"Papa, weißt du überhaupt, wer ich bin?“, fragt Arno Geiger seinen Vater. „Die Frage machte ihn verlegen, er wandte sich zu Katharina und sagte scherzend mit einer Handbewegung in meine Richtung: ,Als ob das so interessant wäre.‘“
Nun wäre das selbstredend schon interessant. Dieses Buch aber führt in eine Region, in der sich nichts mehr von selbst versteht. Das ist eine Katastrophe. Arno Geiger, der Sohn, Beobachter und Schriftsteller, sieht ihr ins Auge und kann zugleich nicht anders, als auch ihr literarisches Potenzial zu erkennen: dass in Sätzen seines Vaters Formulierungen mitschwingen, die von Bernhard oder Kafka sein könnten. „Ich bin nichts mehr“, sagt der Vater. „Du und ich“, sagt er, „wir werden uns das Leben gegenseitig so angenehm wie möglich machen, und wenn uns das nicht gelingt, wird eben einer von uns das Nachsehen haben.“ Der Sohn schreibt: „Warum fällt mir so etwas nicht ein!“
Festklammern an der Heimat
August Geiger, Jahrgang 1926, eines von zehn Kindern eines österreichischen Kleinbauern, ist Kriegsteilnehmer und -gefangener, überlebt im Lager eine schwere Ruhr, arbeitet nach seiner Rückkehr selbst als Bauer und Gemeindeschreiber in Wolfurt, wo 1968 Arno Geiger geboren wird. Die Ehe der Eltern ist glücklos, unterscheidet sich darin aber nicht grundsätzlich von anderen Ehen. Den Vater lernen wir aus Sicht des sich erinnernden Sohnes als stillen, zurückgezogenen Mann kennen.
Er zeichnet sich durch die merkwürdig standhafte Weigerung aus zu verreisen (nichts würde die Mutter lieber tun). Erst im Zuge der Krankheit begreift der Sohn, dass das Festklammern an der Heimat eine Folge der Erlebnisse als Kriegsgefangener ist. Während der Sohn aber beginnt zu verstehen, was den Vater so beharrlich im eigenen Wolfurter Haus hält, geht diesem genau jener Halt verloren. Immer wieder muss der Sohn ihm versichern, dass er hier wohnt. „Ich glaube es dir, aber mit Vorbehalt. Und jetzt will ich nach Hause.“
Die Anfänge der Alzheimer-Erkrankung von August Geiger lassen sich offenbar tief in die neunziger Jahre zurückverfolgen. Die Familie registriert die Trägheit und Vergesslichkeit, „ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel“ beginnt, „mit dem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und mit der Krankheit als Katze“. Die Diagnose, man hört das nicht zum ersten Mal, ist fast eine Erleichterung. „Wir dachten, seine Defizite kämen vom Nichtstun. Dabei war es umgekehrt, das Nichtstun kam von den Defiziten.“
Mit offenen Karten
Während „der alte König in seinem Exil“ – das ist auch der shakespearisch mächtige Buchtitel – „rat- und rastlos“ umherirrt, pendelt Arno Geiger zwischen seinem Leben als Sohn in Wolfurt und seinem Leben als Schriftsteller in Wien und anderswo und pendelt sein Buch zwischen einem facettenreichen Bericht über die Krankheit und einem ebenso facettenreichen Bericht über den Vater. Beides geschieht ohne Schonung, aber mit einer Zuneigung, die literarisch ein Fiasko sein müsste. Ist es aber nicht.
Tatsächlich zeigen sich Arno Geigers außerordentliche Fähigkeiten als Schriftsteller in diesem Text, der keineswegs in erster Linie darauf abzielt, Literatur zu sein, geradezu kristallklar. Denn abzüglich des erzählerischen Einfalls bleiben: Das zuletzt in „Alles über Sally“ demonstrierte frappierende Einpassungsvermögen in das Leben eines sehr Anderen. Eine sprachliche Unverblümtheit, die nie unbeholfen ist und nie Manier. Eine Liebe zu den Menschen, von denen er erzählt, die ihm nicht den Blick versperrt, sondern diesen frei zu machen scheint, um zum Wesentlichen zu kommen.
Und man kann sich zum Beispiel zwar fragen, ob man die Lesefrüchte des Autors so direkt präsentiert bekommen möchte wie hier, Kundera, Proust, Derrida, Felix Hartlaub, Thomas Hardy, Julien Green. Aber da ist er eben, der Schriftsteller als Leser und Intellektueller, der seinerseits Raster verwendet, um zu sortieren, was er erlebt. Arno Geiger spielt ein Spiel mit offenen Karten, das er letztlich immer gewinnt.
Kein Abschied
Auch ein paar Sentenzen gegen Ende treten zurück gegenüber der Gratwanderung, die Arno Geiger absolviert: Über den eigenen Vater zu schreiben, ohne ihn bloßzustellen. Einer Krankheit Mehrwert zuzuschreiben, ohne peinlich zu werden (der Sinn des Leidens, ein Minenfeld). Denn nicht nur erscheint ihm Alzheimer und der damit einhergehende Überblicksverlust als „Krankheit des Jahrhunderts“, sondern er erklärt: „Der tägliche Umgang mit dem Vater ließ mich nicht mehr nur erschöpft zurück, sondern immer öfter in einem Zustand der Inspiriertheit.“ Das sind individuelle Erfahrungen, räumt Geiger ein.
Dieses Buch ist eine Herzensangelegenheit, aber keine sentimentale, sondern eine, die der Autor an sich selbst feststellt, die er aufmerksam reflektiert. Dass er nicht der erste ist, der über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters schreibt, thematisiert er nicht. Aber der Leser kommt nicht umhin, sein Buch im scharfen Kontrast zu Tilman Jens’ „Demenz. Abschied von meinem Vater“ zu lesen, nicht nur mit Blick auf das Gefälle im Reflexionsinteresse. Arno Geiger nimmt außerdem nicht Abschied, im Gegenteil. Dass sich hier außerdem zwei Söhne abarbeiten: spannend.
Als Schriftsteller ist Arno Geiger keiner, der es seinen Lesern kompliziert machen möchte. O ja, wird fatalerweise erneut der eine oder andere sagen, auch ich habe etwas zu erzählen und will es nun doch einmal wagen. Es ist sonderbar, in diesem Zusammenhang über Geschmackssicherheit zu sprechen, aber damit hat es auch zu tun.
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Hanser Verlag, München 2011, 189 Seiten, 17,90 Euro.