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Literatur

16. März 2016

"Was geschah im 20. Jahrhundert?": Sloterdijks Widersprüche sind eklatant

 Von Dirk Pilz
Beleidigt seine eigene analytische Kraft: Peter Sloderdijk.  Foto: epd

In der Sloterdijk-Debatte wird polemisiert. Das trifft auf Peter Sloterdijk ebenso zu wie auf seine Kritiker. In seinem neuen Buch "Was geschah im 20. Jahrhundert?" verläuft er sich im eigenen Theoriendschungel.

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Es vergeht kaum ein Tag ohne einen Beitrag in der Sloterdijk-Debatte, auch hier jetzt abermals. Am Mittwoch hat sich an dieser Stelle Thomas Grundmann mit dem Interview beschäftigt, das Peter Sloterdijk Mitte Februar dem Magazin „Cicero“ gewährte. Debattenwirksam wurde vor allem ein Satz hinsichtlich der sogenannten Flüchtlingskrise: „Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben.“ Das „Lob der Grenze“ habe Deutschland, will sagen: Angela Merkel, noch nicht gelernt.

Darauf folgte die lauthalsige Widerrede des Berliner Historikers Herfried Münkler in der „Zeit“, auf die Sloterdijk antwortete und Münkler abermals reagierte. Es hagelte allerlei hässliche Vorwürfe über „verkorkstes Denken“ (Münkler) und eine „Semantik, von der rechte und rechtsintellektuelle Invektiven“ derzeit lebten (so der Soziologe Armin Nassehi), was Sloterdijk seinerseits einigermaßen erregt zurückwies: Man habe es hier mit absichtlicher „Falschlektüre“, gar „Hetze“ zu tun. Mit Vorwürfen wird nicht gespart, der Verzicht darauf ist keine geschützte Tugend, offenkundig, weil es den Streitenden um zweierlei zugleich geht: um ihr eigenes Ansehen, also ihre deutungshoheitlichen Ämter in der Öffentlichkeit und um die Frage, was eine kluge Flüchtlingspolitik ausmacht. Letzteres ist die wichtigere Frage; man muss die Herren daran erinnern.

Wirklich erstaunlich in dieser Sloterdijk-Debatte ist allerdings der sonderbare Befund, dass ihre Teilnehmer die Streitpunkte allenfalls oberflächlich zur Kenntnis nehmen. Das trifft auf Sloterdijk und seine Kritiker gleichermaßen zu. Der Streit handelt ja einesteils von der auf allen Seiten interessengeleiteten Wahrnehmung der „Flüchtlingskrise“, anderenteils von Aussagen Sloterdijks. Und dabei geht es nicht nur um seine „Cicero“-Sätze, sondern auch über die Aufsätze in dem soeben erschienenen Band „Was geschah im 20. Jahrhundert?“.

Das Buch

Peter Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert? Suhrkamp, Berlin 2016, 348 S., 26,95 Euro.

Nachhaltig irritierend ist vor allem, dass Sloterdijk selbst mit der Rede von „Überrollung“ und dem „Lob der Grenze“, überhaupt mit der Konstruktion eines Wir im Kampf gegen ein Ihr, seine eigenen Analysen dramatisch unterbietet. Denn in dem Aufsatz zu den „philosophischen Aspekten der Globalisierung“, einem der aufschlussreichsten Texte des neuen Buches, legt er eingehend dar, dass wir alle in einem „Zeitalter der Gegenentdeckungen“ lebten.

Jahrhundertelang seien die Europäer die „Hinfahrer par excellence“ gewesen, nämlich Kolonisatoren und Ausbeuter der Welt. Dringend sei deshalb eine europäische „Periode selbstkritischer Besinnung“ vonnöten: Man habe jenes Unrecht einzusehen, das „in der imperialistischen und kolonialistischen Einseitigkeit“ Europas lag. Erst recht müsse dieses Europa „den Gegenverkehr tolerieren“, den es in der Vergangenheit selbst ausgelöst und provoziert habe: Es stehe in einer „moralischen Gesamtverantwortung“.

Hinzu kommt für Sloterdijk, so in den eindringlichsten Texten dieses Bandes, dass die Menschheit von der Ausbeutung der Natur Abschied nehmen müsse. „Du musst dein Leben ändern“ – so heißt nicht nur eines seiner jüngeren Bücher, das ist auch der „absolute Imperativ“ der Gegenwart.

Wenn er vor diesem Hintergrund von „Überrollung“, ja von „Flutung“ des Landes mit Flüchtlingen spricht, unterbietet er sein eigenes Denkniveau: Solche Aussagen sind eine Beleidigung seiner analytischen Vernunft, weil sie mit einem simplen Innen-Außen-Dualismus hantieren, dessen Untauglichkeit zur Erfassung der Gegenwart er selbst nachgewiesen hat.

Entweder hat man es hier also mit einem Fall „polemischer Simplifikation“ zu tun, die allerdings, wie Thomas Grundmann (FR v. 15. März) überzeugend argumentierte, einer „intellektuellen Selbstdemontage“ gleichkommt; oder aber Sloterdijk hat sich in seinem eigenen Theoriedschungel verlaufen. Womöglich wird nicht nur der Sloterdijk-Leser angesichts der vielen kühnen Thesen regelmäßig von Schwindel-Gefühlen befallen, sondern Sloterdijk selbst.

Denn auch in seinem Aufsatzband finden sich Aussagen, die im krassen Widerspruch zu seiner philosophischen Globalisierungskritik stehen, etwa wenn er mit Blick auf „arabische Länder“ von „Kampffortpflanzungen“ spricht oder generell Menschen als Objekte betrachtet, die es zu „zähmen, züchten und hüten“ gelte, als wären sie, wie er mitunter nahelegt, nichts als wilde Herdentiere. Oder wenn er einerseits in seinem Buch von Gesamtverantwortung spricht, im „Cicero“-Interview aber meint, es gebe hinsichtlich der Flüchtlingskrise „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“. Die Widersprüche sind eklatant. Mitunter gewinnt man tatsächlich den von Armin Nassehi formulierten Eindruck, auch Sloterdijk begrüße die Flüchtlingskrise „geradezu genüsslich als eine Gelegenheit, Sätze zu sagen, die in aller Deutlichkeit zu hässlich wären“.

Ist es so, hätte die Sloterdijk-Debatte vor allem von seinem Menschenbild zu handeln. Und sie hätte nach dem Standort des philosophischen Denkens zu fragen. Auffällig oft befasst er sich in seinen Aufsätzen ja mit der Raumstation als Beobachterposten aus dem All, und er selbst beansprucht offenbar einen Blick „von oben“, jenseits aller „erdbasierten Lebensformen“. Der Götterposten ist allerdings selbst für Sloterdijk unerreichbar. „Ach! Es ist der Zauber dieser Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss“, so zitiert er gern Nietzsche. Das gilt generell, für alle Beteiligte, in der politischen wie in der philosophischen Arena.

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