußball zu spielen und nicht nur lange Bälle, aber sein Augenmerk liegt gerade auf Gegenpressing, im Spiel gegen den Ball erwartet er viel mehr Aggressivität. Das ist in unserer Situation ja auch richtig. Und man muss sehen, dass wir ja schon verunsichert waren, als er hier anfing. Da musste er den Hebel anders ansetzen. Da hat man keine Zeit, in Ruhe ein Spielkonzept zu entwerfen. Für uns geht es, jenseits irgendeiner Philosophie, darum, wieder Zutrauen und Glauben in uns zu finden, um wieder mutiger zu spielen. Dann kommen wir da unten auch heraus.

Das Gespräch führte Ingo Durstewitz

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Spielberichte und Interviews zu den Lilien, News und Hintergründe zu Darmstadt 98.

Weblog

Das FR-Blog zur Frankfurter Eintracht. Anmerkungen zum Verein des Herzens - subjektiv, unqualifiziert, völlig unreflektiert.

Weblog

FR-Sportredakteure berichten über den FSV Frankfurt. Und Sie haben die Gelegenheit direkt darüber zu diskutieren.

Weblog
Quantez Robertson (Frankfurt) im Zweikampf mit Johannes Strasser (Artland Dragons).

Timur Tinç, unabhängiger Journalist ohne Vereinsbrille, schreibt im Blog über die Basketballer der Frankfurt Skyliners.

Für Sportler in Not

Die Hilfsaktion der FR-Sportredaktion unterstützt arme, kranke und behinderte Sportler, die unverschuldet in Not geraten sind.

Twitter