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Literatur

21. März 2016

„Hitlers Kunsthändler“: Opportunist mit Kunstseele

 Von 
Villa Gurlitt, Kaitzer Straße 26 in Dresden.  Foto: TU Nachlass Cornelius Gurlitt

Eine erste, entschlossene Biografie über Hildebrand Gurlitt, Kenner, Enthusiast, Avantgarde-Förderer und doch definitiv auch „Hitlers Kunsthändler“.

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Schon die Lebensdaten lesen sich als Ausdruck der Zerrissenheit der politischen Gemengelage nach 1933. An ihr spannt sich diese entschlossene erste Biografie über den chamäleonhaften, umstrittenen Kunsthändler Hildebrand Gurlitt auf, geboren 1895 in Dresden, tödlich verunglückt 1956 bei Oberhausen.

Zwei Berlinerinnen, die Kunsthandelskennerin und auf „Entartete Kunst“ spezialisierte Task-Force-Expertin Meike Hoffmann und die Kunstjournalistin Nicola Kuhn haben tief in der Biografie Gurlitts gelotet, der sich für den von den Nazis verfemten Expressionismus engagierte und nach dem Krieg als Chef des Düsseldorfer Kunstvereins und internationaler Ausstellungsmacher zu Ehren kam, auch als Opportunist.

Wir erinnern uns: Gurlitts 2014 verstorbener Sohn Cornelius hortete in seinen Münchner und Salzburger Behausungen mehr als 1500 Bilder, Zeichnungen, Grafiken der Klassischen Moderne, von denen er den Großteil dem Kunstmuseum Bern vermachte (die Entscheidung der Annahme der Schenkung steht derzeit noch aus) und von denen Hunderte im Verdacht standen, Nazi-Kunstraub zu sein.

Das Buch

Meike Hoffmann / Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt. Die Biographie. Beck Verlag, München 2016. 400 Seiten, 24,95 Euro.

Diese trotz der im vergangenen Jahr beendeten Task Force noch längst nicht endgültige Bewertung ist aber nicht Hauptgegenstand des Buches, sondern vornehmlich die zwielichtige Person Hildebrand Gurlitts. Er war ein nachweislich enthusiastischer Kunstkenner und Künstlerfreund, ein vorbildlicher und couragierter Museumsleiter, aber eben auch Werkzeug des nazistischen Propagandaministeriums.

Devisen für das NS-Regime

Hoffmann und Kuhn nennen Gurlitt, diesen einst überzeugten Kämpfer für die Avantgarde-Kunst, denn auch unumwunden einen der vier „Kunsthändler Hitlers“. Die Autorinnen können glaubhaft belegen, dass der so Kenntnisreiche wie Umtriebige mit dem Verkauf von „entarteter Kunst“ dem NS-Regime Devisen beschaffen sollte, zuletzt noch für Hitlers makabres „Führermuseum Linz“.

Belegt wird auch, dass dem promovierten Kunstmann zunächst nicht daran gelegen war, für die Nazis zu agieren, die ihm schließlich erst die Leitung des Zwickauer König-Albert-Museums und damit seine Rolle als Avantgarde-Förderer und -Kenner aufkündigten, ihn bald auch als Direktor des Hamburger Kunstvereins verächtlich machten und schassten. Er hatte sich geweigert, die Hakenkreuzfahne zu hissen. Dann aber, das zeichnet das Buch deutlich nach, wird aus dem Opfer ein Mittäter, der sein Gewissen betäubte, indem er sich als Beschützer der verfemten Kunst sah: Gurlitt diente sich geflissentlich an.

Cornelia und Hildebrand Gurlitt, um 1914.  Foto: TU Nachlass Cornelius Gurlitt

1937, als die Nazis 20 000 Kunstwerke verboten und aus deutschen Museen entfernen ließen, sah er in der Vermarktung der abgewerteten Werke eine Chance zur Beschäftigung. Und wohl auch einen gewissen Rettungsversuch: Er verkaufte Expressionisten an private deutsche Sammler, in die Schweiz, in die USA.

Als der Kunstraubzug in den Niederlanden und in Belgien im Gange war, bot er sich wiederum an, nachdem die Nazis mit seinen Devisen-Erträgen zuvor nicht zufrieden waren, wohl auch nicht bemerkten, was er auf eigene Faust an Privatsammler vermittelte oder aber der eigenen Sammlung einverleibte. Er habe sich nicht aus dem Reservoire der NS-Raubkunst bedient, sich nur auf dem Kunstmarkt-Terrain bewegt, bei Auktionen und Zwischenhändlern, darunter jüdischen, wie die Autorinnen feststellen. Doch nach der Herkunft der Bilder habe er nicht gefragt. Er glaubte schließlich, der Retter der verfemten Kunst zu sein. Und er war es in einem ambivalenten Sinne auch.

Nach dem Krieg aber log er, als er seine „eigene“ Sammlung verschwieg, erklärte, alles, auch seine Geschäftsunterlagen, sei im Bombenhagel verbrannt. Selbst vor den Amerikanern verbarg er ein ganzes französisches Konvolut. Dank seiner weitreichenden Netzwerke überstand er alle Entnazifizierungsverfahren. Und die eigene, geheim gehaltene, nie hinterfragte Sammlung kam in Gänze dann in die Obhut des introvertierten, überforderten Sohnes Cornelius. Dessen sonderbar-tragische Geschichte ist seit 2012 hinlänglich und unrühmlich bekannt.

Hildebrand Gurlitt, eine zwiespältige Kunstseele und ein Ehrgeizling in der schwärzesten Zeit Deutschlands, zu diesem Fazit kommen die Autorinnen, war engagiert, solange es ihm halbwegs gut ging. Er war Opportunist, weil der Überlebensdruck übermächtig war. Ein deutsches Schicksal?

Hoffmann und Kuhn haben sich für die Erkenntnis dieser so desillusionierenden wie für Millionen Deutscher nach 1933 nicht untypischen Handlungsweise durch Archivalien, Dokumenten, Schriften und Belegen gewühlt. Zupackend machten sie den Anfang, mehr Licht in diese ambivalente, nicht zuletzt filmreife Causa Gurlitt zu bringen.

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