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"Die Veränderung der Welt": Ein unglaubliches Panorama

Jürgen Osterhammel vermisst das 19. Jahrhundert globalgeschichtlich. Er braucht dabei keine Feindbilder, um sein Konzept verständlich zu machen. Von Thomas Meyer

Im Frühjahr 2003 veröffentlichte Jürgen Osterhammel, Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Konstanz, einen Aufsatz mit dem Titel "In Search of a Nineteenth Century", an dessen Ende er davon sprach, dass sich die präsentierten Überlegungen als "sinnvoller Ausgangspunkt für ehrgeizige Erkundungen" erweisen könnten. Osterhammel hatte spätestens zu diesem Zeitpunkt fest im Blick, was er jetzt auf 1568 Seiten erzählerisch und intellektuell souverän entfaltet: die Erzählung einer globalen Geschichte des 19. Jahrhunderts, das die Welt verwandelte. Und, so wird man hinzusetzen müssen, Osterhammel wird mit seinem Opus Magnum die Geschichtsschreibung verändern.

Die Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts war und ist die Königsdisziplin der deutschen Historiographie, seit sich Heinrich von Treitschke daran versuchte. Der katholische Liberale Franz Schnabel öffnete zwischen 1929 und 1937 in vier Bänden die problematische Tradition der historischen Geistesgeschichte hin zu den Feldern der Technik- und Religionsgeschichte. Seit den siebziger Jahren lieferten sich der bekennende Münchner Historist Thomas Nipperdey und der Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler einen ebenso anregenden wie, so kann man heute sagen, die möglichen Perspektiven verkürzenden Streit um die Stellung des 19. Jahrhunderts und wie es überhaupt dargestellt werden könne.

In Bezug auf diese Linie steht der 1952 geborene Osterhammel für einen Generationswechsel, der mit der Einführung eines völlig neuen Theorie- und Erzählprofils einhergeht. Wie gut er die Argumentationsfiguren seiner Vorgänger kennt, für seine Zwecke umformuliert und erweitert, bewies er bereits in dem erwähnten Aufsatz von 2003. Davon profitiert Osterhammels "Verwandlung der Welt" in besonderer Weise: Das Buch ist meinungs- und thesenfreudig, vor allem aber auf angenehme Weise abgeklärt. Osterhammel braucht keine Feindbilder, um sein Konzept verständlich zu machen und es mit Inhalt zu füllen.

Illustration: Jörg Hülmann & Iris Ugurel

Die internationale und vor allem außereuropäische Forschung muss bei Osterhammel erst gar nicht abgegrenzt oder versöhnt werden mit in Deutschland entwickelten Modellen, etwa der Nationalstaat- und Bürgertumanalyse. Sie sind organisch miteinander verschränkt, gerade weil Osterhammels Blick durch seine langjährige Beschäftigung mit der chinesischen Geschichte keine Fixpunkte kennt, keine heimlichen Teleologien, so dass sich Reinhart Kosellecks Überlegungen zur "Sattelzeit", Fernand Braudels Analysen einer "quasi bewegungslosen Geschichte" des Mittelmeerraumes und Arbeiten aus Indien und China auf einzigartige Weise sinnvoll ergänzen können.

Doch mit Osterhammel reklamiert nicht nur eine neue Generation ihren Anspruch auf Deutungshoheit, bei ihm sind auch Narration und Theoriesättigung auf einem neuen Niveau zu besichtigen. "Die Verwandlung der Welt" ist der großangelegte Versuch, eine mit Gründen argwöhnisch beobachtete Methodenmode ihrer Belastbarkeit auszusetzen: der Globalgeschichte. Osterhammel stellt drei Fragen, die er mit deren Hilfe zu beantworten sucht: Wie bekomme ich ein Jahrhundert in den Blick, das weltweit die Zeit von 1760 bis etwa 1920 umfasst? Wie kann ich Ereignisse, Strukturen und soziale Phänomene darstellen, ohne von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen oder vom bloßen Nebeneinander sprechen zu müssen? Und welche kulturellen und ideengeschichtlichen Kategorien prägten das 19. Jahrhundert?

Die erste Frage wird im Abschnitt "Annäherungen" aufgegriffen. Darin geht es um die Selbstbeschreibungsversuche des 19. Jahrhunderts, um mediale Darstellungen, Kalender, natürliche Verhältnisse wie die zwischen Land und Meer. Hauptsächlich jedoch will Osterhammel die extrem unterschiedlichen "temporalen Strukturen" von Abläufen auf der Welt nachzeichnen. Die Folgen sind immens, denn der Fluss der Zeit zieht Räume und Begriffe mit sich. Das heißt, dass Osterhammel geographische Einteilungskonzepte ebenso umfassend prüfen muss wie die überlieferten Vorstellungen etwa von einer "europäischen Geschichte" oder schlicht von "Europa".

Die zweite Frage - und der Antwortversuch - baut auf der ersten auf: Osterhammel wechselt dazu zwischen der Beobachtung "feiner Prozesse" und Analysen aus der Vogelperspektive, um möglichst viel auf einmal übersehen zu können. "Panoramen" nennt er diesen umfangreichsten Teil. In ihm lassen sich abschnittweise die immensen Fortschritte in den Geschichts- und Kulturwissenschaften mitvollziehen. Denn "Sesshafte und Mobile" und "Frontiers" haben darin ein ebenso eigenständiges Gewicht wie die klassischen Fragen nach "Imperien und Nationalstaaten" oder die "Mächtesysteme, Kriege, Internationalismen". Alle diese Phänomene brauchen eine je eigene Sprache und spezifische Blickwinkel, damit sie nicht in das Dilemma von Detail und Verallgemeinerung geraten.

Osterhammel behält hier zumeist die angestrebte Ordnung bei. Denn es müssen gigantische Dynamiken, wie etwa Revolutionen sie mit sich bringen, gewichtet und dann mit abgeschlossenen Lebenswelten konfrontiert werden. Das geschieht aber eben nicht im Stile des "hier so, dort aber anders". Osterhammels Aufmerksamkeitserweiterung konzentriert sich in diesem Abschnitt stattdessen auf die Fassbarkeit von Veränderungen.

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Autor:  THOMAS MEYER
Datum:  10 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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