Als die siebzigjährige Helena in Tel Aviv verstorben ist, verbringt ihre Tochter Elisabeth die Zeit der Schiva, der sieben Trauertage, in der Wohnung ihrer Mutter. Viele Bewohner des Viertels, in dem Elisabeth während der fünfziger und sechziger Jahre aufwuchs, kommen, um ihr zu sagen: Auch wir sind deine Familie, haben deine Mutter gekannt, trauern mit dir.
Elisabeth, zunächst etwas abweisend gegenüber den alten Nachbarinnen, diesen Klatschweibern, wird in einen Strudel von Erinnerungen gerissen. Ihre und die Eltern der übrigen Kinder im Viertel sind Überlebende der Shoah. Die Erwachsenen schwiegen, um ihre Kinder nicht zu belasten - aber sie waren sonderbar, schrieen oder weinten aus unerklärlichen Anlässen; sie waren ganz anders als die jungen fröhlichen Lehrerinnen, die aus den Kindern gute Sabres machen wollten.
Lizzie Doron, 1953 geboren und gelernte Linguistin, fing vergleichsweise spät an zu schreiben; Anlass ihres ersten Romans waren die Fragen ihrer eigenen Kinder nach den Großeltern, Tanten, Onkeln. Es gab sie nicht. Das erste Buch "Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?" versuchte, Antworten zu geben - und damit war eine Schleuse geöffnet. In mehreren Romanen hat die Autorin seither über die besonderen Schwierigkeiten der "zweiten Generation", der Söhne und Töchter der Überlebenden, geschrieben.
Jetzt ein weiteres Buch von ihr zu diesem Thema - und auch hier wird nichts mechanisch heruntergespult. Der Text ist springlebendig; eine Erinnerung setzt die nächste frei. Daher gibt es bis auf den Rahmen der sieben Trauertage keine chronologische Handlung, in der ja oft etwas Beruhigendes liegt, weil eins so logisch aus dem anderen zu folgen scheint.
Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle sind aber weder logisch, noch folgen sie dem realen Zeitverlauf. Daher hat das Gefühl der Scham eine bedrückende Präsenz und Aktualität für die erwachsene Elisabeth - als Kind schämte sie sich ihrer Mutter. Helena konfrontierte ihre Umgebung gern mit kurzen messerscharfen Kommentaren zu Auschwitz und ließ die Leute damit stehen. Die Kinder begriffen nicht, was sie sahen: Ihnen selbst wurden zu einem Abendessen Frikadellen gebracht, vor den Erwachsenen standen Beruhigungstabletten. Eine Mutter konnte ihren Sohn kaum einmal in Ruhe duschen lassen, ohne dass sie beim Dampf des Wassers Anderes assoziierte. Jahrelang riefen die Mitschüler dem Jungen nach: "Matti, der Stinker, wäscht sich mit Gas!"
Was begreift ein Kind? Verletzungen werden weitergegeben, so oder so. Selbst wenn die Shoa kein Thema in den Familien war, war sie doch gegenwärtig. Ernst Bloch sagte einmal, eine Zukunft brauche Herkunft. Und wenn es die nicht gibt? In Dorons Roman weigert sich ein Vater, die Hochzeit seiner Tochter mit einem großen Fest zu feiern und schreit los - soll er etwa die Verwandten aus Treblinka und Dachau einladen?
Ohne jeden propagandistischen Unterton zeigt Doron, wie der Zionismus vieler Israelis der "zweiten Generation" sich erklärt: Die Eltern kamen nicht aus freien Stücken ins Land, oft trauerten sie ihrer europäischen Heimat nach. Wie Lizzie Doron flüchteten viele junge Leute vor dem Leid der Eltern, wurden Pioniere und Soldaten. Helena sah das angsterfüllt. Sie und ihresgleichen wollten ihren Kindern nicht erlauben, tote Helden zu werden.
Zahlreiche der hier geschilderten Alltagssituationen kippen unversehens ins Absurde, Groteske: Da schreit die alte Helena im Krankenhaus nach Sauerstoff, obwohl doch ihre Atmung ganz in Ordnung ist. Nur Eingeweihte wissen, dass sie ihre Haare mit Wasserstoffperoxyd blondiert haben will, damit kein Nazi sie entdeckt.
Auch Dorons neuer Roman ist skizzenhaft angelegt; er zeichnet Konturen, ohne sie auszumalen. Doron schreibt uneitel, klar und einfach, was nicht mit Eingleisigkeit zu verwechseln ist. Denn man hört hier eine Vielzahl von Stimmen und Stimmungen, Spöttisches, Irres, Trostloses - und das Ganze wird getragen von Dorons Warmherzigkeit, von dem Respekt, die sie für ihre Gestalten hat. Wenn Elisabeth über ihr Verhältnis zu den anfangs so gefürchteten Tratschweibern des Viertels sagt, "mein Herz flog ihnen zu", dann ist dieser Satz beglaubigt durch das Vorausgegangene: All diese Nachbarinnen sind, wie Helena, lebenslänglich unheilbar versehrt.
In Politikergesprächen wird schon lange gern die "Normalität" der Beziehungen zwischen Israel und Deutschland beschworen. Für die Bewohner des Viertels, von dem Doron erzählt, ist es normal, einem Nachbarn, der deutsche "Wiedergutmachung" angenommen hat, die Autoreifen zu zerstechen. - Wie lässt sich von der Shoa schreiben und gleichzeitig die Frage nach deren Darstellbarkeit reflektieren? Dorons Verfahren, die von den Kindern unverstandenen halben Sätze der Erwachsenen, ihren nächtlichen "Reigen des Schreiens" nicht zu kommentieren, die Shoa also nicht zu rekonstruieren, sondern anklingen zu lassen, sagt: Dieser Zivilisationsbruch ist nicht fassbar zu machen.
Trostlos heißt es am Ende: "Ich habe nichts zu erinnern, ich habe nichts zu vergessen" - der Text kreist um eine leere Mitte. Das Schweigen all der fragilen, brüchigen Existenzen wird nicht angetastet; aber es wird beredt und bekommt eine intensive Emotionalität, die sich im Leser fortsetzt.
Lizzie Doron: Es war einmal eine Familie. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Jüdischer Verlag/ Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 143 S., 16,80 Euro.