Mit Dietmar Dath ist das so eine Sache. Vor fast zehn Jahren hatte ich lange mit einer Schriftstellerin gesprochen, weil ich sie porträtieren sollte. Das Gespräch war zäh, was auch an mir vielleicht gelegen hat. Plötzlich jedenfalls fragte sie: "Findest du nicht auch, dass Dietmar Dath völlig überschätzt wird?" Ich konnte dazu nichts sagen, weil ich damals kein einziges Buch des fleißigen Schriftstellers kannte; die Formulierung kam mir aber ganz blöd vor aus dem Mund einer noch nicht einmal dreißigjährigen Autorin, und aus dem Porträt war dann doch nichts mehr geworden.
Vor drei Jahren habe ich dann den im Verbrecher-Verlag erschienenen Roman "Photonen" versucht - und war nach fünfzig Seiten stecken geblieben. Und nun, als ich doch mit größerer Anteilnahme dabei war, Daths neuen Roman "Die Abschaffung der Arten" zu lesen, stolperte ich über eine Kritik in der "Märkischen Oder Zeitung". Die Überschrift war tatsächlich "Dietmar Dath wird völlig überschätzt"! Der Text stammte aber nicht von der Schriftstellerin, die ich damals nicht porträtiert hatte...
Obgleich ich das Urteil nicht teile, "Die Abschaffung der Arten" sehr gerne gelesen habe, war ich ganz begeistert über die wütende Lust, mit der der Kritiker das Buch und seinen Autor niedermachte: Der ambitionierte 560-seitige Zukunftsroman sei Gedöns", "Geschwafel", ein "Mumpitz" das "dröge Skript zu einem neuen Batmanfilm, nur wesentlich wirrer", "garniert mit Horroreffekten der billigen Art" und Dietmar Dath: ein "Rosstäuscher", "einer der wirrköpfigsten Künstler der jüngeren Generation", Kommunist auch noch, der sich im Abspann seines Buchs bei der Pressesprecherin der Linken bedankt, wie wiederum aus einem Interview in der Welt zu erfahren war. Am besten gefiel mir ein Satz in einer sympathisierenden Online-Rezension: "Es bedarf sehr großer Konzentration, sich in Daths Vorstellungswelt zurecht zu finden, zumal vieles aus seinem Unterbewusstsein zu strömen scheint."
Einwände, vorweggenommen
Dietmar Dath ist also unabhängig von seiner politischen Position durchaus umstritten. Den einen gilt er als Schwafler, Angeber, Poser, den anderen als Wunderkind und großer Gegenwartsautor. Wichtig ist aber: In seinem neuen Roman werden die Einwände, die man dagegen haben kann, selber in unterschiedlichen Stimmen zitiert (die Literatur ist ja eine Welt, die Beobachter ihrer selbst enthält); es gibt neben all dem ja nicht nur geschichtstheoretischem, sondern auch dialogforscherischem Pathos (zwischen Gerüchen am Anfang und der Musik am Ende als Kommunikationsmittel und Aufzeichnungssystem) immer auch eine selbstironische, dekonstruktivistische Ebene, und manchmal kommen auch wahnsinnig komische Absätze vorbei. Ganz am Ende, in einem kurzen Rückblick auf die letzten Herrschertage der Menschheit, "das Zeitalter der Langeweile", als man fast erleichtert ist, endlich wieder ganzen Menschen zu begegnen, heißt es: "Die Halle war plötzlich ein einziger Grusel: Dem Kind da hing Rotz aus der Nase, die Luft roch nach toten Maden, zwei Männer, die Besteck verkauften, waren ganz sicher Mörder, die Teenager lachten verdorben, das Zugpersonal wählte Hitler."
"Science-Fiction ist das Genre, in dem das 20. Jahrhundert die politischen und wissenschaftlichen Fragen der Epoche - die eben auch die zwei vorherigen Jahrhunderte umfasst - auf populäre Weise als ästhetische behandeln gelernt hat. Das mag ich, das versuche ich auch, bloß weniger populär", sagte Dath einmal. Das Genre der Science-Fiction ist recht vielfältig; es gibt die epischen und actionbetonten Abenteuererzählungen in bunt gemalten, fernen, eindeutig fremden fantastischen Welten und konzentriertere Geschichten, bei denen man erst nach einer Weile des Lesens merkt, dass man sich eigentlich schon ganz woanders befindet, wie etwa in dem wunderschönen, todtraurigen Gentechnik-Roman "Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro.
"Die Abschaffung der Arten" hat von beidem etwas. Es ist eine epische Geschichte, die tausende von Jahren umfasst und 500 Jahre nach unserer Zeit beginnt. Wie gesagt: Die Zeit der Menschen, "das Zeitalter der Langeweile" ist längst vorbei. Die übriggebliebenen Menschen leben in Ghettos, ganz am Rande; Mischwesen beherrschen die Welt. Die ewigen Verbote: das Inzestverbot, das Sodomieverbot sind aufgehoben und haben in dieser Welt, in der die Trennung der Arten aufgehoben ist, in der es soviele Einzelwesen wie Arten gibt, keinen Sinn mehr.
Die Mischwesen verständigen sich durch Gerüche, teils auch telepathisch; das Gesellschaftssystem ist eine Art Monarchie; an der Spitze steht ein "Löwe". Am Rande zieht ein neues Zeitalter auf; ein feministischer Supercomputer beendet das goldene Zeitalter der "Gente", die auf den Mond ziehen. Zwei Wesen, Bruder und Schwester, kehren zurück, auf der Suche nach der Wahrheit. Im Ende findet sich der Anfang wieder und dazwischen: ausführliche geschichtsphilosophische, ästhetische Erörterungen; reden Muschikätzchen in Anagrammen; die Frage wird erörtert, ob die Welt nicht überhaupt anagrammatisch strukturiert sei, "Wesen sind aus anderen Wesen zusammengesetzt (...) nicht menschlich, nicht maschinell, aber im Besitz von Sprache"; die rote Eidechse, ein wichtiger Held gegen Ende des Romans, ist erst Mädchen, dann Frau, dann Mann, dann Junge und außerdem "ein Palast der Erinnerung der vielen, aus denen sie zusammengesetzt ist." Es gibt Weltenbrände, Feldzüge zur Wiedereroberung der Geschichte, kühn entworfene Architekturen, wunderbare Landschaften, politisch-historische Lehrerzählungen und die Suche nach dem Gral so am Rande.
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