kalaydo.de Anzeigen

"Ein Job" von Irene Dische: Beim Barte des Profis

Geistvoll und graziös erzählt Irene Dische vom Innenleben eines orientalischen Killers. Ihr Held ist so etwas wie ein "naturalborn killer". Von Barbara von Becker

Alan ist Spitzenklasse in seinem Beruf. Deshalb hat ihn sein Auftraggeber auch eigens aus Istanbul nach New York einfliegen lassen. Er ist genau der Richtige für den Job, denn Alan ist Kurde und soll einem gewissen Süleyman Erkal, türkischer Ex-Gouverneur von Kurdistan, größten Schmerz zufügen, indem er dessen Frau und beide Töchter tötet. Alan ist so etwas wie ein "naturalborn killer". Schon als Kind hat er mit Schneebällen, in denen Steine verborgen waren, auf türkische Soldaten gezielt, und auch seine weitere Berufskarriere war höchst erfolgreich, wofür ein meterlanger Kleiderschrank mit Maßanzügen und 31 Paar hochwertigen Schuhen spricht.

Nun sitzt er in einem fast leeren Appartement in Queens, samt einer Brieftasche voller Dollars, einem amerikanischen Mobiltelefon und einem Sprachführer "Englisch in sechs Tagen". In fünf Tagen soll er seinen Auftrag erledigt haben. In dieser Zeit wird Alan Anfahrtswege, Wohnung und Gewohnheiten des Opfers und sein Arbeitsgerät - eine popelige Pistole von Smith and Wesson im Gegensatz zu seiner gewohnten Walther - genau studiert haben. Alan ist höchst gewissenhaft, ein Profi eben. Warum jemand getötet werden soll, geht ihn nichts an. Er macht einfach seinen Job.

Mit ironisch unterfütterter Lakonik beschreibt Irene Dische dieses Gewerbe als eines wie jedes andere auch. Der eine zählt Banknoten, der andere befördert Menschen ins Jenseits. Hauptsache effektiv. Ein weiterer eherner Grundsatz des Verhaltenskodex' ist: anonym zu bleiben.

Das ist schwierig, da Alan gleich am ersten Tag der exzentrischen alten Dame in der Wohnung neben ihm die Einkaufstüten in den sechsten Stock hochträgt, wofür sich diese mit Sherry-und-Ölsardinen-Mahlzeiten bedankt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Überhaupt zeigt Alan so einige menschliche Züge, kein eiskalter Engel, vielmehr ein ganzer Mann, was sich auch an den Regungen seines "Kir" ablesen lässt, was hier keinen Johannisbeersirup meint, sondern eines echten Kerls bestes Stück.

Irene Dische streut kokett kurdische Vokabeln in ihren Text, wenn sie Alan mit den Augen eines Manns vom Ararat das sonderbare New Yorker Leben studieren lässt. Süffisant persifliert sie amerikanische Bräuche, Ideologien, Haltungen, etwa wenn Alan staunend feststellt, dass in der Türkei die Trennung von Religion und Staat viel klarer gehandhabt wird als in den USA, wo Politiker sich ständig in ihren Reden auf Gott berufen. Auch die wie Naturgesetze präsentierten Meinungen eines Machos verlieren so in ihrer tumben Lächerlichkeit alles Gefährliche oder Obszöne. Immer wieder beglückt die Autorin ihre Leser mit erquicklichen Sprachbildern, etwa als Alan als orientalischer Kavalier, der weiß, was man einer alten Dame schuldet, seine Nachbarin Mrs. Allen nach Hause brachte. "Er zwängte sich für sie in seine besten Manieren - wie in einen engen Anzug - und verdeckte damit die Gereiztheit, die wie ein hässlicher, juckender Ausschlag in ihm aufgeblüht war."

Alan war mit einem imponierenden Schnauzbart in die USA eingereist. Im Laufe der Geschichte schnippelt und rasiert er täglich an dieser Manneszierde herum, bis sie am Ende ganz verschwindet - und mit ihr viele alte Verbindungen.

Ein geistvoll graziöses Buch voller hintergründiger Komik über die vielfältige Natur und die Absurditäten des Lebens. Ein amerikanischer Traum der herkömmlichen wie der ganz besonderen Art.

Heute Abend wird Irene Dische in Frankfurt aus ihrem Roman lesen. Sie eröffnet die Veranstaltungsreihe "Metropolitan - Die erzählte Stadt": Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186, 20 Uhr.

Irene Dische:

Ein Job.

Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009, 159 S., 16,95 Euro.

Autor:  BARBARA VON BECKER
Datum:  24 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.