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Literatur

24. Februar 2016

„Angst vorm Sterben“: „Angela Merkel zeigt, wie leistungsfähig Frauen sind“

 Von Sacha Verna
„Wieso wir Sex noch immer mit einem schlechten Gewissen verbinden, ist mir ein Rätsel“, sagt Erica Jong.  Foto: Carolyn Cole/Contour by Getty Images

Die Schriftstellerin Erica Jong spricht im Interview der FR über ihren neuen Roman „Angst vorm Sterben“, über Sex im Alter, Angela Merkel und die Gleichberechtigung bei Pinguinen.

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Erica Jong, Sie haben sich mit einer besonders anschaulichen Passage in Ihrem neuen Roman „Angst vorm Sterben“ beinahe den berüchtigten „Bad Sex in Fiction Award“ erschrieben, den Preis für die schlechteste literarische Sexszene des Jahres, den die britische Zeitschrift „Literary Review“ jeweils vergibt. Was halten Sie von dieser zweifelhaften Ehre?
Derlei kümmert mich nicht im Geringsten. Die haben doch keine Ahnung.

Wovon – vom Schreiben, von Sex, vom Schreiben über Sex?
Davon, dass Frauen über 60 sich nicht einfach in geschlechtslose Schatten verwandeln, sondern im Gegenteil im Bett jede Menge, ja vermutlich viel mehr Spaß haben als ihre Enkel. Es gibt seit jeher nur zwei Themen in der Literatur: die Liebe und den Tod. Neu ist, dass nun endlich auch Frauen, und zwar Frauen jeden Alters, ihren Gefühlen darüber Ausdruck verleihen. Das zu akzeptieren, fällt vielen schwer. Kein Wunder, schließlich wird unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten von alten Männern regiert. Es ist an der Zeit, dass Frauen ans Ruder kommen.

Alte Frauen?
Unbedingt. Wir sollten uns ein Beispiel an den amerikanischen Ureinwohnern nehmen. Bei denen entschied ein Rat von Großmüttern über Krieg und Frieden. Die Männer kämpften, aber die Großmütter entschieden, wann.

Warum sollten Großmütter so viel weiser sein als Männer?
Frauen spenden Leben. Sie wissen den Wert des Lebens weit mehr zu schätzen als Männer. Großmütter betrachten alle Kinder der Welt als ihre eigenen und sind entsprechend bereit, für sie – die Kinder und die Welt – zu sorgen. Männer bleiben Sklaven ihres Penis, bis sie umkippen. Frauen hingegen stoßen auf ungeahnte Energiequellen, haben sie die Wechseljahre erst einmal hinter sich. Schauen Sie sich Hillary Clinton an.

Die US-Präsidentschaftskandidatin ist bald zweifache Großmutter.
Sie verströmt ein Selbstbewusstsein, wie es nur Frauen gelingt, die ihr eigenes Potential erkannt haben. Wir brauchen jemanden im Weißen Haus, der dem Leben verpflichtet ist, und das sind Frauen nun einmal mehr als Männer. Ein anderes Beispiel ist Angela Merkel.

Keine Großmutter.
Ich meine mit „Großmüttern“ nicht nur biologische, sondern alle Großmütter im Geiste. Angela Merkel zeigt der Welt, wie leistungsfähig Frauen sind – phänomenal. Deutschland ist das politisch und wirtschaftlich stärkste Land Europas. Es ist auch das Land, das in den vergangenen Monaten am meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Es hat seine Nazi-Vergangenheit hinter sich gelassen und klärt die Kinder in der Schule früher als überall sonst über die Entstehung und die Gefahren des Faschismus auf. Deutschland verdankt seinen Erfolg seinem Bildungssystem und der Tatsache, dass Frauen wie Angela Merkel Führungsrollen spielen.

Zur Person

Erica Jong, geboren 1942 in New York, ist seit der Veröffentlichung ihres ersten Romans im Jahr 1973 eine Ikone der Frauenemanzipation und der sexuellen Revolution. 2007 hat die Columbia-Universität ihr Archiv angekauft. „Angst vorm Fliegen“ verkaufte sich weltweit über 27 Millionen Mal und gilt heute als Klassiker der feministischen Literatur. „Angst vorm Sterben“ ist Erica Jongs neunter Roman. Die Autorin lebt mit ihrem vierten Ehemann und zwei Pudeln an New Yorks Upper East Side. Erica Jong: Angst vorm Sterben. Roman. A. d. Engl. von Tanja Handels. S. Fischer Verlag 2016. 366 S., 19,99 Euro.

Wäre ein Aufstieg wie der Donald Trumps in Deutschland heute möglich?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Donald Trump ein klassischer Demagoge ist. Erst gestern Abend sah ich ihn wieder im Fernsehen. Er ist wie Hitler: Wenn er das Publikum einmal in seinen Bann geschlagen hat, hört er nicht mehr auf. Er redete fünfzig, sechzig, siebzig Minuten lang ununterbrochen, und dabei verhöhnte er sogar manche seiner Zuschauer. Er ist von einer unsäglichen Arroganz und ein skrupelloser Lügner. Aber die Medien machen sich ja nicht die Mühe, den Wahrheitsgehalt von Trumps Aussagen zu überprüfen.

Doch, Zeitungen wie die „New York Times“ und die „Washington Post“ haben das sogar mehrfach getan.
Dennoch sind die Medien mit schuld an Trumps Erfolg. Vor allem das Fernsehen. Den Kabelsendern läuft das Publikum davon, für sie ist Trump ein Geschenk Gottes. Er bringt die ersehnten Einschaltquoten. Hätten sie Trump am Anfang nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, wäre er nie und nimmer da, wo er jetzt ist. Und nun machen sie einfach weiter. Das ist die Murdochisierung der Presse.

Sie spielen auf den Unternehmer Rupert Murdoch an, dem vorgeworfen wird, mit seinem Medienimperium seine neokonservative Weltanschauung zu verbreiten.
Es geht um immer noch fettere Schlagzeilen, immer noch höhere Einschaltquoten und mehr Profit. Donald Trump nützt die Medien aus, und die Medien nützen ihn aus. Und wo wir schon beim Sensationsjournalismus sind: Zum Widerwärtigsten gehören die Artikel über prominente Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben, deren Dehnungsstreifen dann in Großaufnahme gezeigt werden. Unsere Gesellschaft ist sex- und imagebesessen.

Wie Ihre Protagonistin zu Beginn von „Angst vorm Sterben“. Haben Sie Vanessa Wonderman deshalb zu einer 60-jährigen Schauspielerin gemacht, die ihrem guten Aussehen nachtrauert und Sex mit Jungbleiben verwechselt?
Ja. Schauspielerinnen stehen für Schönheit, Sex und Jugend. Zum Glück wehren sich immer mehr von ihnen gegen diese Zwangsjacke – Meryl Streep etwa, Jennifer Lawrence und Amy Schumer. Haben Sie „Trainwreck“ gesehen?

Amy Schumers letzten Film? Ja. Auf Deutsch hieß er „Dating Queen“.
Eine großartige Komödie. Man lernt eine Menge über das Selbstverständnis junger Frauen im Jahr 2015.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass Frauen noch immer erwarten, von Männern schlecht behandelt zu werden, und geradezu misstrauisch reagieren, wenn sich einer zur Abwechslung anständig benimmt.

Was halten Sie denn von der Sorte Unanständigkeit, wie sie in „Fifty Shades of Grey“ praktiziert wird? Diese Romantrilogie geriet mit ihrer Verherrlichung weiblicher Unterwerfung ja zum Weltbestseller.
Es schockiert mich, dass Millionen von Frauen den Gedanken aufregend finden, ihren Orgasmus Männern zu überlassen...

...im Tausch gegen Designer-Jeans...
...und gegen anderes teures Zeug. Die Frau sagt damit: Ich habe keine sexuellen Sehnsüchte. Ich trage keine Verantwortung. Ich brauche mich nicht schuldig zu fühlen, weil jemand anderer über mich verfügt. Das ist wie die Vergewaltigungsphantasie: Ich wollte nicht, er hat mich dazu gezwungen! Wieso wir Sex noch immer mit einem schlechten Gewissen verbinden, ist mir ein Rätsel.

Haben Sie nicht schon 1973 in Ihrem ersten Roman gegen genau diese Art von Schuldgefühlen und Unterwerfung angeschrieben? In „Angst vorm Fliegen“ nimmt die Heldin Isadora Wing ihr Sexleben selbst in die Hand.
Natürlich. Seither gelte ich als Sexbuch-Autorin. Was lächerlich ist. Isadora war für mich einfach eine Frau mit einem gesunden Verhältnis zu ihrem Körper und zu ihren sexuellen Begierden.

„Angst vorm Fliegen“ gilt inzwischen als Klassiker der feministischen Literatur. Ihre Botschaft scheint allerdings nicht angekommen zu sein. In populären Fernsehserien wie Lena Dunhams „Girls“ bestimmen die Protagonistinnen zwar selber, mit wem sie ins Bett gehen, aber meistens ist es nur für eine Nacht...
...und viel Spaß haben sie auch nicht dabei. Das ist sicher keine Alternative. Aber ich weiß, dass viele Frauen ständig solche enttäuschenden Erfahrungen machen. Es stimmt einfach traurig.

Was haben die Feministinnen Ihrer Generation denn falsch gemacht?
Wir haben zu wenig auf unsere eigene Stärke vertraut. Wir ließen uns vom Sex ablenken und nahmen Männer zu ernst, indem wir sie zu unserem Feind erklärten. Manche Männer sind ganz in Ordnung. Aber sie bleiben gerne unter sich. Deshalb brauchen wir ein Quotensystem, wenn wir wirklich etwas verändern wollen. Quoten in der Bildung, in der Wirtschaft und in der Politik. Dass nur zwanzig Prozent der amerikanischen Kongressabgeordneten Frauen sind, obwohl wir 52 Prozent der Bevölkerung darstellen, ist ein Skandal.

„Angst vorm Sterben“ endet in Indien, wo Vanessa – geläutert und endlich glücklich in den Armen ihres 80-jährigen Gatten – als Ikone der Frauenemanzipation gefeiert wird. Wie gut eignet sich der Feminismus westlicher Prägung zum Export?
Gute Frage. Erst neulich schickte mir eine Freundin einen Film über Frauen in Afghanistan, die gezwungen sind, sogar während der Geburt ihrer Kinder die Burka zu tragen, und die gesteinigt werden, wenn sie auch nur das Netz über ihren Augen heben. Stellen Sie sich das vor! Der religiöse Fundamentalismus ist die größte Gefahr für unsere Welt, egal ob islamischer, jüdischer oder christlicher Fundamentalismus. Ich bin gegen jede Art von Religion. Die meisten Religionen sind ohnehin nur ein weiteres Instrument zur Unterdrückung der Frauen. Und Gesellschaften, in denen Frauen unterdrückt werden, schaden sich selber. Das hat die Geschichte mehrfach bewiesen.

Dann lautet Ihr Rezept für die Zukunft: weniger Gott, mehr Großmütter?
Genau. Und endlich Gleichberechtigung, die diesen Namen verdient. Ich bin soeben von einer Reise aus der Antarktis zurückgekehrt. Bei den Pinguinen dort herrscht strikte Gleichberechtigung. Männchen und Weibchen wechseln sich beim Ausbrüten der Eier und bei der Futterbeschaffung ab. Sobald die Kleinen groß genug sind, kommen sie zu anderen Jungtieren in eine Krippe, während die Alten zusammen weiter für Nahrung sorgen. Stellen Sie sich vor, wozu die Menschheit imstande wäre, wenn sie sich so organisieren würde!

Interview: Sacha Verna

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