Literatur

07. Januar 2013

„Die französische Kunst des Krieges“: Foltern und Morden gehören dazu

 Von Jörg Aufenanger
Französische Fremdenlegionäre nahe Algier, 13. April 1956. Foto: AFP

Alexis Jennis preisgekrönter Debütroman über „Die französische Kunst des Krieges“ fängt mit unnötig intimen Details des Ich-Erzählers an, nimmt dann aber Fahrt auf.

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Alexis Jennis preisgekrönter Debütroman über „Die französische Kunst des Krieges“ fängt mit unnötig intimen Details des Ich-Erzählers an, nimmt dann aber Fahrt auf.

So genau wollen wir es eigentlich nicht wissen, was uns der Ich-Erzähler, hinter dem man den Autor des Romans vermuten darf, an intimen Details aus seinem Liebesleben anfangs mitteilt, und schon ist man geneigt, das Buch für immer zuzuklappen. Es ist inzwischen bei vielen französischen Autoren zu einer Marotte geworden, sich selbst vor die Geschichte zu stellen, die sie erzählen.

Doch sobald Alexis Jenni ihr vertraut, nimmt der Roman Fahrt auf. Das unbenannte Ich erblickt eines Abends im Fernsehen, als er mit einer Frau im Bett liegt, Bilder von französischen Soldaten, die in den Golfkrieg von 1991 ziehen. Von da ändert sich nach und nach sein Leben, er geht nicht mehr zur Arbeit, gibt schließlich Haus und Frau auf, hängt in einem Bistro rum, lernt dort einen Veteranen der französischen Kriege kennen.

Victor Salagnon hat in der Resistance gegen die Deutschen, sodann in den Kolonialkriegen von Indochina und Algerien gegen die Unabhängigkeitsbewegungen gekämpft. Und er hat seit seiner Jugend das, was er erlebt und nicht in Worte fassen kann, gezeichnet. Die beiden schließen einen Pakt. Wenn Salagnon ihm das Zeichnen beibringt, ist das namenlose Ich bereit, dessen Leben in Worten aufzuzeichnen. Und daraus ist der Roman geworden, den wir nun lesen, eine durchaus raffinierte Konstruktion.

Unterbrochen wird der „Roman“ nach jedem Kapitel durch „Kommentare“, in denen der Autor von seinen eigenen Befindlichkeiten und von den Ereignissen in der Lyoner Banlieue berichtet, in der Salagnon lebt. Denn auch dort herrscht Krieg, ein heutiger französischer Krieg, den die perspektivlosen, vor allem arabischen Jugendlichen mit der Polizei und gegen die „weißen“ Bewohner austragen.

Früh den Tod vor Augen

Zwanzig Jahre lang, von 1942 bis 1962, ist Salagnon im Krieg gewesen. Begonnen hatte alles in dem Augenblick, als die Wehrmacht vor der Tür seines Elternhauses stand, woraufhin er sich der Resistance anschloss. Früh trat ihm so der Tod vor Augen, als er erlebte, wie die Deutschen Folter und Vernichtung betrieben. Als Salagnon dann weniger aus Überzeugung als aus Orientierungslosigkeit mit der französischen Armee den Krieg nach Indochina bringt, um die Kommunisten zu bekämpfen, übt er sich in das Handwerk des Tötens ein, steht nun auf der Seite der Täter, wie auch später in Algerien. Die Lektion der Deutschen ist angenommen, wie sie brennt man Dörfer nieder, massakriert deren Bewohner.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Luchterhand-Verlag München 2012. 766 S. 24,99 Euro.

Gefragt, ob er auch gefoltert habe, antwortet Salagnon seinem Skribenten, sie hätten es alle an Menschlichkeit fehlen lassen. Doch ist der Mensch einmal in den Krieg gezogen, dann könne er nicht anders als foltern und morden. Das sei ein inneres Gesetz. Und das ist nicht nur die französische, aber die eben auch, Kunst des Krieges, gestern und heute, denn Gewalt und die Lust an ihr seien immer und überall am Werke.

Davon erzählt Salagnon in einer Mischung aus Horror vor sich selbst und Scham, und durch ihn hindurch der Ich-Erzähler. Der bezieht sich in seinen Kommentaren, die bisweilen jedoch geschwätzig und räsonierend sind, auf Homers „Ilias“. Wie schon Mathias Énard in seinem großartigen Roman „Die Zone“ von den Kriegen der Mittelmeerzone in den 1990er-Jahren ebenfalls einen Bogen zum antiken Mythos spannt, tut das auch Jenni in diesem, seinen ersten Roman – wenn auch wesentlich weniger eindringlich als Énard. Doch immerhin hat Jenni für sein Debüt den begehrtesten Literaturpreis Frankreichs erhalten, den Prix Goncourt.

Nichts ändert sich

Was die gegenwärtige französische Literatur bei aller bisweilen nervenden Selbstgefälligkeit der Autoren häufig auszeichnet, ist, dass sie sich intensiv mit dem Jahrhundert der Kriege befasst, in das diese hineingeboren sind, und damit Fragen an die gerade noch miterlebte Vergangenheit und die eigene Gegenwart stellen. „Die Kunst des Krieges ändert sich nicht“ ist das bittere Fazit des Alexis Jenni, auch wenn dessen Methoden moderner, technischer geworden sein mögen. „Man schickt junge Leute in gepanzerten Kolonnen los, um Sperrgebiete unter Kontrolle zu bringen. Wie damals.“

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