Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

15. März 2016

„Der Überläufer“: Mord ist Mord, Tote bleiben tot

 Von 
Die Natur hilft den Soldaten nicht.  Foto: rtr

Das Manuskript zum Kriegsroman „Der Überläufer“ des jungen Siegfried Lenz war 1951 noch abgelehnt worden. Ein Buch über die Schuld der Deutschen war dem Verlag seinerzeit zu riskant.

Drucken per Mail

Das Nachwort liest sich wie ein weiterer Roman, mit einem sehr höflichen Helden und einem sich kringelnden Jedermann. Der sich kringelnde Jedermann ist der Germanist Otto Görner, vom Verlag Hoffmann und Campe zum Betreuer eines Romans bestellt, der ihn erst beeindruckt und dann Angst macht. In einem Brief arbeitet er sich zum Kern vor. „(…) der Roman müsste tatsächlich den Titel ,Der Überläufer‘ tragen – und das wäre unmöglich. Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein.“ Heute ist: 1951. Das vertraute Intellektuellengemisch aus Übersicht (Ich weiß Bescheid) und Resignation (Aber der Mensch ist dumm, da ist nichts zu machen) flankiert Görner mit vorbeugenden Maßnahmen, falls es zum Konflikt kommen sollte: Der Autor habe sich nicht an Bitten um Umarbeitungen gehalten, Vorschläge gar ignoriert etc. Er wolle nicht schulmeisterlich sein, schreibt der Schulmeister.

Darauf zieht der Schriftsteller, Mitte zwanzig, das Buch in einem wohlgesetzten, weisen Brief zurück. Er lässt nicht unerwähnt, dass Görners Schreiben sich als „unwillentliche Kränkung“ des Autors verstehen lassen könne. Auf die „Unmöglichkeit“ geht er nicht ein. Den Verlag wechselt er ebenfalls nicht. Das Manuskript gerät in Vergessenheit, was die kommenden großen Erfolge umso leichter machen.

Das Buch

Siegried Lenz: Der Überläufer. Roman.

Hoffmann und Campe, Hamburg 2016. 368 Seiten, 25 Euro.

An sie kann der jetzt unter dem also genau richtigen Titel „Der Überläufer“ aus dem Nachlass erschienene zweite Roman des 2014 gestorbenen Schriftstellers Siegfried Lenz derart anknüpfen, dass in diesen Tagen noch einmal, ein letztes Mal ein neuer Lenz die Bestsellerlisten stürmt. Erschreckend die Kluft zwischen den zarten, manchmal ein wenig hilflosen Pflänzchen des Spätwerks und diesem entschlossenen und treffsicheren Wurf. Unverschämt, den Autor eines solchen Buches von der handwerklichen Seite aus verunsichern zu wollen.

„Der Überläufer“ ist ein disparates Buch, es muss so sein, aus einer disparaten Zeit. Erzählt wird aus Sicht eines Mannes namens Proska in einer großen Rückblende. Sie führt in die Spätphase des Zweiten Weltkriegs im Osten. Proska gerät in ein Zugattentat, das er als Einziger der deutschen Soldaten überlebt. Er stößt zu einer winzigen Einheit auf verlorenem Posten. Soeben wurde wieder einer von Partisanen erschossen, so dass ein Bett frei ist. Bald erfährt Proska, was der Unteroffizier noch nicht weiß: Die anderen deutschen Einheiten der Umgebung haben sich bereits nach Westen aufgemacht.

Überall lauern Partisanenkämpfer, man meidet oder beschießt sich halb entschlossen. Die Deutschen, ein bunter, nicht besonders militant wirkender Haufen, wundern sich letztlich selbst, dass sie noch leben. Als ein junger Soldat einen Menschen getötet hat, erschreckt er sich so, dass er sich von Proska gerne belügen lässt. Es sei gewiss ein Bär gewesen.

Den einen fällt das Morden schwer, den anderen nicht. Der Unteroffizier ist ein Simpel, Lump und Sadist. Als Proska das zerrissene Gesicht eines Toten mit einem Taschentuch bedeckt, interessiert ihn bloß, ob es sich um Eigentum der Wehrmacht handelt (das wirkt auch furchtbar komisch, wie es bei Unangemessenheit häufig ist). Dass er einen Zivilisten erst schikaniert, dann laufen lässt, dann in den Rücken schießt, finden die Soldaten übel, aber überrascht sind sie nicht. Wehrmachtsverbrechen an der Ostfront gehören im Roman – anders als in der jungen Bundesrepublik – noch zu den Unleugbarkeiten. Die leise Panik des Lektors ist an dieser Stelle fast verständlicher (und kritikwürdiger) als mit Blick auf den zweiten Teil.

Denn Proska und seine teils schlichten, teils gebildeten Mitsoldaten – mit Geschick und Ökonomie individuell skizziert – hadern durchaus mit der Situation. Das „Pflichtserum“ des „Wir müssen aushalten“ sitzt tief und nervt, die Sinnfrage wird auf nächtlicher Wache direkt gestellt. „Was ist Deutschland? Wer ist das?“, fragt Proska. „Richtig“, sagt der andere, „wer ist Deutschland, von dem sie uns die Ohren vollblasen?“ Und: „Neben der Freiheit lobe ich mir die Skepsis.“ Dass es außer Gefangenschaft und Tod noch eine weitere Möglichkeit geben könnte, wird beredet, aber nicht konkretisiert. Tatsächlich ist es erst die Gefangennahme, die Proska dazu bringt, überzulaufen. „Sobald ihr besiegt seid, wollt ihr Brüder sein. Das kennen wir.“

Gut und böse sind hier einerseits klar unterscheidbare Positionen. „Über die Wahrheit kann man streiten, Wanda, auch über den Tod, (…) aber das Böse ist eben böse und kann nichts anderes sein“, erklärt Proska dem Mädchen, das er schon im Zug kennengelernt hat und bei den Partisanen wiedertrifft. Andererseits ist der Einzelne ein Spielball der Umstände, ohne dadurch entschuldigt zu sein. Böse ist „die Klicke“ (die Naziführung), böse ist der Unteroffizier. Aber ein Mord bleibt immer ein Mord, ein Toter bleibt immer tot.

Ein bisschen naiv, aber damit auch mitreißend unmittelbar erzählt Lenz von Anfang an auch auf Proskas persönliche Schuld hin. Tückisch hat der Autor das eine oder andere Mal zu Proskas Schwager rübergeschwenkt, der nicht fern auf einem Bauernhof sitzt. Ihn wird Proska erschießen, eine tragische Verkettung, nicht wiedergutzumachen. Der Eingangssatz „Niemand öffnete die Tür“ spricht davon, die Soldaten sprechen ständig davon. „Bleiben wir noch so lange hier?“ – „Wir werden immer hierbleiben, Baffi.“

Das Erbärmliche und das Große liegen dicht beieinander, auch sprachlich. Pathos wird durch Skepsis (auch Lenz lobt sie sich) mehr als wettgemacht, und durch einen nicht landserhaften, sondern lapidaren Ton. „Krieg is Iberraschung“, sagt der sympathische ostpreußische „Lange“. Auch ist ein Autor in Experimentstimmung, es gibt Überraschungen in der Erzählperspektive, die nicht nur für Momente wechselt, sondern auch unterschiedliche Entfernungen zum Geschehen einnimmt. Dazu reizvolle Versuche, den Gleichmut der Natur und des außenstehenden Betrachters mit der Verzweiflung der Leute kontrastreich zu verbinden. „Mit unschuldig-sinnlichem Gesicht sah die Wildnis den Männern zu, die man, wenn man sie aus guter Entfernung beobachtet hätte, nicht als schnaufende, stöhnende, halbverzweifelte Lebewesen bezeichnet haben würde; denn sie waren von weitem jenen Leuten ähnlich, die man zuweilen auf den städtischen Marktplätzen alter Stiche findet, wo sie sich heiter, zwecklos und ziellos und ohne jede Schwerkraft bewegen.“

In der Jetztzeit des Romans, begreift man, will Proska seiner Schwester, die noch immer ihren Mann sucht, endlich die Wahrheit schreiben. Schon die Schwierigkeiten, beim alten Nachbarn – tief beschädigt auch er, der einen Krieg vorher einem Mann in die Augen gesehen hat, bevor er ihn erschoss – eine gültige Briefmarke zu beschaffen, gleicht einem kafkaesken Hindernistraining. „Der Überläufer“ müsste eine berühmte, viel interpretierte Figur der neuen deutschen Literatur sein. Deren Wirkung darf man nicht überschätzen. Aber es ist unwiderstehlich, sich das Erscheinen des Buches mitten ins schon wieder recht zufriedene Jahr 1952 hinein vorzustellen.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige