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Literaturdebütanten im Gespräch: „ Nicht so groß und wichtig, wie man von außen denkt“

Matthias Borngrebe, Marcel Maas und Donata Rigg sind Debütanten im Literaturbetrieb – ein Gespräch über Schreibschulen, schlechte Kritiken, Lebenspläne und Geld.

Donata Rigg, Marcel Maas und Matthias Borngrebe.
Donata Rigg, Marcel Maas und Matthias Borngrebe.
Foto: Alex Kraus

Frau Rigg, Herr Borngrebe, Herr Maas, Ihre Debüts fallen alle drei durch ihre ungewöhnliche Form auf: ein fiktives Dokudrama mit Fußnoten und Herausgeber-Anmerkungen; ein „Prosa-Set“ aus Song- und Satzfragmenten komponiert wie ein Beat; eine Erzählerin, die immer neue Anläufe, Wiederholungen, Abschweifungen braucht, um sich zu erinnern. Welche Rolle hat für Sie beim Schreiben das Wie des Erzählens gespielt?

Borngrebe: Bei mir ist der Inhalt zuerst da, die Idee – und dann schaue ich, welche Form passt. Ich hatte nicht vor, ein Buch mit Fußnoten zu schreiben. Die erste Fassung war in der Form noch eher konventionell.

Die Autoren und ihre Bücher

Matthias Borngrebe, 26, kommt aus der Nähe von Kassel und hat in Göttingen Germanistik, Komparatistik und Philosophie studiert. In seinem Debütroman „Die Nacht, als Robert starb“ inszeniert er eine fiktive Dokumentation um den Tod eines Jugendlichen, der posthum zum Medienstar wird. Der Roman ist 2010 in der Berlin University Press erschienen (172 S., 19,90 Euro).

Marcel Maas, 23, wurde in Oberhausen geboren und hat in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Bella Triste und ist Teil der literarischen Boygroup Text, Drugs & Rock’n’Roll. In seinem Debüt „Play. Repeat“ streifen vier Freunde durch Großstadt und Nachtleben, Drogenrausch und Musik. Das „Prosa-Set“ ist 2010
in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen (128 S., 17,90 Euro).

Donata Rigg, 34, kommt aus Konstanz und lebt heute in Hamburg. Sie hat Theaterwissenschaften, Neuere Deutsche Literatur und Philosophie in Berlin studiert und das Deutsche Literaturinstitut Leipzig besucht. In ihrem Debüt „Weiße Sonntage“ arbeitet eine junge Frau im Gespräch mit ihrem Lebensgefährten den Freitod ihrer Zwillingsschwester
auf.Der Roman ist 2010 im Mairisch Verlag, Hamburg, erschienen (144 S., 16,90 Euro.) (fr)

Rigg: Es ist ja wahrscheinlich schon unkonventionell, wenn man nicht narrativ von A nach B erzählt, wie in meinem Fall. Dass der Plot sich nicht chronologisch entwickelt, sondern mit Einschüben gearbeitet wird. Dass man sich nicht an Figuren festhalten kann, sondern sie sich als Leser während der Lektüre selbst entwickeln muss. Das gilt momentan als kompliziert oder abseitig.

Ist Ihnen eine solche Einordnung Recht?

Maas: Für mich spielt das keine Rolle. Ich wollte erzählen, was ich erzählt habe, und die Form hat sich daran angepasst. Es ist ein ungewöhnlicher Text geworden, aber mir ist das Label nicht wichtig. Das ist nur ein Adjektiv, das die subjektive Lesart beschreibt.

Wie kamen Sie zu Ihren Inhalten?

Borngrebe: Bei mir waren die Figuren zuerst da, vor allem die Hauptfigur Robert. Daraus hat sich die Geschichte erst entwickelt. Durch die Fußnoten wirkt es, als hätte ich eine Medienkritik schreiben wollen, aber für mich ist das nur ein kleiner Teil der Geschichte, der durchs Druckbild ins Auge sticht.

Maas: Ich wollte gar nicht so sehr über Drogen oder Musik schreiben, das sind eher Kulissen. Ich wollte mich Fragen der Beschleunigung widmen; ein Welt- und Wahrnehmungsgefühl des Zuviel ausdrücken. Dafür habe ich mir die Musik als Hintergrund gewählt und Gefühle des Erwachsenwerdens, die mich selbst beschäftigen. Party, Drogenrausch, Nacht: das sind alles Versatzstücke, die man dafür benutzen kann. Es ging nicht darum zu sagen, ich bin der neue Partyautor.

Rigg: Ich habe nichts geplant, aus meiner Sicht musste dieser Text geschrieben werden. Es geht um den Bruch in einer Biografie. Bei mir war das Thema zuerst da und ich habe dann versucht, die Figur dazu zu finden. Es ergab sich dieses Zwillingsmotiv, das aber eher als Vehikel fungiert. Der Tod der Zwillingsschwester war für mich wie das Ablegen einer bestimmten Identität.

Als Jungautoren befinden Sie sich unweigerlich auf dem Feld der Gegenwartsliteratur, der seit Jahren immer mal wieder – in Klagenfurt oder anderswo – der Vorwurf gemacht wird, zu sehr um sich selbst zu kreisen, beliebig, gar inhaltsleer zu sein. Beschäftigen Sie sich mit solchen Einordnungen von außen?

Maas: Ich schon. Ich habe ja an einer Schreibschule studiert und deren Absolventen wird ständig vorgeworfen, Einheitsbrei zu produzieren, glatte Texte, die veröffentlicht wurden, ohne etwas zu bedeuten, ohne dass die Autoren etwas riskieren. Ich finde aber, das sind simple Marktmechanismen. Jedes Mal, wenn man einen Schritt zurücktreten will, um zum großen Schlag auszuholen gegenüber DEN Autoren oder DER Situation der Gegenwartsliteratur, muss man Verallgemeinerungen treffen, die sich am Einzelfall immer widerlegen lassen. Ich glaube, es hat nicht viel damit zu tun, wie die Gegenwartsliteratur oder die Wirklichkeit aussieht.

Rigg: Man kann sich ja auch kein Thema verordnen lassen. Man sucht es sich nicht aus, wie ein Paar Schuhe im Laden. Zum Beispiel kommt immer wieder die Forderung, jetzt müsse mal der Wenderoman kommen. Aber was soll das sein? Und würde er überhaupt erkannt werden, wenn er dann käme?

Sie haben eben die „Schreibschulen“ angesprochen. Warum haben Sie, Frau Rigg, und Sie, Herr Maas, diesen Weg gewählt?

Rigg: Ich war am Ende meines ersten Studiums und hatte das Schreiben immer als Hobby betrieben. Es war kein langer Weg, endlich nach Leipzig, ich habe mich recht spontan beworben. Mir war es wichtig, dass ich viele andere traf, die auch schreiben.

Maas: Ich kam direkt aus der Schule, war 18 und hatte die freie Wahl, was ich machen will. Ich dachte an Medizin, Jura oder Mathematik – und dann fiel mir ein, dass ich auch nebenbei schreibe. Ich hatte nicht den langjährigen Traum, Schriftsteller zu werden. Ich bin da nicht mit dem Vorsatz hingegangen, in fünf Jahren schreiben zu lernen. Es ging eher darum, das, was ich gerne tue, durch ein Studium zu rechtfertigen. Einen Mittelweg zwischen gesicherter Zukunft und freiem Lebensstil zu wählen.

Haben Sie, Herr Borngrebe, diesen Weg jemals für sich in Erwägung gezogen?

Borngrebe: Ja, ich habe mich beworben, bin aber nicht genommen worden in Leipzig. Man muss schon sagen, dass junge Autoren heute meistens auf diesem Wege entdeckt werden, über Literaturschulen oder einen Wettbewerb.

Wie haben Sie’s geschafft?

Borngrebe: Ich habe den klassischen, altmodischen Weg gewählt, das Manuskript direkt an Verlage zu schicken. Was auch geklappt hat, aber empfehlen würde ich es nicht, weil es in den allermeisten Fällen nicht klappt.

Rigg: Das halte ich für problematisch: Wenn es soweit kommt, dass die Schreibschulen Teil des Betriebs sind. Es nervt mich, wenn dieser Weg zu selbstverständlich wird.

Borngrebe: Einerseits wird ja immer beklagt, dass viele junge Autoren eine ähnliche Biografie haben. Andererseits ist es so, dass die Verlage diese Autoren auch selbst auf solchem Wege suchen.

Rigg: Nur: wo sieht man die jungen Autoren noch, außer unter den Schreibschul-Absolventen oder bei Wettbewerben?

Maas: Na ja, als Lektor hast du halt deine Liste mit so zehn Stationen: Bachmann-Kurs, Open Mike, Leipzig, Hildesheim, et cetera. Normalerweise findest du dort Texte, die ganz okay sind, weil sie durch viele Mühlen gegangen sind. Ich stelle mir vor, solche Texte überspringen ein, zwei Hürden, die andere erst nehmen müssen, und sind dann, so blöd es klingt, für eine Veröffentlichung relevanter. Alle tun immer so, als wäre es wünschenswert, wenn sich Leute wie Matthias frei bei Verlagen bewerben, mutig irgendwie. Andererseits sieht niemand, dass das fast nicht mehr möglich ist.

Herr Maas, Sie haben eine Zeit lang die Zeitschrift Bella Triste mit herausgegeben und das Literaturfestival Prosanova veranstaltet. Haben Wettbewerbe, Zeitschriften, Poetry Slams für die junge Literatur heute einen hohen Stellenwert?

Maas: Für mich persönlich ja. Das sind die modernen Distributionsmedien, vor allem dieses eventisierte Literaturgefühl der Festivals und Poetry-Slams, aber auch junge Zeitschriften mit dem Anspruch, Leute zu fördern, etwas zu riskieren, Dinge abzudrucken, die kein großer Kassenschlager sind, die noch niemand kennt.

Rigg: Ich hatte auch mal einen Text in der Bella Triste und wurde daraufhin von einem Lektor angesprochen.

Maas: Das passiert sogar recht oft. Dadurch, dass ich da mitgearbeitet habe, habe ich erst gemerkt, wie sehr das in den Makrokosmos des Literaturbetriebs zurückstrahlt. Dass es ein Gehör findet.

Wie sehr informieren Sie sich über das Schaffen anderer Jungautoren?

Borngrebe: Ich bin ziemlich gut informiert über den Literaturbetrieb. Ich lese viel Zeitung oder schaue im Internet, weil es mich interessiert, wenn ich von jungen Autoren höre, in welchem Verlag sie sind und was sie so schreiben.

Rigg: Ich versuche zu verfolgen, ob meine Freunde verlegt werden. Mal ja, mal nein. Aber ich bin auch immer noch damit beschäftigt, den Kanon, wie ich ihn mir zusammenstelle, zu lesen. Ich mixe.

Maas: Ich dachte, ich sei sehr gut informiert, als ich in Hildesheim war. Mittlerweile kriege ich noch mit, wer gerade veröffentlicht, wer Preise gewinnt, wo was erscheint, aber ich nehme mir nicht vor, das alles kennen zu lernen.

Der Schriftsteller und Dozent des Leipziger Literaturinstituts Josef Haslinger hat in einem Interview gesagt, dass jungen Autoren heute der Austausch fehle, da die Bedeutung von Autorenverbänden abgenommen habe. Schreibschulen seien dafür am ehesten ein Ersatz. Welche Rolle spielt für Sie ein solcher Austausch?

Rigg: Das sind meine ersten Leser. Ich weiß nicht, wie wir uns ohne so etwas wie das Literaturinstitut gefunden hätten. Wie hast du es denn gemacht, Matthias?

Borngrebe: Ich habe zwar ein klassisch geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen, aber da trifft man erstaunlich viele Leute, die freiwillig keine Bücher lesen.

Rigg: O ja, auf jeden Fall!

Borngrebe: Es ist unheimlich schwierig, Leute zu finden, die einem fünf aktuelle deutsche Autoren nennen können, die sie gelesen haben. Darum hatte ich mich in Leipzig beworben.

Maas: Mir hilft es sehr, über Texte zu sprechen. Ich brauche dafür die persönliche Situation, am selben Küchentisch zu sitzen. Man könnte auch skypen oder sich in Online-Foren treffen, aber für mich funktioniert das so nicht.

An den Hochschulen lief die Textkritik noch in einem geschützten Rahmen ab. Wie fühlt es sich jetzt an, der öffentlichen Meinung ausgesetzt zu sein?

Rigg: Ich versuche die Kritik eher in den Bildhintergrund zu schieben, egal ob sie positiv oder negativ ist. Ich habe eine Person, der ich sagen kann, lies du zuerst und sag mir dann, ob es okay ist.

Maas: Wer traut sich denn, dir so was zu sagen?

Rigg: Ach, so schlimm ist das auch wieder nicht. Ich bin nicht total neurotisch, was das angeht. Aber was am schönsten ist, ist wenn man das Gefühl hat, dass jemand dem Text einen Aspekt abgewinnt, den man selbst noch gar nicht gesehen hat. Und was das Sprechen über den eigenen Text angeht: Ich finde das nicht unbedingt notwendig. Ich glaube, andere können das besser als ich.

Borngrebe: Ich rede auch nicht gerne drüber. Weil ich oft merke, dass die Leute Text und Person nicht auseinanderhalten können. Fremde Personen, die den Text lesen, glauben, mich zu kennen.

Rigg: Bei einer Ich-Perspektive ist es offenbar völlig undenkbar, dass das auch nur ein Gefäß ist. Aber die Leute interessiert halt sehr stark: War es wirklich so?

Maas: Mich interessiert das auch!

Rigg: Ja, aber doch nicht nur! Ich kann doch den Text nicht danach beurteilen. Die Qualität des Textes hängt für mich nicht davon ab, ob es wirklich so war.

Maas: Ach, die Kritik. Bei mir läuft es immer gleich ab. Es sind immer dieselben Schlagworte, die werden dann so rumgewirbelt. Mal fällt es besser aus, mal schlechter.

Was sind das für Schlagworte?

Maas: Das sind Dinge, die man positiv oder negativ deuten kann, wie: Noch ein Roman über Drogen und Musik – aber auf eine andere Art und Weise. Die negativen Kritiken lassen das Aber weg. Das kann ich aber auch verstehen. Es ist eben unmöglich, sich vorzustellen, wie man auf den eigenen Text reagieren würde, hätte man ihn nicht selbst geschrieben. Vielleicht würde er mich dann auch nerven. Deshalb gönne ich es jedem, wenn er das Buch hasst – das fände ich sogar mal interessant, jemanden zu treffen, der mir sagt: Das ist der letzte Rotz!

Also reizt es Sie auch, mit Ihren Texten zu polarisieren?

Rigg: Also ob ich es mag, weiß ich nicht. Aber wenn es passiert, wenn es polarisiert, dann fände ich es interessant, wenn daraus eine Debatte entsteht.

Fühlen Sie sich schon angekommen im Literaturbetrieb?

Maas: Ja, schon. Hätte ich ein neues Manuskript, wüsste ich, was ich damit machen muss. Ich möchte nicht von einer Entzauberung sprechen, aber ich glaube, das ist alles gar nicht so groß und wichtig, wie man von außen denkt.

Borngrebe: Ich bin kaum drin im Literaturbetrieb. Ich habe aber auch einen Vollzeitjob und lebe nicht in Deutschland. Ich kann nur in meiner Freizeit schreiben, mein Job ist mir – ich will nicht sagen wichtiger, aber er überlagert das Schreiben momentan.

Hätten Sie das Schreiben ursprünglich lieber als Hauptbeschäftigung gewählt?

Borngrebe: Inzwischen bin ich sehr zufrieden damit, wie es ist. Ich würde gar nicht stärker drin sein wollen.

Rigg: Ich bin auch nicht drin, aber das ist ja auch eine finanzielle Frage: Ich kann davon nicht leben. Ich jobbe 20 Stunden die Woche, komme damit über die Runden und finde es eigentlich erleichternd, dass sich dieser Job nicht im Literaturbetrieb befindet.

Borngrebe: Es ist ein gutes Gefühl, nicht abhängig zu sein. Ich muss nicht von meinem Buch leben und darauf warten, dass mir jemand ein Stipendium gibt.

Maas: Ich schreibe gerade extrem wenig. Ich habe mit einem Freund eine Firma gegründet und um das zu finanzieren, habe ich noch einen Nebenjob. Ich arbeite 15 Stunden jeden Tag und wüsste gar nicht, wann ich schreiben sollte. Ich bewerbe mich auf keine Stipendien, mir sind Preise recht wurscht. Ich habe dieses eine Buch gemacht und weiß nicht, wann das nächste kommt, wenn eines kommt. Ich stresse mich damit nicht. Ich bin nicht der Autor, der Autor sein will und nur das, der davon leben muss – das wollte ich auch nie.

Schreiben ist also am Ende eine Option unter weiteren?

Rigg: Nein, für mich ist es der Lebensinhalt. Nur keiner, mit dem ich Geld verdienen kann.

Borngrebe: Auch wenn ich damit genug Geld verdienen würde, könnte ich nicht den ganzen Tag zuhause am Schreibtisch sitzen.

Rigg: Ich auch nicht den ganzen Tag, aber ein paar Stunden jeden Tag, das schon. Ob da immer etwas bei rauskommen würde, das ist die andere Frage.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

Datum:  11 | 2 | 2011
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