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Literatur

12. September 2014

Declan Burke „Absolute Zero Cool“: Es ist doch alles nur Fiktion

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In Declan Burkes "Absolute Zero Cool" möchte Billy nicht mehr nur im Krankenhaus Hilfsjobs erledigen, er möchte das Krankenhaus in die Luft sprengen.  Foto: X00970

Kunstvolles Spiegelkabinett: Der Ire Declan Burke verunsichert den Leser in seinem neuen Kriminalroman „Absolute Zero Cool“ Leser gründlich.

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Einige Autoren des Genres Kriminalroman haben bereits versucht, den Leser in ein Spiegelkabinett zu schicken, aus dem er kaum herauszufinden vermag. Oder, um im Genre zu bleiben: Bei dem er nicht zu ermitteln vermag, was in der fiktiven Realität spielt und was in einer fiktiven Fantasiewelt.

Aber niemand hat seinen Lesern bisher zwischen den Spiegeln auch noch so kunstvoll den Teppich unter den Füßen weggezogen wie der Ire Declan Burke mit „Absolute Zero Cool“. Immer wenn man meint, sich irgendwo festhalten zu können, erweist sich auch diese Ebene nur als trügerischer Zwischenhalt. Und gleich kommt wieder alles ins Rutschen.

Das Buch

Declan Burke: Absolute Zero Cool. Kriminalroman. A. d. Engl. v. Robert Brack. Edition Nautilus 2014. 318 Seiten, 18 Euro.

Dabei fängt es relativ harmlos an: Zu einem namenlosen Schriftsteller (Declan Burke?) kommt ein Mann und behauptet, eine Figur aus einem seiner unvollendeten Manuskripte zu sein. Der Autor hält Karlsson, der jetzt Billy genannt werden will, zuerst für einen Schauspieler, einen cleveren Performer. Aber wie sollte der an das Manuskript gekommen sein? Dann lässt der Autor sich dazu überreden, mit Billy an dem Buch zu arbeiten, es umzuschreiben.

Billy möchte nicht mehr nur im Krankenhaus der Mann für Hilfsjobs sein, der gelegentlich alte Leute vorzeitig sterben lässt, er möchte das Krankenhaus in die Luft sprengen.

Er hat auch schon einen Plan. Und, welche Verlockung, er bietet dem Schriftsteller, der vor kurzem Vater geworden ist und Zeit mit seiner Tochter verbringen will, bald an, Teile des Buches selbst entsprechend umzuschreiben. Er drängt sich also gleichzeitig in die Fiktion der Fiktion und in die Realität der Fiktion.

Karlsson/Billy ist ein Psychopath, Strippenzieher, Menschenmanipulierer. Karlsson/Billy ist aber auch der Autor, oder vielmehr: verschmilzt immer mehr mit dem namenlosen Autor. Was also ist der Urheber einer psychopathischen Figur? Auch ein Psychopath? Wie weit wird er von seiner Figur übernommen? Was darf man ihm glauben? Sollte man ihm etwas glauben?

Karlsson gibt vor (Burke lässt Karlsson vorgeben), einen Vorgesetzten ermorden zu wollen. Karlsson (Burke) schreibt: „Was hätte ich denn davon, wenn mein Vorgesetzter stirbt?“ Karlsson (Burke) schreibt weiter: „Seid euch immer bewusst, dass Worte nur Werkzeuge sind. Lasst euch nicht einlullen von scheinbaren Mustern.“ – Als ob man in „Absolute Zero Cool“ den Hauch einer Chance hätte, sich einlullen zu lassen.

Der Roman – man kann sich wahrhaftig streiten, ob es sich um einen Kriminalroman handelt – benützt Versatzstücke des Genres und distanziert sich gleichzeitig von ihnen. Er diskutiert das Genre zwischen seinen beiden Hauptfiguren, die er dann aber so zusammenführt, dass es sich auch um ein Selbstgespräch handeln könnte (Declan Burke betreibt die Web-Seite „Crime always pays“).

Wobei eigentlich sowieso – nicht nur in diesem Roman – jedes fiktive Gespräch ein Selbstgespräch ist. Nur wird eben hier vom Autor dafür gesorgt, dass sein Leser das nicht vergisst (oder jedenfalls: nie für längere Zeit vergisst).

Declan Burke enthüllt die Text-Maschinerie – und zaubert aus ihr eine packende Fata Morgana nach der anderen hervor. Ständig wird man von ihm darauf aufmerksam gemacht, dass eine Fiktion nur eine Fiktion ist.

Aber was, möchte man wider alle Mahnung und Vernunft wissen, passiert zuletzt mit Rosie, dem asthmakranken Kind des Autors – stirbt sie, stirbt sie nicht?

Wer einen relativ herkömmlichen Kriminalroman sucht, wird ihn hier nicht finden. Um dieses Buch zu mögen, muss man sich gern mal gründlich verunsichern lassen wollen. Nur Mut.

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