Literatur.Magazin
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08. Oktober 2012

Editorial: Die Saison der Debütanten

 Von Sabine Vogel
Bei all den Neuerscheinungen fällt es nicht leicht, den Überblick über den Buchmarkt zu bewahren. Foto: dpa

Unser Literatur.Magazin widmet sich den Autoren, die das erste Mal von sich reden machen und zeigt Ihnen, was in diesem Herbst unbedingt lesenswert ist.

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Es beginnt mit einer Erzählung. Dann sind es zwei, drei und plötzlich „kam mir der Gedanke, eine Verbindungserzählung könnte das ganze sogar zu einem ... Roman (!) machen. Das Wort kam mir lange sehr groß und anmaßend vor.“
Zwei Jahre am Stück ist das mindeste, zehn, sogar zwanzig Jahre (bei Dirk Brauns) mit oder ohne Unterbrechungen dauert es schon mal, bis der erste Roman so weit ausgegoren ist, dass man ihn zur Veröffentlichung anbieten möchte. Aber wie kriegt man das ökonomisch hin als Autor ohne Reputation und Namen? Wie halten es die Debütanten mit dem Geld?

Eine Autorin bezieht Hartz IV, eine andere arbeitet halbwöchig an der Börse. Manche studieren noch, einige schlagen sich mit Jobs durch, in der Pflege, in Kunst- und Sozialprojekten, mit Deutschkursen, der Hilfe lieber Verwandten oder Ehepartner, als Auftragstexter für Werbung, Journalismus oder als Songschreiber. Kleinere Lehraufträge und zum Glück auch Stipendien halten einige zeitweise über Wasser. Eine bekam einen Existenzgründungszuschuss der Arbeitsagentur. Ein anderer „lebt von der Hand in den Mund“ und Ersparnissen.
Die Vorschüsse reichen von null über „mickrige“ 250 Euro bis zu Summen, die ein paar Semester Studium abdecken. Von den 665 000 Dollar, die der amerikanische Debütant Chad Harbach bei der Auktion seiner Vermarktungsrechte erhielt, wagt kein deutscher Debütant zu träumen.

Aber aus Gründen der materiellen Existenzsicherung ist noch niemand zum Schriftsteller geworden. Debütautoren schreiben, weil sie Geschichten zu erzählen haben. Sie handeln von Reifeprüfungen, in denen die eigene Existenz, das Leben, in Frage gestellt wird.

Das ist keine Mädchenprosa, das ist Rebellion. Da wird nicht romantisch gesehnsüchtelt, sondern getrunken, gefickt, gekotzt und gestorben, sogar gemordet – und das wird auch genau so benannt. Die Narration ist rasant, die Sprache unprätentiös. Es gibt erschreckend viel Potenzial zur exzessiven Selbstzerstörung. Und zugleich erstaunlich viel Humor, Komik, gar Klamauk, Selbstironie und Sprachwitz. Daniela Chmeliks Protagonistin kauert über der Kloschüssel, und ihr brummkreiselnder Kopf reimt übergeben und überlegen und überleben zu delirant dadaistischer Prosa.

Das „Hinterland“ ist ein wiederkehrender Schauplatz. Das kann wie bei Vea Kaiser das rückständige Provinzdorf sein, in dem man aufgewachsen, dem man entkommen ist, oder die lähmende Kleinstadt, in der schon der Vorwerksvertreter erotische Abwechslung verspricht, das Kaff, in das Stephanie Gleißners Hautausschlags-versehrte Ich-Erzählerin, als eine Fremde zurückkehrt. Ein ganz anderes Hinterland ist das Altersheim, in das sich Anita Augustins anarchistische Rentnerinnen mit ihrer „Operation Hinterland“ einmogeln. Das Altersheim, in dem Oma stirbt oder Mama wegdämmert, wird in vielen dieser Romane zu einem neuen Topos zeitgenössischer Erfahrung.

Die Autoren und ihre Figuren sind aber auch gut unterwegs: Lisa Kränzlers Schülerin hat es nach Alaska verschlagen, Britta Boerdners Liebende irrt durchs verschneite New York, Daniela Chmeliks Heldin taumelt durch den zerschossenen Balkan, Carmen Stephans Reisende trifft auf einem Amazonastrip ihren „point of no return“ in Gestalt einer Tsestse-Fliege, aus deren Sicht sich die Geschichte entfaltet – sicher eine der außergewöhnlichsten Erzähl-Perspektiven der Literatur. Es ist nämlich keinesfalls so, dass Debütanten ausschließlich aus der Ich-Befindlichkeit heraus schrieben. Nina Bußmann versetzt sich in einen verschrobenen Lehrer, Carl Nixon erfindet eine „Wir“-Stimme für seine Gruppe pubertierender Kriminalisten, Claire Vaye Watkins lässt das eigene Ich nur wie eine scheue Tänzerin in einem oszillierenden Geister-Cowboy-Reigen aufglitzern.

Ach, und nebenbei: Bis auf einen Sommerkurs oder einen literaturwissenschaftlich-betreuten Stipendienaufenthalt kommt keiner der Debütanten von den universitären Schreibwerkstätten. Sie haben Philosophie, Theologie, Altgriechisch oder Philologie studiert, haben Erfahrungen als Börsenkonsultant, Dramaturgin oder Popkritikerin gesammelt. Und nicht nur bei der Liederdichterin Arezu Weitholz spielt die Musik. Velvet Underground, Kommando Sonnenmilch, P. J. Harvey oder Elvis Costello rocken untergründig oder schwingen als melancholische Melodie durch die Geschichten. Drehen Sie die Lautstärke auf und lesen Sie...

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