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Literatur

29. Februar 2016

„Der Fall Meursault“: Eine Geschichte wird neu erzählt

 Von Reinhart Wustlich
In den Straßen des alten Algier.  Foto: AFP

„Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“: Der algerische Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud reagiert auf Albert Camus’ Roman „Der Fremde“.

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Als der algerische Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud am letzten Tag des Januar in „Le Monde“ die Kölner Silvesterexzesse unter dem provozierenden Titel „Cologne, lieu de fantasmes“ kommentierte, sollte er sich des Affronts bewusst gewesen sein, die eine Übersetzung des schillernden Begriffs wahlweise als „Ort der Sehnsüchte“, der „Hirngespinste“ oder „Wahnvorstellungen“ in sich trug.

Zwei Tage zuvor hatte das Magazin „Le Point“ seinen Beitrag „Le piège de la ‚colognisation‘“ gebracht, Die Falle der „Colognisierung“. Wer „Colognisierung“ über die alte Folie der Kolonisierung schreibt, zeigt ein verstörend dialektisches Gespür für die Aneignung einer weltweit als schockierend beschriebenen Situation aus der Sicht der „Anderen“. Eine Dialektik wie: „Diese Geschichte von Köln müsste aus der Sicht der ‚Anderen‘ neu geschrieben werden.“

Das Muster findet sich bereits in dem neuen, vielschichtigen Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ von Kamel Daoud. Dieser Tage ist er in der Übersetzung von Claus Josten auf Deutsch erschienen. „Diese Geschichte müsste neu geschrieben werden“, heißt es in der „Gegendarstellung“ – und gemeint ist Albert Camus’ Roman „Der Fremde“, „in der gleichen Sprache, aber diesmal, wie das Arabische, von rechts nach links. Das heißt, beginnend mit dem noch lebenden Körper, mit den Straßen, die ihn bis an sein Ende geleitet haben, dem Vornamen des Arabers, bis zu seinem Zusammentreffen mit der Kugel.“ Er habe, so Daouds Erzähler, Französisch auch deshalb gelernt, um diese Geschichte anstelle seines Bruders erzählen zu können, „der ein Freund der Sonne war“.

Die Geschichte der Perspektivumkehr ist die einer arabischen Aneignung des europäischen „Schlüsselwerks“ (Iris Radisch) des Existenzialismus. Die Aneignung des Zusammenpralls zweier Protagonisten, in dem die Herkünfte Camus’ aufeinandertreffen. Die eine, die an der Küste des Lichts südlich des Mediterranée beginnt. Und die andere, die nördlich des Mediterranée in der französischen Kultur verankert ist. Beide sind durch den Kolonialismus der 1940er Jahre so verklammert, wie wir gegenwärtig durch die Migrationsströme mit dem Süden verklammert werden.

Der in der „Gegendarstellung“ fast manische Erzähler holt die Vergangenheit des Getöteten in die Gegenwart. Die Straßen sind die des kolonialen Algier, die schließlich am Strand eines Außenbezirks der Bucht von Algier, am Rand eines Plateaus in der Nähe eines Strandhauses, ihr Ende finden. Zwei Menschen sterben dort bei einem angekündigt gewaltsamen Zusammenstoß: das gefühllose Ich des Protagonisten und die anonyme Figur des Analphabeten, dem Camus keinen Namen zugesteht. Und von dem „nicht einmal ein Leichnam“ auffindbar wird. Die Situation ist symbolträchtig bis in die heutige Zeit.

Kamel Daoud interpretiert den Kern des Konflikts dieses Werks des westlichen Kanons der Literatur als eigene Unabhängigkeitserklärung – lange Jahre nach dem Ende der Befreiung Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft. Und er interpretiert ihn gegen die eurozentrische Perspektive, gegen die westliche Lesart, indem er zunächst dem Opfer dessen Namen zurückgibt, Moussa, Moses. Er erweist ihm Respekt, lässt im Gegenzug das Ich von Camus’ Protagonisten anonym werden: „Ein Mann, der schreiben kann, tötet einen Araber, der an diesem Tag nicht einmal einen Namen hat – als wenn er ihn an einen Nagel gehängt und dort vergessen hätte, während er selbst die große Bühne betritt.“

Daouds Perspektive hebt die Anonymität des Arabers auf, macht ihn zum tragischen Gegenspieler, zeigt dessen Drama als Folge eines Mangels an Respekt, eines Mangels an Symmetrie, eines Ungleichgewichts von Macht und Menschlichkeit. Es kommt zu einer späten Auflehnung gegen das Schicksal des Bruders, „der ein armer Analphabet war, den Gott offenbar nur geschaffen hatte, damit er eine Kugel abbekommt und wieder zu Staub wird“. Damit kommt die lastende Spannung des religiösen Zwiespalts des Erzählers ins Spiel.

Kamel Daouds beeindruckender Roman ist vom Süden her geschrieben. Von anderen Voraussetzungen aus, von anderen religiösen Konditionierungen, anderen Vorstellungen von Gesellschaft, von Leben, von Liebe, von allem, was den Menschen des Südens ausmacht. Auch Daouds Erzähler steht für unterschiedliche Herkünfte. Deren koloniale formt er um, indem er sich der Sprache „des Mörders“ bemächtigt: „Es war seine Sprache. Deshalb werde ich es genauso halten, wie man es in diesem Land seit seiner Unabhängigkeit macht: Stein um Stein von den ehemaligen Häusern der Kolonialherren nehmen, um mein eigenes Haus daraus zu bauen, meine eigene Sprache zu formen. Die Worte des Mörders und seine Ausdrücke sind für mich wie herrenloses Gut.“

Die andere Herkunft ist „eine Art Reinkarnation“ des Bruders, die Rolle als Substitut für die untröstliche Mutter, die er nicht los wird: „Seltsam, ich wurde behandelt wie ein Toter und mein Bruder Moussa wie ein Lebender.“ Die Mutter hat ihm ihre Ängste übertragen, der Bruder seinen Leichnam. „Mein Körper wurde so zur Spur des Toten und schließlich gehorchte ich diesem stummen Befehl.“ Man kann das Fazit als postkoloniales Syndrom verstehen. „Mir wurden die gesunden Freuden meiner Jugend vorenthalten, das Erwachen der Sinne und die heimliche Erotik des Heranwachsenden. (...) Ich brauchte Jahre, bis ich mich mit meinem Körper und mit mir selbst wieder versöhnte.“

Die Absurdität seiner Existenz, ihm schmerzlich bewusst, erlebt er darin, „einen Leichnam einen Berg hinaufzuhieven, bevor er wieder von Neuem hinunterstürzt“, ein Sisyphos-Komplex. Im Roman führt der lastende Konflikt der Herkünfte dazu, dass der Erzähler, analog zu Camus’ Protagonisten, selbst zum Mörder wird, an einem Franzosen, der „das Pech“ hatte, „sich in dieser Sommernacht 1962 bei uns zu verstecken“. Für den Erzähler eine Katharsis: „Das Leben war mir endlich zurückgegeben, obwohl ich einen weiteren Leichnam mit mir herumschleppen musste.“

Mit den Thesen für „Le Monde“ und „Le Point“ projizierte Kamel Daoud den Konflikt des Romans auf die Ereignisse von Köln, um die „große sexuelle Misere“ in der arabisch-muselmanischen Welt zur Schubkraft für „Flucht und Attentat, Exil und Radikalismen“ zu erklären. Die heftigen Gegenreaktionen, etwa in „Le Monde“, in der eine Gruppe Historiker und Soziologen Daoud vorwarf, die Islamophobie zu schüren, dürften zu ahnen gewesen sein. Aber das ist eine andere Geschichte, die neu geschrieben werden müsste.

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