Die Todesnachricht inspirierte den großen Dichter, "sinnend nach der letztesten/Stunde des Schreckensmannes": Alessandro Manzoni, späterhin berühmt durch seinen Roman "Die Verlobten", schuf kurze Zeit, nachdem er 1821 vom Ableben Napoleons auf St. Helena gehört hatte, eine Ode auf den einstigen Kaiser der Franzosen.
Als dieses Meisterwerk der italienischen Dichtung mit dem auf Napoleons Todestag verweisenden Titel "Il cinque Maggio" ("Der fünfte Mai") 1822 Weimar erreichte, wurde ein Dichterkollege vom hohen Ton sogleich entflammt: Johann Wolfgang von Goethe machte sich an die Übersetzung, denn "es ist das beste Gedicht, was über diesen Gegenstand gemacht worden", wie er später Eckermann mitteilte.
Der "Schreckensmann" Napoleon hat seine Zeit beherrscht und fasziniert wie nur wenige historische Gestalten vor und nach ihm. Sein Auftauchen um 1800, gleichsam aus dem Nichts, war ein Ereignis auf der europäischen Bühne. Fünfzehn Jahre lang überzog er den Kontinent mit Kriegen, fegte Dynastien und Reiche hinweg, ordnete Länder und Grenzen neu, um am Ende doch unterzugehen.
Die Zeitgenossen verdammten oder verehrten ihn - und Goethe gehörte zu den Verehrern Bonapartes. Woher Goethes Neigung kam, fragten sich schon damals viele Beobachter kopfschüttelnd.
Die persönliche Begegnung zwischen dem Dichterfürsten und dem Kaiser der Franzosen am Morgen des 2. Oktober 1808 in Erfurt wurde zu einem klassischen Moment in der deutschen Intellektuellengeschichte. An seinen Verleger Cotta schreibt Goethe zwei Monate danach: "Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser und zwar auf eine solche Weise zu stehen."
Gustav Seibt hat nun in einem der gelungensten historischen Bücher der letzten Jahre die ominöse Konstellation umfassend dargestellt. Dabei entgeht er vollkommen den Hauptrisiken dieser Stoffwahl: Dem Leser wird keine verschmockte Erbauungsliteratur für Nostalgiker präsentiert; mitnichten trifft man auf wohlfeile Reflexionen über das Verhältnis von Geist und Macht; der Gottheit Goethe wird kein klassizistischer Tempel gebaut. Vielmehr arrangiert und deutet der literaturwissenschaftlich geläuterte Historiker Seibt als zurückgenommener Beobachter zahllose Quellen, ohne sie dabei über Gebühr zu inszenieren - wohl wissend, dass sie erst so ihren suggestiven Sog entfalten.
In einer eleganten Mischung aus Literatur-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte entfaltet er ein Bild jener Zeit nach 1800. Die furchtbaren Verheerungen durch die Kriege und die finanziellen Folgen schildert Seibt ebenso anschaulich wie die feinnervigen Kommunikationssysteme im Weimarer Alltag und auf diplomatischem Parkett.
Dramatisch ist gleich der Beginn, als 1806 nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt französische Truppen Weimar heimsuchen und Goethe nachts in seinem Haus am Frauenplan womöglich nur knapp - und dank der resoluten Christiane - dem Tod durch plündernde Soldaten entronnen ist. Der Minister Goethe unterstützt seinen Herzog Carl August in dessen geschickter Politik, Weimars Unabhängigkeit zu bewahren, liest sich derweil durch die politische Literatur pro und contra Napoleon, wobei ihn die Kritiker nicht überzeugen: "Außerordentliche Menschen, wie Napoleon, treten aus der Moralität heraus". 1808 dann inszeniert der französische Kaiser in Erfurt einen glanzvollen Fürstenkongress mit Zar Alexander und abendlichen Theatervergnügen.
Detailliert rekonstruiert der Autor die legendäre Audienz Goethes bei Napoleon inklusive kaiserlicher Auslassungen über den "Werther" sowie des legendären, Goethe geltenden "Vous êtes un homme". Nachrichten über die Begegnung verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Lange vorher hatte Christoph Martin Wieland auf die Nähe der beiden Männer hingewiesen: "Göthe sey in der Poetischen Welt was Napoleon in der Politischen? Können nicht beide alles was sie wollen, und wollen sie nicht immer das Unglaublichste u Beyspielloseste".
Nur schwer wird sich Goethe in den folgenden Jahren den Niedergang seines Helden und damit die eigenen politischen Illusionen eingestehen. Doch warum war er so tief fasziniert? Der Philosoph Hans Blumenberg vermutete: "In Napoleon ist ihm der Faktor einer Geschichte ohne mögliche Theodizee begegnet - wie der Dichter des Sturm und Drang keiner anderen Rechtfertigung bedurft hatte als der seines Werks." Seibt ist mit solchen Mutmaßungen zurückhaltender. Doch am Ende glaubt auch er, dass des Dichters Verhältnis zu Napoleon "auf der schöpferischen Empfänglichkeit für die dämonische Kraft einer außergewöhnlichen Menschennatur" beruhte.
Goethes Karlsbader Mineralogen-Freund Joseph Sebastian Grüner hat 1822 berichtet, wie der alte Goethe die Manzoni-Ode in der eigenen Übersetzung deklamierte: "Er war wie in einem verklärten Zustande, dabei ganz ergriffen, das Feuer blitzte aus seinen Augen". Des Kaisers Flamme loderte im Dichter noch lange ziemlich heftig. Und ganz erkaltet ist die Glut in ihm nie.
Heute um 20 Uhr liest der Autor im Frankfurter Goethehaus und unterhält sich mit Martin Mosebach.
Gustav Seibt: Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung, C.H.Beck Verlag, München 2008, 288 Seiten, 19,90 Euro
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