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Literatur

22. März 2016

„Der Herausgeber. Erinnerungen an Rudolf Augstein“: Die Träume eines Sonnenkönigs

 Von Wilhelm von Sternburg
Wie alles begann: Eine der ersten „Spiegel“-Redaktionskonferenzen 1947, in der Mitte (2. v. r.) sitzt Rudolf Augstein.  Foto: © epd-bild / Der Spiegel-Archiv

Schillernd und schüchtern: Seine ehemalige Büroleiterin Irma Nelles erinnert sich an „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein.

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Er ist längst eine Legende geworden. Als der Gründer und Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ im November 2002 stirbt, verneigen sich die politische Elite und die Großen der bundesdeutschen Medienwelt an seinem Sarg. Zwei Jahre vor seinem Tod haben ihn 100 namhafte Publizisten zum „Journalisten des Jahrhunderts“ gewählt.

Der in Hannover geborene Sohn eines bürgerlich-katholischen Kleinfabrikanten und einstigen Binger Weinhändlers hat nach dem Krieg, den er als Soldat in Russland mitgemacht hatte, einen schwindelerregenden Aufstieg erlebt. Sein von den britischen Besatzern lizensiertes Wochenmagazin ist nach der „Spiegel-Affäre“ 1962 zum vielleicht einflussreichsten Medienorgan der Westdeutschen geworden.

Legenden entwickeln im Laufe der Jahre ihre Eigendynamik. Es stimmt zweifellos, was Peter Merseburger in seiner fünf Jahre nach Augsteins Tod erschienenen großen Biografie festhält: „Wie kein anderer der schreibenden Zunft hat Rudolf Augstein den Deutschen nach dem Krieg seinen Stempel aufgedrückt.“ Unter Augsteins Leitung wird „Der Spiegel“ zum schärfsten publizistischen Antipoden der Adenauer-Regierungen. Ohne ihn hätte die Karriere des Franz Joseph Strauß wohl erst im Bonner Kanzleramt ihr Ende gefunden.

Die „Spiegel-Affäre“, die Augstein einige Monate als Gefängnisinsassen sieht, wird im Kampf für die Pressefreiheit zum Signal des Aufbruchs einer jungen Generation, die in den Jahren konservativer Restaurationstendenzen beginnt, sich gegen die Etablierung einer autoritären Demokratie zu wehren.

Dabei gab es in den ersten fünf Jahrzehnten der Bundesrepublik brillantere Schreiber und Publizisten als Augstein. Seine über Jahrzehnte unter dem Pseudonym Jens Daniel veröffentlichten Kolumnen bestechen durch ihre konsequente Antihaltung und ihren aufklärerischen Impetus, aber sie zeigen auch einen Publizisten, der sich nur all zu gerne als Praeceptor Germaniae zur Wort meldet, eines Journalisten, der Politik machen will und damit eine bedenkliche Grenzüberschreitung unternimmt.

Seine „Spiegel“-Titelgeschichten, seine Bücher über Friedrich den Großen oder Jesus zeigen manche Schwäche eines begabten und intelligenten Dilettanten, der davon träumt, in den Rollen zu glänzen, die er so gerne spielen wollte: den Karl Kraus und den Bismarck möchte er geben, den Theodor Mommsen und den Karl Rahner.

Irrlichternde, oft tief verletzende Thesen

Ein Günstling der Götter? Seine Magazin-Gründung macht ihn zum vielfachen Millionär und sie führt ihn an den Tisch der Mächtigen seiner Zeit. Er hat Häuser in Hamburg und auf Sylt, in St. Tropez und in der Schweiz. Er kann über lange Jahre hinweg wie ein Oligarch über sein Magazin herrschen und es zum Forum seiner aufgeklärten, von nationalem Pathos nicht freien, gelegentlich sehr irrlichternden, oft tief verletzenden Thesen und Gedanken machen. Kanzler und Minister fürchten, viele Kollegen beneiden und viele Frauen lieben ihn.

Und doch zahlt dieser begabte Realist und misstrauische Menschenbetrachter einen hohen Preis: Er bleibt ein Zyniker, der wohl nicht zu tieferen Freundschaften fähig ist, der mehrere gescheiterte Ehen durchlebt und der nach den großen Gründer- und Aufbaujahren – die „Spiegel“-Auflage überschreitet schließlich die Millionengrenze – auch im eigenen Blatt vereinsamt.

Er strandet kläglich beim Versuch, den Spuren der von ihm so tief bewunderten großen Staatsmänner der Geschichte zu folgen und sich im Bonner Parlament zu etablieren. Er bereut später, dass er „sein“ Magazin zu 50 Prozent den Mitarbeitern übereignet und so die Gründung einer Augstein-Verlegerdynastie verhindert hat. Er wird zum schlaftablettensüchtigen Alkoholiker.

Ein bedeutender Blattgründer und zeitweise auch Blattmacher ist Augstein, ein leidenschaftlicher Leser und hart arbeitender Intellektueller, ein großzügiger Förderer der Künste und in Not geratener Menschen – weise aber ist er nicht. In ihrem sehr persönlichen Erinnerungsbuch über die späteren Jahre des „Herausgebers“ malt seine langjährige Büroleiterin Irma Nelles, „die sich selbst mal als Krankenschwester, mal Mitautorin, mal Psychotherapeuten-Ersatz bezeichnet“ (Peter Merseburger), ein teilweise witziges, aber vor allem auch erschütterndes Bild dieses Erfolgsmenschen, dem sie und andere „genialische“ Züge zugestehen.

Augstein der Erotomane, Augstein der klein gewachsene, schüchterne Intellektuelle, Augstein, der „vielleicht lieber als Geisteswissenschaftler, als Historiker womöglich, Erfolge gefeiert (hätte), oder vielleicht als Schriftsteller“, Augstein, den die Jahre als Soldat und die Verbrechen der Deutschen in den Hitlerjahren nie losgelassen haben, Augstein als Gesprächspartner von Kanzlern und Philosophen – es ist eine schillernde, egomanische Figur die dem Leser hier begegnet.

Das Buch

Irma Nelles: Der Herausgeber. Erinnerungen an Rudolf Augstein. Aufbau-Verlag, Berlin 2016. 320 Seiten, 22,95 Euro.

Aber Irma Nelles hat kein Klatschbuch geschrieben, sondern ein mit viel Sympathie und Verständnis gezeichnetes Psychogramm. Sie erzählt von einem zerrissenen Menschen, der seinen Standort jenseits der Selbstgewissheit eines erfolgreichen Magazin-Gründers nie gefunden hat. Erschreckend die Szenen, wenn der Reiche und Erfolgreiche Menschen, die von ihm abhängig sind oder die Nähe eines Mächtigen suchen, miss- und verbraucht, sie bestellt und abserviert wie ein Sonnenkönig. Bewundernswert sein Witz, von dem Irma Nelles zu berichten weiß, seine immer wieder aufflackernde Lust am Leben, seine Neugier, sein Mut, die Wahrheit zu schreiben, wenn er glaubt, sie gefunden zu haben. Bedrückend seine Ängste und peinlichen Auftritte, erschütternd sein Augenleiden, das ihm in den letzten Lebensjahren das Lesen unmöglich macht.

Nelles erzählt von Begegnungen mit einem eitlen Lebensspieler und in Machtkämpfen skrupellosen Machiavelli, einem streitbaren Demokraten und kleinlichen Übelnehmer. Auf dem Schutzumschlag zitiert der Verlag den Schriftsteller Martin Walser mit dem Satz: „Er war ein toller Kerl.“

Irma Nelles schreibt über den schon vom Tode gezeichneten 78-jährigen Augstein erheblich bescheidener: „Zum Vorschein kam ein heiterer, in sich gekehrter scheuer Mann, den nur jene kannten, die er in seltenen Momenten näher an sich herangelassen hat.“

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