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Literatur

08. Februar 2016

„Die seltsamsten Orte der Welt“: Und eine Wüste, die keiner will

 Von 
Im Norden Manilas hausen Menschen auf Gräbern.  Foto: REUTERS

Niemandsländer, Enklaven, verlorengegangene, versteckte, abseitige, umstrittene, nicht umstrittene Stellen der Welt: Der Brite Alastair Bonnett sucht und denkt nach über „Die seltsamsten Orte der Welt“. Ein Buch voller Überraschungen.

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Superlative sind heikle Behauptungen, aber der Brite Alastair Bonnett hat für seinen Band „Die seltsamsten Orte der Welt“ eine so wilde, so erstaunliche Mischung zusammengetragen, dass allemal ein paar unplausible Kandidaten darunter sein dürfen (und das sind sie, dazu unten mehr). Bonnett ist Professor für Sozialgeographie in Newcastle, offenbar widmet er große Teile seiner Lebenszeit der (Google-)Suche nach den merkwürdigsten menschengeschaffenen Plätzen, Landschaften, Weltgegenden, Siedlungen, Grabungen – und sogar Müllhalden.

Denn menschengeschaffen sind diese Orte selbst dann, gerade dann, wenn es sie gar nicht gibt, wie zum Beispiel Sandy Island: Als im Jahr 2012 ein australisches Forschungsschiff endlich mal nach der auf vielen Karten verzeichneten Insel schauen wollte (mehr als 1000 Kilometer östlich von Queensland sollte sie liegen), war dort weit und breit nur Wasser. Von da an ging es dem imaginären Sandy Island an den Kragen. Plötzlich wurde es von Karten getilgt, auf denen es sich für lange Zeit wie selbstverständlich festgesetzt hatte; vermutlich hatten Kartografen die Insel wieder und wieder mitübertragen. Bonnett findet den Verlust durchaus ein bisschen schade.

„Die seltsamsten Orte der Welt“ also, darunter Niemandsländer, Enklaven, verlorengegangene, versteckte, abseitige, umstrittene, nicht umstrittene Orte.

Umstrittene Orte kommen in die Schlagzeilen

Die umstrittenen sind sowieso in den Schlagzeilen, besonders, wenn blutig Krieg geführt wird um sie. Von ihnen ist in Bonnetts Buch nur die Rede, wenn der Mensch sie so ruiniert hat, dass sie zur Geisterstadt werden. Beispielhaft erzählt der Wissenschaftler von Agdam, seiner Recherche nach „die größte Geisterstadt auf dieser Welt“. Im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um Nagorny Karabach wurde das einst prosperierende Agdam so zerbombt, dass die zuvor von 50 000 Menschen bewohnte Stadt heute leer steht. Der Fußballklub immerhin ist in Baku untergekommen und spielt als Qarabag Agdam in der ersten Liga.

Agdam ist zu einem Ort geworden, den offenbar einfach niemand mehr wiederaufbauen will. Bonnett hat aber auch ein Stück Land gefunden, das keiner haben möchte: Bir Tawil, „eine rund zweitausend Quadratkilometer große, trapezförmige Felsenwüste zwischen Sudan und Ägypten“. Wie bei fast allen Orten des Buches ist seine Geschichte entscheidend für seinen seltsamen Status: Weil ein anderes, attraktiveres Stück Land vom Sudan und von Ägypten beansprucht wird, wollen beide Bir Tawil im Wortsinn aus-grenzen: Eine Festlegung an der einen Stelle würde eine Festlegung an der anderen nach sich ziehen.

Aber reicht der politische Status als Niemandsland schon, zweitausend Quadratkilometer Wüste in eine Reihe mit wirklich außergewöhnlichen Orten zu stellen? Denn Alastair Bonnett erzählt auch von im Zusammenhang seines Buches einleuchtenderen Kuriosi- und Raritäten.

Von den unterirdischen Städten von Kappadokien etwa: „In den oberene Etagen gab es Wohnviertel ebenso wie Wein- und Ölpressen, Stallungen und Lebensmittelkammern.“ Und auch mal Platz für geschätzte 30 000 Bewohner. Er hat zusammengetragen, was es über Kijong-dong, ein nordkoreanisches potemkinsches Dorf zu wissen gibt: „Die kostspielig mit blauen Ziegeln gedeckten Dächer vieler dieser Betonbauten sowie die Versorgung mit elektrischem Strom zeugen von einer anachronistischen Vorstellung von Luxus und Erfolg.“

Er beschreibt die Annehmlichkeiten des Nordfriedhofs von Manila, wo es mittlerweile „mehrere Mini-Märkte, ein Restaurant und Sportstätten“ gibt. Es ist dort ein prekäres Leben, das wird durchaus klar, aber wenn man die Einwilligung der Angehörigen hat, in und auf einer Familiengrabstätte zu wohnen, dann ist es offenbar immerhin ein einigermaßen sicheres Leben.

Kein Reisebericht, sondern eine große Netzrecherche

Es handelt sich übrigens nicht um Reportagen von den Orten der Wahl. Bonnett scheint leider die allerwenigsten seiner Merkwürdigkeitsfavoriten selbst besucht zu haben, stattdessen war er ausführlich im World Wide Web und in Büchern unterwegs und hat dann eine Einordnung, Bewertung, Klassifizierung versucht. Der Vollständigkeit halber, wie er sie offenbar anstrebt, nimmt er die Verkehrsinsel und den Fuchsbau dazu. Die sind zwar Beobachtungs- und Denkanstöße, unschwer in der eigenen Umgebung nachzuvollziehen, doch mehr als eine gewisse Vertrautheit und Handlichkeit (im Gegensatz zu „Der internationale Luftraum“) steuern sie nicht bei zu der insgesamt knapp 50 Orte umfassenden Liste.

Das Buch

Alastair Bonnett: Die seltsamsten Orte der Welt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C. H. Beck, München 2015. 288 Seiten, 19,95 Euro.

Wie sehr es dem Sozialgeographen darum geht, was besondere Räume über die sie nutzenden Menschen verraten, zeigt sein schreiberisches Interesse am Genfer Freihafen oder Riesenschiff „The World“. Im vielgesicherten Hafen bunkern die Reichen unter anderem millionenteure Gemälde. Am schwimmenden Ort sollen sie von den Gefahren und Wirrungen der Welt unbelästigt und luxuriös leben können. Aber, wendet Bonnett ein, ein Tennisplatz, ein Theater, ein Restaurant werden nur in der Enge eines Schiffs so hoch bewertet.

Viele Texte des Bandes sind auch als Appell zu verstehen, es im eigenen Interesse besser zu machen mit dem Städtebau, der Landschaftsgestaltung, dem Umweltschutz. Immer wieder wird Bonnett auch zum Mahner. Sei es, dass er auf das in der Tat bedrohliche Problem der Plastikmüll-Flächen in den Ozeanen hinweist. Sei es, dass er eine bessere Stadtplanung empfiehlt: „Indem sie mit immer größerer Geschwindigkeit halb realisierte Projekte anhäuft, schmälert die Stadt der Unfertigkeit die Chancen der Menschen, zu dem Ort, an dem sie leben, eine Beziehung der Fürsorge, des Bescheidwissens und des Vertrauens aufzubauen.“

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