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"Hass auf den Westen": Wie lange geht das noch gut?

"Wenn der Westen nicht endlich das Leid der südlichen Völker wahrnimmt, nicht hört, wie ihr Zorn wächst, seine Vorgehensweise nicht radikal verändert, wird der krankhafte Hass die Oberhand gewinnen", warnt der Autor Jean Ziegler. Von Reinhild Khan

Jean Ziegler ist ein Provokateur. Seine Bücher sind Streitschriften und landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Empörung treibt ihn an. Er möchte aufrütteln, Bewusstsein verändern, gar die Welt retten. Auch mit 75 Jahren ist sein kämpferischer Elan ungebrochen. Bewundernswert. Denn er legt sich nicht mit irgendjemandem an, sondern mit dem "Raubtierkapitalismus" des Westens, der "kannibalischen" Weltordnung des Profits, deren Kehrseite die Armut in den Ländern der Südhalbkugel ist. So plakativ das klingt, so detailliert belegt Ziegler seine Angriffe mit Fakten und zeigt die verborgenen Zusammenhänge auf. Der emeritierte Professor, Mitglied des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats, hat die Welt bereist, war Gast in Präsidentenpalästen ebenso wie in den Quartieren der Ärmsten. Er schöpft aus einem reichen Erfahrungsschatz und vielseitiger Lektüre.

Schon in seinem letzten Buch "Das Imperium der Schande" (2005) beschrieb Ziegler die "strukturelle Gewalt" des kapitalistischen Systems der Weltwirtschaft, sichtbar in der grenzüberschreitenden Macht der multinationalen Konzerne, der Plünderung der Ressourcen und der Zementierung von Hunger und Armut. Ausreichend Motive, um Hass zu schüren. Ziegler identifiziert jedoch tieferliegende Ursachen: das Trauma der ehemals kolonisierten Völker, das nach Jahrzehnten der Verdrängung an die Oberfläche gelangt.

"Die Pflicht zur Erinnerung ist wesentlich, weil uns die Vergangenheit verfolgt, weil sie uns immer noch mit ihren Stigmen grausam zeichnet und weil es wichtig ist, diese schmerzlichen Seiten, die wir fatalerweise nicht zerreißen können, möglichst rasch umzublättern ... Um die bösen Geister der Vergangenheit auszutreiben und der Gegenwart Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist es notwendig,... das zu bestimmen, was die einen erlitten und die anderen verübt haben, ohne der Versuchung der Rachsucht oder den uneinsichtigen Vereinfachungen der Konfrontation zu unterliegen."

Mit diesen Worten warb der algerische Präsident Bouteflika für eine Kultur der Erinnerung - und trifft sich darin mit dem nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka, der schon vor Jahren "Die Last des Erinnerns" beschwor. Auch er möchte Sklavenhandel, kolonialer Eroberung und rassistischer Unterdrückung einen dauerhaften Platz im Gedächtnis der Menschheitsgeschichte zuweisen.

Wie reagieren westliche Politiker darauf? Eine Rede, mit der sich Nicolas Sarkozy 2007 in Dakar an die Jugend Afrikas wandte, wird von Ziegler als peinliches Beispiel angeführt. Mit gehörigem Sarkasmus seziert er die paternalistische Rede aus dem Geist des 19. Jahrhunderts, die die französische Tageszeitung Libération treffend kommentierte: "Der letzte Augenblick der Kolonisierung ist die Kolonisierung der Geschichte des Kolonialismus."

Die Demütigung der ehemals kolonisierten Länder besteht unter anderen Vorzeichen weiter. "Die Sklavenhalter sind nicht tot. Sie haben sich in Börsenspekulanten verwandelt." Jean Ziegler fällt es nicht schwer, dieses Zitat des Justizministers der Elfenbeinküste mit Fakten zu belegen. Denn die vom Westen dominierten mächtigen Institutionen der Weltwirtschaft wie WTO, IWF und Weltbank setzen die neoliberalen Spielregeln für die "Weltordnung des globalisierten Finanzkapitals". Konkret: Wenn etwa der afrikanische Baumwollmarkt durch die Dumpingpreise der subventionierten US-amerikanischen Baumwolle zerstört wird oder die Nahrungsmittelproduktion sich aufgrund der ebenfalls subventionierten EG-Agrarimporte für den afrikanischen Bauern nicht mehr lohnt, folgen daraus "Familienzerfall, Hunger, Kinderprostitution, Dauerarbeitslosigkeit".

Ein besonders drastisches Beispiel für ein Land im Griff westlicher Wirtschaftsinteressen stellt Nigeria dar, dem Ziegler ein eigenes Kapitel widmet, um zu zeigen, wie ein Land mit überreichen Erdölvorkommen am Hungertuch nagt. Noch funktioniert das Zusammenspiel von Ölmultis, Weltbank und korrupter Militärjunta im Sinne einer maximalen Ausbeutung, aber Kriminalität, Umweltzerstörung, Verelendung und ein sich organisierender Widerstand bilden ein explosives Konglomerat. Wann wird es sich entzünden?

Die Frage "wie lange noch?" schwebt auch über dem Land, das Ziegler als hoffnungsvolles Gegenbeispiel herausstellt: Bolivien. Evo Morales hat mit dem Westen gebrochen, die Bodenschätze Boliviens in nationalen Besitz zurückgeführt und eine konsequente Politik der Armutsbekämpfung in Angriff genommen. Und er hat dem Volk ein Gefühl von Identität und Würde zurückgegeben.

Ziegler resümiert: "Wenn der Westen nicht endlich das Leid der südlichen Völker wahrnimmt, nicht hört, wie ihr Zorn wächst, seine Vorgehensweise nicht radikal verändert, die Wünsche und Entschlossenheit der Unterdrückten nicht berücksichtigt, wird der krankhafte Hass die Oberhand gewinnen." Wird diese Warnung gehört werden?

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. A. d. Frz. v. Hainer Kober. Bertelsmann Verlag 2009, 288 Seiten, 19,95 Euro.

Autor:  Reinhild Khan
Datum:  20 | 10 | 2009
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