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Literatur-Rundschau
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13. Oktober 2015

Norman Ohler: „Der totale Rausch“: Die totale Verlogenheit

 Von Andreas Montag
Ein Röhrchen mit Pervitin-Tabletten aus dem Jahr 1939.  Foto: Jan Wellen

Norman Ohlers Studie „Der totale Rausch“ geht dem massenhaften Einsatz synthetischer Drogen in der NS-Zeit nach.

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Das Ende im Führerbunker in Berlin muss bizarr gewesen sein. Der Regisseur Oliver Hirschbiegel hat es auf Grundlage der Erinnerungen von Hitlers Privatsekretärin Traudl Junge und der Schriften des Historikers Joachim Fest für das Kino nachgestellt. Da ging es offenbar zu wie vor dem Untergang der „Titanic“ – es wurde vom Endsieg geschwafelt, vor allem aber an die eigene Rettung gedacht – und hemmungslos gesoffen. Hitler selbst, gespielt von Bruno Ganz, taucht als waldschratiges, zittriges Männlein auf, das gelegentlich herumbrüllt und nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint.

Das Buch

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich.

Kiepenheuer & Witsch.
364 Seiten,
19,99 Euro.

Nun hat der 1970 geborene Schriftsteller Norman Ohler, der mit „Die Quotenmaschine“ 1995 den weltweit ersten Roman im Netz veröffentlichte, ein packendes Buch vorgelegt, das mit dem letzten Mythos (wenn es denn noch einer sein sollte) des Nationalsozialismus aufräumt: „Der totale Rausch“ erzählt spannend und detailliert davon, welch herausragende und systemtragende Rolle die Drogen im Dritten Reich spielten – durch gezielten Einsatz, der der Leistungssteigerung diente und die Kriegsziele erreichbar machen sollte.

Sehr anschaulich, viel lebendiger, als es den meisten Historikern gelingt, beschreibt Ohler mit der Neugier des belletristisch ambitionierten Journalisten – aber er fantasiert nicht, sondern stützt sich auf größte Sachkenntnis. Für sein Buch hat der Autor zahlreiche, bisher wenig bekannte oder gänzlich verschlossene Archivquellen genutzt und ist, wo es möglich war, den Spuren auch ausführlich nachgegangen.

So schildert Norman Ohler im Eingangskapitel, das der großen Drogengeschichte Deutschlands, beginnend im 19. Jahrhundert, gewidmet ist, wie er die Gebäude der früheren Temmler-Werke in Berlin-Johannisthal entdeckt, hurtig einsteigt und die Ruinen durchstreift.

Dort war das Aufputschmittel Metamphetamin entwickelt und produziert worden. Unter dem Namen Pervitin war es in Pillenform bis 1939 sogar rezeptfrei zu haben, wurde für die deutsche Hausfrau in Pralinen gemischt und erst 1941 den Bestimmungen des Reichsopiumgesetzes unterworfen, wie Ohler schreibt. Als die deutsche Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich überfiel, standen die Soldaten den Recherchen des Autors zufolge unter 35 Millionen Dosierungen Pervitin. Heute wird Metamphetamin in illegalen Labors vor allem in Osteuropa geköchelt, mit riesigem Profit auch in Deutschland verkauft und ist unter dem Namen „Crystal Meth“ zu einiger Bekanntheit gekommen.

Diese Droge steht in dem Ruf, die physische (auch sexuelle) und mentale Leistungskraft des Menschen kurzfristig enorm zu steigern. Das machten sich die Nationalsozialisten zunutze. Oberstabsarzt Otto F. Ranke war es, der als Leiter des in Berlin ansässigen Instituts für allgemeine und Wehrphysiologie genau nach solchen Möglichkeiten suchte, den deutschen Soldaten Flügel zu verleihen für den Eroberungsfeldzug.

Natürlich muss angesichts dieser neuerlichen Enthüllungen über das Funktionieren des NS-Staates die Geschichte keineswegs umgeschrieben werden – das menschenverachtende System wird durch das Wissen um den massenhaften Einsatz synthetischer Drogen nicht etwa entlastet. Im Gegenteil tritt nun eine weitere Facette der nationalsozialistischen Verlogenheit und Grausamkeit scharf aus der Vergangenheit hervor, das Dritte Reich wird einmal mehr entmystifiziert. Dazu tragen nicht zuletzt die Berichte über den Drogenkonsum des „Führers“ Adolf Hitler bei, dem immer noch die Legende anhaftet, er sei quasi ein Asket gewesen, der sich vegetarisch ernährte, Tabak und Alkohol verabscheute.

Was Norman Ohler im schriftlichen Nachlass von Theo Morell, dem Leibarzt Hitlers, fand, spricht eine andere Sprache. Ohne unterstützende pharmazeutische Mittel, später auch Rauschgift, so der Befund, hätte Hitler seine wahnwitzige Führer-Rolle, die weltweit Millionen Menschen das Leben kostete, wohl nicht bis zum Ende spielen können. Und selbst für den Sex mit seiner Freundin Eva Braun hat Morell Hitler fitgemacht – mit Vitaminspritzen und Testosterongaben.

Das furchtbare Geflecht Hitlers, seiner mörderischen Mittäter und willigen Gefolgsleute steht freilich auf einem anderen Blatt. Drogen haben dabei zwar nicht die entscheidende, aber eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Über die Lebensadern des Volkes und seiner Anführer schreibt Ohler sarkastisch: „Arisch rein ging es darin nicht zu, eher chemisch deutsch – und ziemlich toxisch.“Norman Ohler:

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