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Literatur

09. April 2014

„Deutschland von Sinnen“ Akif Pirinçci: Der Hassbürger

 Von 
Akif Pirincci in einer Aufnahme aus dem Jahr 2002.  Foto: imago stock&people

Akif Pirinçci baut sich in seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ als Hassbürger auf. Das Werk ist ein Verkaufsschlager. Dabei ist es bloß Unfug. An den besseren Stellen weiß man nicht genau, ob das Ganze nicht doch Satire ist.

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Was für eine Fahrt! Dieses Buch ist wie ein Trip mit einem cholerischen Taxifahrer. Er kann gar nicht anders, er muss reden, er muss sie loswerden, seine Sicht auf das verdammte Land, durch das er täglich hindurch kutschiert. An dessen Spitze „beamtete Breitärsche mit Kurfürstenprivilegien und sonstige Heinis, die irgendeinen sozialpädagogischen Scheiß labern“. Nichtskönner allesamt: „Der Staat kann sich nicht mal selber den Arsch abwischen ohne mein Geld“! Das Volk sagt zu allem Ja und Amen, vernebelt von „Journalistenheinis mit Toleranzfurz im Kopf“.

Nur das Normale, das erfährt keine Toleranz mehr: „Die Kindersexpartei Die Grünen stilisiert die Vergewaltigung in der Ehe zu einem Phänomen epidemischen Ausmaßes hoch, wo doch jeder Depp weiß, dass gerade Eheleute schon nach zwei Jahren Ehe geradezu nach einer Vergewaltigung betteln, weil im Bett nur noch tote Hose herrscht.“ Überall nur Vollpfosten und Totalversager. Beispiel Dosenpfand....

Nur keine Umwege

Lange Umwege fährt der Taxifahrer, aber nicht, um einen zu betrügen, sondern um noch schnell seine Ansicht über untreue Frauen loszuwerden, über die Justiz und die Drogendealer: „Erzähl doch mal dem Ordnungsamt, dass es etwas gegen die (...) schwarzen Drogendealer unternehmen soll. Vielleicht hast Du Glück. Da bekommst Du nur eine Geldstrafe wegen Rassismus.“

Begleitet von Gehupe, Gefluche und gewagten Überholmanövern geht es immer weiter: „Der Staat soll sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern“, zum Beispiel „richtig geile Uniformen für Politessen.“ Fünf Prozent Steuern, egal wie viel einer verdient – und uns allen ginge es besser. Undsoweiter. Der weise Fahrgast schweigt. Ohren zu und durch. Wer hier nur einmal widerspricht, riskiert, dass der Mann vor Wut einen Unfall baut.

Wer möchte freiwillig mit einem solchen Kutscher mitfahren? Wohl kaum jemand. Umso eigenartiger ist, dass sich Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“, dem diese Zitate entnommen sind, verkauft wie warme Semmeln. Vielleicht liegt es daran, dass man dem Mann, anders als einem Taxifahrer, einfach entkommen kann, indem man sein Werk zuklappt. Das macht die Sache genussfähiger. In den Buchläden ist das erst vor zehn Tagen erschienene Werk kaum noch zu haben.

Eine Frau hält ihre Staatsbürgerurkunde.  Foto: Reuters

Bei Amazon steht es unter den E-Book-Bestsellern auf Platz 26, in der Sparte Politik und Geschichte gar auf Rang zwei. Das Feuilleton der „Zeit“ widmete dem Buch einen erschrockenen Aufmacher. Der kleine Verlag Manuscriptum müht sich derzeit mit der nächsten Auflage ab. Manuscriptum gehört Thomas Hoof, dem Gründer von Manufactum, das unter dem Motto „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ schickes Altmodisches herausbringt.

Retro ist auch Akif Pirinçcis Buch, aber nicht schick. An den besseren Stellen weiß man nicht genau, ob das Ganze nicht doch Satire ist, so sehr ähnelt es dem Ekel Alfred aus Wolfgang Menges 70er-Jahre-Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“. Und genau dahin will Ekel Akif zurück.

Der 1969 mit seinen Eltern aus der Türkei in die Eifel eingewanderte Autor, bekannt geworden mit Krimis, in denen eine Katze die Hauptrolle spielt, liebt das Deutschland der 70er Jahre, in denen seine Eltern es als „unfassbares Geschenk empfanden, dass Deutschland uns aufnahm.“ Anders als die heutigen Einwanderer mit ihrem Identitätsgetue wären seine Eltern niemals „auf die Idee gekommen, ihrem deutschen Umfeld mit ihrer Religion auf den Sack zu gehen.“

Das immerhin ist mal ein witziger Satz in dem Pamphlet, das gegen den „irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ anpredigt, so wie es der Untertitel verheißt. Witzig sind auch die Ausführungen zu der These, der Islam sei ein einziger Versuch der Männer, die sexuelle Wahl der Frau einzuschränken – zu seinem Schaden, denn ohne die sexuelle Auswahl der Sexualpartner durch die Frau degeneriere jedes Volk. Der Witz allerdings verliert sich schnell im ordinären Hass.

Einem Choleriker beizuwohnen ist doch eher unangenehm: „Und jetzt noch mal zum Mitschreiben, Ihr Relativierer ...“ krakeelt es darin herum, oder: „Merkt’s Euch, Ihr Homos... “ Man kann sich leicht einbilden, das Buch schwitze vor Wut. „Es schreit mir aus der Seele“, schreibt ein begeisterter Amazon-Kritiker. Ein „Muss für jeden Deutschen“, urteilt ein anderer.

Aber warum? Um einen Unfug zu lesen, wie den, dass die reichsten Menschen in Deutschland Bauern sind? Und der Slogan „Produkte aus der Region“ verlogen? „So verlogen, wie wenn ich im Puff darauf bestehe, ausschließlich Nutten aus der Region zu ficken und auf keinen Fall ukrainische, weil die untenrum mit mir nicht kompatibel sind.“ Das Problem scheint doch eher obenrum zu bestehen.

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