Was für ein Land! Von den spanischen Pizarro-Brüdern und anderen Glücksrittern ausgeplündert, seit 1825 unabhängig von der spanischen Krone, aber immer wieder von politischen Amokläufern heimgesucht, die selbst vor Morden nicht zurückschrecken, um sich an die Macht zu putschen.
Währenddessen schuften die Indigenen - die heute rund 55 Prozent der Bevölkerung ausmachen - zu Tausenden in den Bergwerken, praktisch versklavt und lange ohne Wahlrecht und Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg. Erst 181 Jahre nach der Unabhängigkeit gelingt es einem von ihnen, in den Präsidentenpalast einzuziehen: Juan Evaristo Morales.
Die Geschichte von Morales, der schon als Kind nur "Evo" gerufen wird, ist erzählenswert, weil sie viel über sein Land verrät: Der Sohn einer armen Bauernfamilie wächst auf 4000 Höhenmetern im Altiplano auf, dem kargen Hochland Boliviens, wo außer Kartoffeln kaum etwas wächst. Vier von sechs Geschwistern sterben im Kindesalter.
Als junger Erwachsener zieht Morales in die Region Chapare und baut Koka an, um besser über die Runden zu kommen. Schließlich wird er Anführer der Bewegung der Kokabauern und Abgeordneter. An der Spitze der Partei MAS ("Bewegung zum Sozialismus") gewinnt er die Wahlen 2006 und wird Präsident.
Morales hat Bolivien in den vergangenen Jahren gegen alle inneren und äußeren Widerstände umgekrempelt. Rhetorik und politische Ziele mögen an Hugo Chavez in Venezuela erinnern. Doch Morales hat einen eigenen Politikstil, wie der Politologe Robert Lessmann herausarbeitet. Seine Stützen sind die Bauernvertreter, Basisorganisationen und sozialen Bewegungen. Morales baut das Land mit Volksabstimmungen um und stößt die Mächtigen der reichen Regionen im Tiefland vor den Kopf, die fast 200 Jahre lang die Pfründe untereinander aufgeteilt haben.
Bolivien ist zwar weiterhin das ärmste Land Südamerikas, doch die Regierung kann Erfolge vorzuweisen: Staatliche Programme haben dazu geführt, dass das Land nun als vollständig alphabetisiert gilt. Amtliche Papiere werden allen ausgestellt, die bisher keine besaßen und somit auch vom Staat nichts zu erwarten hatten.
Dass Morales trotz gelegentlicher verbaler Fehltritte auch internationalen Rückhalt hat, liegt zu einem guten Teil an seinem Vizepräsidenten Álvaro García Linera, dessen abenteuerliches Leben ein kleines Porträt umreißt. Lessmann kennt Bolivien nicht nur auffallend gut, es gelingt ihm auch, Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft spannend zu beschreiben und das Land so zu erklären. Einzig die vielen Ausrufezeichen stören empfindliche Leser und sind auch unnötig, weil die Fakten für sich sprechen.