Feridun Zaimoglu nennt sich selbst ein "Stiefkind der Aufklärung". Dabei hat er in gewissem Sinne aufklärerisch angefangen. Zu den wichtigsten deutschen Autoren zählt er, seit er eine Sprache literaturfähig machte, die bis dahin wohl nur in soziologischen Milieustudien aufgetaucht war: der deutsch-türkische Jugendslang, die "Kanak Sprak", die er in "Liebesmale, scharlachrot" frech mit den seit Goethes Zeiten klassischen Traditionen des Briefromans kreuzte.
Eher konventionell erzählt, entflammten seine beiden letzten Romane, "Leyla" und "Liebesbrand", vollends die Herzen der Kritiker und Kritikerinnen. "Hinterland" hingegen verspricht eine der mühsamsten Lektüren der Saison. Gewidmet hat Zaimoglu seinen siebten Roman den Träumern und Sonderbaren.
Feridun Zaimoglu: Hinterland. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 448 S., 19,95 Euro.
Wenn überhaupt, dann ist dieses Buch ein Episoden-Roman, zusammengehalten durch die wechselnden Figuren und Erzähler, die durch Prag, Berlin, Istanbul, Budapest, Föhr und Krakau vagabundieren. Düstere Gegenden, in denen die Spur einer Liebesgeschichte zwischen dem "hübschen Kind" Aneschka und dem deutschen Gauner und Schuhmacherlehrling leuchtet, den seine tschechische Geliebte "Ferda" nennt und der seinem Autor wie so oft bei Zaimoglu verdächtig ähnelt. "Das Leben ist eine Geschichte, in der sich alle wiedererkennen, und in der sich alles wiederfindet", behauptet eine Stimme im "Hinterland".
Während aber geheimnisvolle Bandenchefs in Budapest, ein Komponist, ein Regisseur, die herbe Barbesitzerin Cora und viele andere mit den Fäden davon stürmen, wächst die Neugier, ob Zaimoglu tatsächlich am Ende alle wieder in der Hand halten wird. Ein Spannungsmoment, das aber noch nicht für den Erzähler Zaimoglu spricht, auch wenn er sein mäanderndes Erzählen geschickt mit dem Motiv des Vergehens und Verschwindens, also auch dem Suchen und Finden verbindet. Das "Hinterland" sucht Zaimoglu als "Front der Zivilisten" aufzudecken, schreibt Szenen, die wie Blitze den "Menschentag" erleuchten. Dafür beschreitet er wundersame Wege.
Erdkerlchen, schlecht gelaunt
Die erste Episode führt in ein Waldhaus nahe Prag. Dort trifft man auf eine einsame Ehefrau, die ihren Mann an eine Jüngere abtreten musste. Die profane Rolle würzt Zaimoglu mit dem Fantastischen. Denn die verlassene Dame Vlasta tritt in die Welt nicht ungefährlicher, aber in ihrer klassisch schlechten Laune komischer "Erdkerlchen" ein. Sie berufen den Kriegsrat ein, um die Frage nach dem Loch im Strumpf zu klären: Ist es da oder nicht da?
Ein anderer Schauplatz tut sich in den Kellern Krakaus auf, wo skurrile Kunstfälscher wirken und sich des naiven Tataren und Holzschnitzers Ismael Sobolewski bedienen. Nur "flachbrüstige, aber stark geschminkte, dicke" Engelsfiguren will der schnitzen und verweigert verkaufsfördernde "Verdickungen an verbotenen Stellen", des göttlichen Zorns wegen.
Wie Wegelagerer scheinen die Geschichten Zaimoglu überfallen zu haben. Sie haben ihm den roten Faden geraubt und dafür das poetische Moment und die Anekdote geschenkt. Ob das der Bekanntschaft mit dem Leipziger Lyriker Thomas Kunst zu verdanken ist, an den das Poetische und ungezügelt Assoziative in "Hinterland" vage erinnern? Zaimoglu hat ihn in der Villa Massimo in Rom kennengelernt und anschließend flammende Plädoyers für den Zorn des Dichters gehalten.
Zornig aber kann man sich den liebenswürdigen Erzähler Zaimoglu nicht vorstellen. Eher als einen, dem der Schalk im Nacken sitzt. Er scheut den Kalauer nicht ("Daniel Heister" heißt er, der so genannte Ferda, erfahren wir fast am Schluss und rufen mit dem Autor: "Das Möhrchen ist gelutscht!"). Und er liebt wie Martin Mosebach in seinen Reiseromanen die kräftige Farbe, das Klischee: die Kunst der Kälte in Berlin, der lodernde Hass gegen alles Fremde, alle Ausdifferenzierungen des Zusammenlebens in Budapest, das Versponnene in Istanbul. Dem Schul-Amok gibt Zaimoglu Platz wie dem Attentat und der Homophobie, nennt als Merkmal des Kommunismus den Scherbenhaufen. Er lässt Medienbilder, die Bösartigkeit des Heute in die Welten seiner verträumten Figuren sickern. "Das ruhige Hinterland ist eine schöne Illusion." Wer hatte die nochmal?
Immer, wenn Zaimoglu ins Unterholz lockt, ist sein Buch ein wunderbares. Kindheit im Ohr kehrt man dann glücklich aus dem Wald in die Oberwelt zurück, als hätte man gerade etwas sehr Schönes, schon verloren Geglaubtes erlebt. Aber durch das Unterholz, den ungefilterten Singsang der Figuren muss man sich trotzdem erst kämpfen. Manchmal stolpert man dabei, weil der Sprachrausch des Autors in den Manierismus führt (wenn jemand "schreiend trank und betrunken schrie"). Dann entzieht der sprachliche Schein dem poetischen Sein den Boden, verheddert sich Zaimoglu im Gestrüpp der Erzählungen oder verirrt sich im Ansatz zur politischen Analyse, die seine Sache nicht ist.
Und doch liegt ein Zauber über diesem dicken Buch, breitet sich ein Glanz aus, auf den verschlungenen Pfaden und über den dunklen Welten der Erzähler. Er rührt vom obersten Gesetz dieses Buches, alle Wunderlichkeiten der Menschen zu akzeptieren, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.