Seine Kleiderwahl ließ keine Fragen offen: Welche Farben Jürgen Seeberger neuerdings anleitet, demonstrierte er auf dem Aachener Tivoli recht deutlich. Eine dicke Daunenjacke mit der aufgestickten Lilie am rechten Fleck, dazu die blau-weiße Schildkappe bis tief ins Gesicht gezogen – dieser Mann ist Trainer des SV Darmstadt 98. Daran besteht kein Zweifel. Anderthalb Jahre hatte er allerdings auch den Gegner gecoacht, von Januar 2008 bis September 2009 war das, damals noch in der zweiten und nicht wie heute in der dritten Liga.
Für Seeberger, als No-Name-Trainer aus der Schweiz gekommen, war Alemannia Aachen eine sehr intensive Station. Im ersten Jahr verpasste er als Tabellenvierter den Bundesligaaufstieg nur knapp, danach kippte die Stimmung. Trotz eines recht passablen Saisonstarts wurde Seeberger nach einem 3:0-Sieg beim FSV Frankfurt entlassen, weil sich die Spieler über seinen Umgangston und Führungsstil beschwert hatten.
„Wir haben festgestellt, dass die Gräben, die wir zugeschüttet glaubten, weiter offen sind“, erklärte der damalige Sportdirekter Andreas Bornemann den Rauswurf. Seeberger mag das auch heute nicht als Begründung geltenlassen. „Es lag an anderen Dingen“, glaubte er. Nur an welchen, das mochte der 47-Jährige nicht sagen.
Ohnehin solle man die Vergangenheit lieber ruhen lassen und sich auf das Tagesgeschäft konzentrieren – aber auch da sieht es nicht viel besser aus. Sicher kann dieser Punktgewinn des SV Darmstadt beim 1:1 (0:0)-Unentschieden gegen Alemannia Aachen im Abstiegskampf später noch einmal viel Wert sein. Aber wer weiß das schon.
Auf dem Tivoli bot die Mannschaft eine Leistung, die sämtliche Alarmglocken schrillen lässt. Kein Druck nach vorne, kein geordneter Aufbau, kein Mumm, keine Kreativität, stattdessen herrschten Lethargie und Verunsicherung. Das kommt dem Prototyp eines Absteigers schon gefährlich nahe. „Wir waren nicht zielstrebig genug und haben den Gegner zum Pressing eingeladen“, sagt Seeberger. Er musste konstatieren: „Wir haben uns kaum Chancen rausgespielt.“
Um genau zu sein, war das eine einzige, die mit viel Dusel zum Ausgleich führte. Irgendwie landete der Ball im Gewühl vor den Füßen von Kacper Tatara, der nicht lange fackelte, sondern das Spielgerät über die Linie drückte (76.). „Wir haben Moral gezeigt und uns reingebissen“, lobte Seeberger. Das war es dann aber auch schon mit der Darmstädter Herrlichkeit. Den ersten Torschuss, der zudem einer Rückgabe an den Torwart glich, gab die Mannschaft erst nach einer vollen Stunde ab. Das sagt nicht alles, aber immerhin vieles über den derzeitigen Zustand des Viertletzten der Rangliste aus.
Wenn Seeberger davon spricht, „ganz ordentlich“ verteidigt zu haben, dann mag das vielleicht für die ersten 30 Minuten gelten, aber nicht für den Aachener Führungstreffer von Denis Pozder (61.), bei dem gleich drei Abwehrspieler ungläubig staunten, anstatt zu attackieren. Dass der Stürmer der Alemannia nur Minuten später den Sack nicht zumachte, blieb Darmstadts Glück. Ansonsten wäre es für Seeberger eine ungemütliche Rückkehr auf den Tivoli geworden. Trotz dicker Daunenjacke.
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