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Literatur

11. Februar 2014

„GB84“ David Pearce: Der große Bergarbeiterstreik

 Von 
Großbritannien, 1984: Streikende Bergarbeiter sammeln Kohlereste.  Foto: Sven Simon/Imago

„GB84“: David Peace erzählt vom großen Bergarbeiterstreik in Großbritainnien. Die Arbeiten befürchteten die Schließung einiger Gruben und wollen um ihre Jobs kämpfen. Der Streik dauerte ein Jahr bis Anfang März.

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Vor fast genau dreißig Jahren, Anfang März 1984, beschließen die britischen Bergarbeiter – oder vielmehr: beschließt ohne landesweite Urabstimmung die Gewerkschaft NUM unter dem bald berühmt-berüchtigten Arthur Scargill – den Ausstand. Hinweise haben sich verdichtet, dass die Regierung, Margaret Thatcher ist Premierministerin, 20 tatsächlich oder vorgeblich unrentable Gruben schließen will.

Die Bergarbeiter befürchten nicht zu Unrecht, dass die Eiserne Lady ihre Macht brechen will. So passierte es, trotz Gegenwehr, gerade erst den Stahlarbeitern und ihrer Gewerkschaft: 60 000 verloren ihren Job. Der Bergarbeiterstreik dauert ein Jahr, bis Anfang März 1985. Sie halten lange durch, aber nach Weihnachten, im Januar, in der Kälte, sind die Arbeiter so zermürbt, dass sie in Scharen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Geprägt von gewalttätigen Auseinandersetzungen, politischen Intrigen, von blanker Not auf Seiten vieler Streikender, war dieses Jahr eines der schlimmsten in der Nachkriegsgeschichte Großbritanniens. Den Älteren müssen sich die Bilder, etwa von mit Thatchers Rückendeckung wie entfesselt prügelnden Polizisten, ins Gedächtnis gebrannt haben. Und so nannte der englische Schriftsteller David Peace, als er vor zwanzig Jahren einen Roman über den Bergarbeiterstreik schrieb, diesen schlicht „GB84“.

Wiederum zehn Jahre später erscheint er nun in deutscher Übersetzung (vorzüglich: Peter Torberg) bei der sich liebevoll um diesen äußerst eigenwilligen Autor kümmernden Verlagsbuchhandlung Liebeskind.

Penibel recherchiert

Denn David Peace, Jahrgang 1967, ist ein Geisterbeschwörer der ganz besonderen Art. Wie für sein „Red Riding Quartett“, vier Bände über die Zeit des so genannten Yorkshire Rippers, wie für seine beiden Romane über das Nachkriegs-Tokio (Peace lebt in Japan), so recherchierte er, darf man britischen Kritikerkollegen glauben, auch für „GB84“ penibelst in Archiven.

Um dann den Stoff mit formaler Strenge, mit stilistischer Unbarmherzigkeit zu bearbeiten. Denn stets fragmentarisiert dieser Autor, zersplittert den Text in zahlreichen Handlungssträngen, in verwirrend vielen, teils realen, teils fiktiven Figuren. Und alle Splitter sind dunkel und zerren an den Gemütssträngen des Lesers.

Bereits optisch spaltet sich „GB84“ auf: in einen Haupttext in normaler Schrift und in kleiner Schrift eingestreute Seiten. Letztere sind Monologe zweier Arbeiter, Peter und Martin, sind ihre Erzählungen von der Ödnis des Zuhausesitzens, der Angst der Streikposten vor den Polizeitruppen („Ein Polizist konnte einem unbewaffneten, barbrüstigen Burschen die Seele aus dem Leib prügeln, vor laufender Kamera, und damit durchkommen“) und mit zunehmender Streikdauer auch von der Mühe, die Familie zu ernähren und wärmen:

„Sie würden nun jeden Tag nach Kohlen klauben, haben sie mir gesagt. Ich war schon eine Weile nicht mehr. Da oben gibt es keinen mehr, der ein Auge zudrückt oder sich schmieren lässt“. Immer mehr Streikbrecher werden in Bussen in die Zechen gefahren, Kapuzen überm Kopf, damit man sie nicht erkennt. Sie müssen Rache fürchten.

„GB84“ ist ein harter, dramatisch desillusionierender Roman

Der Blick von unten, aus den alltäglichen Niederungen des Streiks, ergänzt wie ein Refrain die nach Wochen (52 und eine „letzte Woche“) durchgezählten Strophen. Man kommt bei Peace unweigerlich auf musikalische Vergleiche, denn er arbeitet in großen wie in kleinen Textbögen mit Wiederholungen und Rhythmen. Er lässt die Sprache singen und schwingen, er zitiert und spielt vielfach an. Er verrätselt seinen Text, er ist kompromisslos wie wenige.

Sein Haupterzählstrang ist denn auch ein viele Leer- und Rätselstellen lassendes, aber herzzerreißend beklemmendes, nachtschwarzes Puzzle. Vor allem skizziert er die Täuschungsversuche und manchmal auch illegalen Aktionen der Regierungs- und der gewerkschaftlichen Kräfte. Geld wird versteckt (die Streikkasse), Spione werden eingesetzt, Telefone abgehört, Arbeiter bestochen.

Mit Zähnen und Klauen wird gefochten, bis hin zum Mord. Die NUM holt sich heimlich in Libyen und in der Sowjetunion Unterstützung, jemand steckt es der Presse, ein Skandal. Auf der anderen Seite verbrennt die Regierung bis 1985 zweieinhalb Milliarden Pfund, unter anderem für die Polizeieinsätze, sie lässt Tausende (!) streikende Arbeiter verhaften.

„GB84“ ist ein harter, dramatisch desillusionierender Roman. Denn dreißig Jahre mögen vergangen sein, die Mittel des politischen Kampfes sind kaum sauberer geworden. „Wir sind nur Streichholzmännchen, mit Streichholzhüten und Schuhen“, ist einer der letzten Sätze des Bergmanns Martin, der doch einfach nur das Richtige tun wollte.

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